Selbstbildnis von Remo Roth (2010) © Remo Roth

Der «Weltgerümpelberg» wird immer höher

Der Kunstschaffende Remo Roth, 91, ist 1934 in Wangen an der Aare geboren und in Zürich aufgewachsen. Nach Lebensphasen in Italien und Paris hat er 2013 seine Zürcher Atelier-Heimat verlassen und wohnt seither mit seiner Partnerin in Muri AG. ‹Seniorweb›-Redaktor Beat Steiger hat ihn besucht.

Haben Sie in Muri eine neue Heimat gefunden? Leben und wohnen Sie hier oder sind Sie hier «wohn-haft»?

Remo Roth: Das, was man unter Wohnen und dessen gesellschaftlichem Wertverständnis (dem konventionellen TV-Polstergruppen-Dasein) versteht, erlebte ich in der Tat oft als eine sanfte Art von Haft, in der mir ganz bestimmte Freiheiten genommen waren, was ein Gefühl von Engnis erzeugte – bei mir selbst vor allem in arbeitsökonomischer Hinsicht. Ich wollte nach getaner Arbeit nicht zurück in eine gute Stube, sondern bei den Bildern bleiben. Im Alter jedoch begann ich ein gewöhnliches, aber spartanisches Wohnen zu schätzen. Ich hatte ja die meiste Zeit meines Erwachsenendaseins in bescheidenen Atelier-Verhältnissen gelebt, vom Bett an den Arbeitstisch und umgekehrt. Zu meiner Lebensart gehört, dass ich seit fünfzig Jahren nicht mehr selbst Auto fahre und nur noch mit dem Kopf in die Welt hinausfliege. Heute geniesse ich die Vorzüge eines zentralen Wohnorts, einer guten Infrastruktur und einer wunderbaren Partnerschaft.

Aber was Heimat sein soll, ist eine schwierige Frage, die mich stets beschäftigte, weil sie mit so vielen Ungereimtheiten in meiner Biografie zusammenhängt. Heimat ist für mich ambivalent. Da wo ich mich gerade aufhalte und mich verbunden fühle, da erkenne ich meine tiefere Heimat, auch in den Büchern, Bildern und Architekturen, in der Musik, in den Sprachen und Kulturen und vor allem in den unberührten Winkeln der Natur, wo es sie noch gibt, und nicht zuletzt in mir selbst. Sozialpolitisch gesehen fühle ich mich selbstverständlich aufgehoben in unserer gut organisierten, sozial agierenden Körperschaft – Schweiz genannt – und bin dankbar dafür. Für soziale Anliegen habe ich mich auch politisch immer eingesetzt. Aber eine erweiterte Heimat könnte auch Europa heissen oder sich in einem sozialen, Länder übergreifenden Werteverbund manifestieren. Das Heimattümelnde selbst ist mir fremd. Der Begriff Heimat schafft vielleicht auch eine Art von Identität, aber wer sie sucht, findet meist ein Trugbild.

Wie geht es Ihnen im Moment? Was vermissen Sie, was wollen Sie, wie leben Sie?

Die weltpolitische und die ökologische Lage macht mir grosse Sorgen. Wie ich lebe? Ich koche mir täglich mein geistiges Süppchen. Schade nur, dass immer mehr Arzttermine meine Gedanken- und Arbeitsschleifen durchkreuzen.

Zu Ihrer Schaffensweise in den 1970er-Jahren sagten Sie einmal: «Landschaft und Raum werden mit Gerätschaften, Stangen und Kurbeln, Strassensperren und Brettern, zuweilen auch mit Schachteln verstellt und verriegelt. Der Mensch wird eingebunden ins Räderwerk einer durchmechanisierten Welt und bleibt in seiner Freiheit limitiert.» Ist dies immer noch ihr Lebensgefühl im 91. Lebensjahr?

Ja, sogar zunehmend. Der ‹Weltgerümpelberg› wird immer höher. In den 1970er-Jahren konnte man noch vom mechanistischen Weltengetriebe sprechen, heute sind die Werkzeuge leiser und noch hinterhältiger. Man hat Dinge entwickelt, die angeblich zum Wohle des Zusammenlebens gedacht waren. Man geht manchmal sogar so weit zu sagen: Krieg sei auch ein Motor technischen Fortschritts. Krieg in diesem Zusammenhang zu rechtfertigen, empfinde ich als zynisch. Ob ich auf altmodische Weise oder auf digitalem Weg Not und Elend erlebe, ist doch dasselbe. Not ist Not und ein Verbrechen ist immer ein Verbrechen.

Destruktiv wirkt auch das unnötig sich Verändernde: Man baut Apparate mit künstlichem Verfalldatum usw… deshalb die Metaphern in meinen damaligen Bildern und plastischen Arbeiten: die Schranken, Sperren, Verriegelungen. Diese symbolhaltigen Zeichen können gleichzeitig Metaphern für Schutz oder Unfreiheit sein.

