«Der Weg zu ihrem Ziel existiert nicht»

Die neue Wettbewerbskategorie «Opera Prima» für Langfilmerstlinge an den Solothurner Filmtagen ist nicht mit einer Nachwuchsplattform zu verwechseln. Sie ist das Sammelbecken aller Erstlinge der aktuellen Auswahl. Von den 15 Co-RegisseurInnen sind zwei im engeren Sinne jung und zwei auf der Zielgeraden ins Rentenalter.

 

Mit grossem Abstand das eindringlichste Filmerlebnis in Sachen inhaltlicher Dringlichkeit und formaler Raffinesse ermöglicht «The Saint of the Impossible» von Marc Wilkins. Erstaunlicherweise gehört er zu den seltenen Vertretern des Handwerks, dessen Vita sich nicht wie die Aneinanderreihung von Studienabschlüssen liest, sondern allein auf Praxis fusst. Das Drehbuch lehnt sich an einen Roman von Anton Grunberg. Im Zentrum stehen die heranwachsenden Brüder Paul und Tito (Marcelo und Adriano Durand), die als illegale Einwanderer in New York ihre alleinerziehende Mutter Raffaela (Magalie Solier) beim Geldverdienen unterstützen, wo sie können. Ihre gefährdete Lage ohne Aussicht auf merkliche Besserung lässt sie allabendlich zu Santa Rita beten, der Heiligen für das Unmögliche. Und siehe da, für alle drei scheint sich eine Entwicklung zum Besseren abzuzeichnen. Den Jungspunden begegnet in der Englischklasse die schöne Kroatin Kristin (Tara Thaller), auf die sie prompt alle ihre noch sehr naiv-unbeholfenen, erotischen Träume projizieren. Die schöne Raffaela wird als Kellnerin mehrmals täglich amourös umworben, doch erst gegenüber dem Schweizer Ewald (Simon Käser) signalisiert auch sie Interesse. Denn sein Bild einer besseren Zukunft ist kein offensichtlicher Tagtraum, sondern scheint mit sehr viel Mut und Anstrengung realisierbar: eine Selbstständigkeit als «Mama Burrito», die zu Hause kocht und mithilfe der Söhne als Velokuriere nach Hause liefert. Die glänzenden Fassaden der beiden Nebenfiguren entpuppen sich je als Trugbild. Ewalds anfängliche Hilfe verwandelt sich rasch in eine machohafte Chefallüre, die Raffaelas Selbstbestimmung noch stärker unterjocht als ihr bisheriger Boss. Auch hinter der äusserlichen Modelschönheit Kristins verbergen sich Abgründe. Um das Geld für die Anwälte ihres geliebten Paul aufbringen zu können, prostituiert sie sich im Akkord, was selbst Demütigungen in aller Öffentlichkeit beinhaltet. Doch ihr Traum platzt jäh, als Pauls Kleinfamilie vor dem Gefängnis auf ihn wartet und er Kristin keines Blickes würdigt. Im Kleid der weissen Unschuld irrt sie durch die Stadt und entwickelt einen Racheplan. Zuvor aber erfüllt sie Paul und Tito ihren ersehnten Wunsch des sexuellen Erstkontaktes, nimmt ihnen aber das Versprechen ab, sich jederzeit für sie zu verwenden, sollten sie mal hören, dass schlecht über sie geredet würde. Kristins Racheakt wird zur Schlagzeile des Tages, und die blauäugigen Jungs sprengen eine Pressemeute, um Gutes über Kristin in die Kameras zu sagen. Raffaela entledigt sich ihres falschen Helfers und Beschützers sehr energisch, was in der Kombination der Befreiung aller drei Familienmitglieder für einen kurzen Moment beinahe eine Hinwendung zur Idylle zu werden scheint. Doch die Realität grätscht allen rein. Eine Geschichte über die Schattenseite des sogenannten amerikanischen Traums, die nicht zum Heldenepos taugt.