Der Mensch missbraucht seine eigene beste Gabe, die Innovationskraft, auf verheerende Weise. Was ursprünglich zum Guten gedacht war, wird unheilvoll. Ich denke im Moment an das digitale Instrumentarium, an 3D-Drucker, Robotik oder an die Crispr/cas-Genscheren. Oder gehen wir weit zurück: das Rad! Ja – selbst die Sonnenenergie wird missbraucht. Die Hightech-Industrie, wie z.B. im Silicon-Valley bestimmt, wos lang geht. Wohin es führt, das sehen wir ja momentan bildhaft. In diesem aggressiven, nervösen und kalten Lebensklima haben tradierte Poesie und Kunst künftig keinen Platz mehr. Ich sehe das jedenfalls so und kann diesen äusseren Druck mit meiner Vorstellung von unaufgeregtem Leben in Würde und Frieden nicht in Einklang bringen.

In meiner stillen Klause studiere ich Zusammenhänge und frage nach Gründen, die unter anderem wohl in der Stammesgeschichte des Menschen zu suchen sind. Dazu gehört auch die problematische Entwicklung der sinnlichen Wahrnehmung. Das Ästhetische ist ein Schlüssel bewusster Lebensgestaltung und nicht ein subjektives Verständnis des Schönen. Ästhetik wird falsch verstanden. Über ihre stille Position, die sie in unserem Leben einnimmt, habe ich jüngst ein Buch geschrieben, das auf meinem Gedanken-Tagebuch basiert, das ich seit 50 Jahren führe, das aber noch nicht veröffentlicht ist. (Das 471-seitige Buch mit dem Titel «Eigenbrot» liegt erst als Probedruck vor. bs)

Die moderne Gesellschaft hat prioritär vor allem ein Mengenproblem, dem ein materialistisches Denken zugrunde liegt. Was ursprünglich dem Überlebenstrieb geschuldet war, hat sich unter anderen Vorzeichen in die Neuzeit perpetuiert und erscheint – nicht erst seit der industriellen Revolution – in der Form von Masse und Macht … und Macht ist materialistisch. Seit Jahrtausenden warten die Fragen zu Weisheit, Würde und Wohlergehen darauf, schlüssig beantwortet und umgesetzt zu werden.

«Der inflationären Ausbeutung der Farbe durch Werbung und Produkt-Design» antworten Sie «mit grau-farbiger Malerei», etwa in Ihrem Buch «Hantieren mit Höhlengrau.» Höhlengrau ist für Sie «ein mittleres Grau, das man dann wahrnimmt, wenn das Auge an Dunkelheit adaptiert und sonst keinerlei Reizen ausgesetzt ist.» Sind für Sie Farben trügerisch?

Ja – auch ambivalent. Farbe ist ein Reiz-In­strument. Sie führt das Insekt oder den Vogel ans richtige Ziel, auch die Menschen mit ihren Sinnen. Aber welches Ziel ist denn für die Menschen das richtige? Vielleicht der nächstbeste Modeladen oder das Autohaus. Vielleicht ist eine Etikette, eine Verpackung reizvoll. Ihr Inhalt vielleicht weniger. Farbe wird konsumistisch banalisiert und hat in diesem Zusammenhang mit poetischer oder authentisch-sinnlicher Kraft fast nichts mehr zu tun. Auch die Symbolwelt der Farben geht uns durch die Übernutzung verloren. Der einzelne Mensch ist nicht einmal mehr fähig, im Farben- und Formenspiel am Himmel die Wetterwechsel herauszulesen oder den feinen Geruch nach Schnee wahrzunehmen.

‹Mein› Höhlengrau: Nicht zu verwechseln mit dem wissenschaftlichen Begriff des zentralen Höhlengraus, der damit eine Ansammlung von Nervenzellkörpern im Mittelhirn meint. Der Begriff, wie ich ihn verwende, bezeichnet genau das, wie es in Ihrer Frage zum Ausdruck kommt. Ich hantierte und hantiere noch heute damit. Das heisst, ich legte damals, in den 1980er-Jahren, schützende Schichtungen von Grau oder Schwarz über die bereits bemalte Leinwand und liess an bestimmten Nahtstellen und an den Rändern Farbsprenkel aufscheinen, oder ich trug das farbige Grau schichtweise in dünnen Strichelungen sparsam auf, in beinah homöopathischen Dosen in der Meinung, das poetische Auge des Betrachters, sofern er eines hat, könne so der Farbe trotzdem oder eben erst recht gewahr werden.

Hat Ihr Schaffen auch eine metaphysische Dimension?

Die dem modernen Menschen verloren gegangenen metaphysischen Bindungen sind Teil eines ästhetischen Diskurses, denn der Anfang allen bildnerischen Schaffens ist ursächlich in der Symbolik hierarchisch organisierter Mythen eingebunden. Ich denke dabei unter anderem an die Höhlenmalerei oder an das Christentum, wo die alten Ikonen ein Beispiel dafür sind.