 

Eine bessere Zukunft

Sehr viel trockener, beinahe schon zäh fängt Nina Stefanka in ihrer Langzeitdokumentation «Miraggio» den Alltag von sechs malischen Flüchtlingen in Italien ein. Kein Off-Kommentar, keine politische oder moralische Einordnung, sondern das blosse Abbilden ermöglicht einen starken Eindruck von der freischwebenden Ungewissheit, die sich für Issa, Drissa, Bubu, Sekou, Alassane und Yassine an Stelle ihrer grossen Hoffnung breitgemacht hat und sie allmählich zermürbt. Ob sie in den letzten fünf Jahren durch halb Italien der Feldarbeit nachgereist sind und doch nie ein Auskommen fanden, das den Aufbau einer gesicherten Existenz ermöglicht hätte, oder sich als Obdachlose in Rom irgendwie durchschlagen und sich mit Bekannten während ihrer endlos langen Tage beratschlagen, mit welcher Geschichte sie wohl beim Migrationsamt die besten Aussichten auf eine dauerhafte Aufnahme erwirken könnten, sie befinden sich alle in derselben Zwickmühle. Zur Wahl stehen: Pest oder Cholera. Entscheidungshemmnisse sind die Bringschuld gegenüber den Familien zu Hause und der ihrer aktuellen Realität zuwiderlaufende, aber stark ausgeprägte Wille, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen und damit die Aussicht auf ein besseres Leben in Selbstbestimmung und einem Mindestmass an wirtschaftlicher Fortüne doch noch erfüllt zu sehen. Herausragend an diesem Film ist seine Distanziertheit, ja nachgerade neutrale Beobachtungshaltung. Keinerlei tendenziöse Dramatisierung erhebt diese Schicksale über ihre zigtausendfache Entsprechung, womit es der Regisseurin glückt, die Gretchenfrage direkt in Richtung Publikum zu kanalisieren. So erreicht sie Herz wie Intellekt viel unmittelbarer als mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger, denn Nina Stefanka stürzt damit die ZuschauerInnen höchstselbst in die Bredouille einer vermeintlichen Wahl. Touché!

Regelrecht gutgemeint, mitsamt Unterton, agiert demgegenüber die Volksschullehrerin Marina Lang (Rahel Braunschweig) in ihrer Hilfestellung für den Schwarzarbeiter ohne Aufenthaltserlaubnis aus der Ukraine, Artem Kondakov (Alexey Serebryakov), dem Vater ihrer Schülerin Ulyana (Masha Demiri). In Christian Johannes Kochs Spielfilm «Spagat» unterhält Marina mit Artem eine geheime heisse Liebesaffäre, die auffliegt, als Ulyana wegen eines Ladendiebstahls polizeilich in Erscheinung tritt und damit auch die Schulbehörde unter Zugzwang setzt. Ein Arbeitsunfall des Vaters erfordert darüber hinaus eine Operation. Ein kostspieliges Unterfangen – ohne Versicherung. Zwar gelingt es Artem mitsamt Tochter in der Community der Ukrainischen Diaspora im fernen Zürich unterzutauchen, doch die talentierte Bodenturnerin Ulyana will unbedingt zur bevorstehenden Meisterschaft antreten. Aussicht auf den Sieg hat sie. Doch damit brächte sie sich und ihren Vater potenziell in Gefahr, weil sie eventuell mit Bild in der Lokalpresse gefeiert würde und so ihre klandestine Existenz unter dem Radar sämtlicher Behörden gefährdete. Also hats der Vater verboten. Ulyana ist nicht verlegen, Frau Lang damit zu erpressen, ihre Liaison zu ihrem Vater Marinas Ehemann Jörg (Michael Neuenschwander) zu verraten, um die elterliche Einwilligung mit einer sogar real vorzeigbaren ‹Mutter› dem Trainer unterbreiten zu können. Marina gerät immer tiefer in einen blinden Eifer des Helfens. Sie bezahlt die Spitalrechnung, beschafft den beiden sogar eine neue Wohnung, deren Miete sie berappen will, und bringt Ulyana entgegen sämtlicher schrill tönender Alarmglocken auch noch bei ihrer eigenen Familie unter. Kochs Drehbuch (gemeinsam mit Josa Sesink) kennt allein die Richtung der Zuspitzung, die darin gipfelt, dass Marina erfährt, dass Ulyanas Mutter entgegen der bisherigen Annahme keineswegs verstorben ist, was ihre bisherige Euphorie in ein Gefühl des Betrogenseins verkehrt. Die eigentlich zentrale Figur mit letztlich auch dem dramatischsten Schicksal ist Ulyana, die in jedem Fall keine Aussicht auf Selbstbestimmung hat. Der Konflikt ihrer Figur könnte durchaus stärker hervorgehoben werden, ebenso die an sich hochproblematische Perspektive Marina Langs auf das von ihr als ‹Liebe› wahrgenommene Verhältnis zu Artem. 

 

Jung sein ist scheisse

Gleich drei Filme widmen sich, mehr oder weniger geglückt, der Ambivalenz der Jugend. Vlady Ozkiel verfilmt mit «Lieblingsmenschen» einen Theaterstoff von Laura de Weck. Fünf Menschen, geschätzt um die Dreissig, verbringen miteinander ein Wochenende in einem Landhaus und chillen. Jule (Ariane Pochon) und Darius (Björn von der Wellen) waren offenbar mal ein Paar. Der Filmbeschrieb meint, das Wochenende wäre der Versuch ihrer Wiederversöhnung, wozu noch weitere Bekannte eingeladen würden, damit es nicht gar so ätzend ausfalle, falls es ätzend werden würde – aber der Film in sich gibt diese Lesart nicht nachvollziehbar wieder. Aus dem Film herauslesbar wird anderes. Die Hauptfrage – beim Sex, beim Studium, bei allem – lautet: «Und, machts Spass?» Diese Prämisse wird zusehends zu einem Druckmittel, ja einem regelrechtem Zwang, unter dessen Fuchtel sich alle winden und sich zu Ausflüchten bis Lügenmärchen verbiegen, bis sie sich erst recht scheisse fühlen. Lili (Gabriela Lindlova) fragt Jule, ob es okay sei, bevor sie Darius vernascht, und büsst ihre Fehlinterpretation am Folgetag mit der Kündigung der Freundschaft durch Jule. Anna (Anna Rausch) ist die Vorzeigefigur. Seit 13 Jahren glücklich liiert, beruflich erfolgreich – und sterbenslangweilig. Dabei ist sie todunglücklich und ihre Fassade ist längst nurmehr ein Potemkinsches Dorf. Als Fünfter im Bunde zerredet Sven (Roger Kesten) alles, aber auch wirklich alles und vermasselt sich damit sogar ein Schäferstündchen mit Jule. Als Rahmenhandlung tritt Uwe Preuss als Apotheker o.ä. auf, der Menschenherzen seziert und wissenschaftliche Herzbetrachtungen von sich gibt, die insgesamt aber eher einen Hauch von altkluger Pseudopoesie verströmen. Obschon sämtliche Figuren Abziehbilder ihrer selbst bleiben, wird klar: Sexualität ist ein mega Tabu und eine todernste Angelegenheit, womit ihr jede Leichtigkeit, also ihr eigentlicher (Lust-)Gewinn, fehlt, und jeder Anflug einer Haltung alias Rückgrat wird sofort zuhanden der Gefallsucht also der Anerkennung durch die Gruppe, geopfert.

Iliana Estañol und Johanna Lietha fächern die Thematik des verlogenen, schönen Scheins in «Lovecut» so weit auf, dass zuletzt der Verdacht naheliegt, hier habe die politische Überkorrektheit am Drehbuch mitgeschrieben. Ihre ProtagonistInnen sind an der Schwelle vom Teen zum Twen. Anne (Sarah Toth) und ihr etwas älterer Lover Jakob (Kerem Abdelhamed) suchen den Thrill. Sie crashen Hotelzimmer und filmen sich beim Sex. Die Resultate lassen die Frage aufkommen, ob damit das Studium finanziert werden könnte, wenn sie die Filmchen ins Netzt stellten. Die schwarze Momo (Melissa Irowa) verliebt sich im Onlinechat in Alex (Valentin Gruber). Sie masturbieren vor der Bildschirmkamera gemeinsam, so denkt sich das Momo zumindest, und sie möchte ‹es› endlich erleben – mit Alex. Dieser aber sitzt querschnittgelähmt im Rollstuhl und ist ohne medizinische Unterstützung zu keiner Erektion fähig. Beides verschweigt er ihr. Das letzte Paar sind die aufmüpfige Luka (Luca von Schrader), die von zu Hause abhauen will, und der auf Bewährung befindliche Jugendstraftäter Ben (Maximilian Kuess), den sie überredet, bei den eigenen Eltern einzubrechen. Fehlt nur noch eine transidente und eine homosexuelle Person und fertig wäre der Diversitätsunterricht, der jede erdenkliche Problemkonstellation – mit Betonung auf Problem – einer fiktionalisierten nationalen Jugendumfrage, zumindest formal streift, um deren Existenzrecht als gleichberechtigt hinzustellen. Vor lauter Vielfalt verliert der Film letztlich seine Stringenz.