Inwiefern hat der Philosoph E.M. Cioran Sie durch das Leben begleitet, der durch seine stilistisch brillanten, aber pessimistischen Aphorismen unter den französischen Existenzialisten starke Beachtung fand?

«Ich bin ein Sekretär meiner Empfindungen … ich betrachte alles, was ich geschrieben habe nicht als Theorie, sondern als Kur für mich selbst», heisst es in seinem Buch «Lehre vom Zerfall». Und die Dichterin Ilse Aichinger hat einmal in ihr Tagebuch geschrieben: «Terrassenförmig die Lippen. Täglich 1 Cioran, und die heile Welt ist zur Kenntlichkeit entstellt.»

Emil Ciorans bissige Analysen, ebenso die Aufzeichnungen Elias Canettis und Sigmund Freuds «Das Unbehagen in der Kultur» haben mir die Augen geöffnet, das heisst, sie haben dazu beigetragen, dass ich mich weitgehend und wohltuend aus dem Gespinst von Illusionen und Trugschlüssen befreien konnte. Das erlebte ich damals nicht nur als ernüchternde Kost, sondern als Eröffnung neuer, kritischer Denkmuster.

Nach der Jahrtausendwende ziehen Sie sich immer mehr aus der Kunstszene zurück. Sie schreiben Gedichte und zeichnen. Wie kommt es zu dieser Wandlung?

Oh – das geschah schleichend und entwickelte sich aus der Gewichtung meiner Präferenzen. Ich las sehr viel in meinem kleinen Murianer-Zimmeratelier und – um es mit Wolfgang Borchert zu sagen – draussen vor der Tür veränderte sich nicht nur die schnelle Alltagswelt, sondern auch das kulturelle Klima. Und was das Zeichnen anbetrifft, das möchte ich mit einem schönen Zitat Paul Klees illustrieren, dessen Stimmung mir für mein jetzt eher introvertiertes Schaffen zu passen scheint: «Ich will sein wie neugeboren, überhaupt nichts über Europa wissen, Tatsachen und Moden nicht kennen, fast primitiv sein. Dann will ich etwas sehr Bescheidenes machen, ganz allein ein winziges formales Motiv ausarbeiten, das mein Bleistift ohne jede Technik umreissen kann, aber – es ist weniger eine Sache des Willens als des Schicksals.»

Auf Seite 1 von «Hantieren mit Höhlengrau» schreiben Sie: «Ich liebe dieses tägliche Eindringen in die Rückstände des Alltags, dieses lustvolle Erschliessen der Welt, obschon ich weiss, nur ein Vorübergehender zu sein; einer der sich den Verwandlungen des Lichts verschrieben hat.» Das haben Sie 1993 veröffentlicht. Sind Sie im Jahre 2025 als 91-Jähriger ein Vorübergehender? Haben Sie sich mit der Endlichkeit angefreundet?

Kürzlich – auf einer Kulturreise ins Ruhrgebiet – eröffnete sich mir erneut und exemplarisch der Sinn des Begriffs «Rückstände des Alltags». Einer Schrift von Andreas Rossmann über das Gebiet entnahm ich unter dem Titel «Der Rauch verbindet die Städte» nicht mehr folgende Sätze: «Hochöfen … als mächtige Eisengerüste, als bizarre Grossplastiken ragen sie, inzwischen angefressen von Rost, in den Himmel und setzen monströse Zeichen; Symbole der ‹alten› Industrie und der Naturbeherrschung. Flammen und Flugstaub, Dampf und Gase, Rauch und Russ verbinden sich mit dem Bild, das in der Erinnerung oder auch in der Kunst aufgehoben ist.» Das heisst, die Schlackenhalden sind heute begrünt und die ehemals heissen Herzen der Zechen werden unter anderem durch nüchtern-elegante Umbauten einem musealen Zweck zugeführt.

Und zur Verwandlung des Lichts: Ich bin nicht der Apriori-Freudenspender oder Glücksratgeber, sondern eher der betrachtende Analytiker oder Kritiker – ich wehre mich damit auch für mein dünnes Nervengeflecht auf der Suche nach Licht. Denn mit seiner visuell-ästhetischen Sensibilität ist der tradierte Bildner oft sehr allein. Das zeigt die jüngere Kunstgeschichte augenfällig und ist wohl ein kulturpolitisches Phänomen in der Entwicklung des modernen Menschen seit der Renaissance.

Ja, man ist zeitlebens ein Vorübergehender und unsere Endlichkeit beendet den Gang. Ich lasse es auf mich zukommen. Was mir mehr Sorgen bereitet, das sind die Umstände ums Ableben und – was diese für die Hinterbliebenen bedeuten könnten.

* Dieser Artikel ist zuerst auf seniorweb.ch
erschienen.