Komplett aus dem Ruder läuft das Experiment Narration in «Das Ende der Unschuld» von Daniel Best Arias. Er stellt sehr viel Personal in nicht restlos entschlüsselbare zeitliche Zusammenhänge von Ereignissen. Alles ist Rausch. Die Musik, die Handlungen, die Verwirrung der eigentlichen Story. Klar ist nur, dass Manuela (Wanda Winzenried) und Vanessa (Seraphina Schweiger) und Diego (Gabriel Noah Maurer) am Rand einer Privatparty einen Dreier hatten. Und dass davon eine Filmaufnahme existiert. Und dass dieser im Internet gelandet ist. Weiter klar ist, dass seither monatelang Funkstille herrschte und die ehemals besten Freund­innen einander jetzt feindselig gegenüberstehen. Trotzdem bittet Vanessa Manuela, zu ihr nach Biel zu kommen. Zur Aussprache. Und um Manuela  zu verkünden, sie sei schwanger und wolle das Kind zusammen mit ihr grossziehen. Offensichtlich ist beiden nicht bewusst, dass da ein Film von ihrem Treiben im Internet kursiert, der die halbe Stadt Biel gesehen haben muss und die beiden Frauen sofort auf der Strasse wiedererkennt. Was zu wahllosen bierselig-testosterongesteuerten Schlägereien führt. Dann ist da noch ein Ramon (Andrew Hale), entweder der Folgelover, der Bruder oder ein Mitläufer-Mitbewohner Vanessas, der sich aber wie ein Stalker sehr hartnäckig gegen eine zu intensive Einmischung Manuelas wehrt und offenbar letztlich der Urheber des Videos war, das er zum Schutz Vanessas online gestellt haben will. In der aktuellen Schnittfassung führt die sichtliche Bemühung um experimentelle Erzählweise allein in die Verwirrung, und es bleibt schleierhaft, welches der vielen angetippten Subthemen in einer Bedeutungshierarchie für den Erzähler wo steht. Passenderweise findet sich im Abspann auch niemand zusätzlich für Dramaturgie verantwortlich.

 

Mit dem Sein zurechtkommen

Der Titelsatz, «Der Weg zu ihrem Ziel existiert nicht», stammt aus dem Navi von Daniel Keménys Auto, der für «sonè:» ins kalabrische Bergstädtchen Pietrapaola, dem Sehnsuchtsort seiner Kindheitserinnerungen, zurückkehren will. Und er steht exemplarisch für die meisten Spurensuchen in dieser Wettbewerbskategorie. Daniel Kemény findet den Weg, aber statt der unbeschwerten magischen Erinnerung findet er einen Ort, der überaltert ist und droht, auszusterben. So stellt er in Bild, Ton und mit der Inszenierung der Dorfgemeinschaft dieser verödenden Steinansammlung ein teilweise etwas forciert wirkendes Pathos alias Poesie entgegen. Ein recht südländisch dramatisierendes Essay. Ein im Tonfall sentimental-wehmütiges Erinnern daran, was hier mal war. Eine letzte Liebeserklärung von einem, der ausgezogen ist, um sein Glück anderswo zu finden. 

Die einzige mögliche Poesie in «Réveil sur Mars» von Dea Gjinovci findet sich in der Perspektive des jüngsten Familiensprosses Furkan. Er ist das vierte Kind einer im Kosovo ethnisch verfolgten Familie, die in Schweden zum zweiten Mal auf die Beantwortung ihres Asylantrages wartet. Die beiden ältesten Töchter Ibadeta und Djeneta liegen seit zweieinhalb und fünf Jahren im Koma, sie leiden an einer Resignationssyndrom genannten, bis im Jahr 2000 in Schweden komplett unbekannten Krankheit. Sie atmen selbstständig, müssen aber künstlich ernährt werden. Furkan, der Kleinste, baut mit der Urkraft kindlicher Imagination und der Unterstützung des örtlichen Schrotthändlers eine blinkende, lärmende Rakete, mit der er seine schlafenden Schwestern in ein anderes Leben auf dem Mars fliegen will. Die Wissenschaft weiss erst, dass diese Apathie durch Schock respektive Stress ausgelöst wird und häufig Geflüchtete betrifft, die von ihrer Abschiebung erfahren. 

Nachvollziehbar sehr schwer tut sich Floriane Closuit mit ihrer fortschreitenden Multiplen Sklerose, worüber sie während mehreren Jahren ein Filmtagebuch geführt hat, das sie «Salvataggio» nach einer italienischen Barke tauft. Natürlich ist das ein explizit ichzentrierter Film, der aber die Entwicklung im Anerkennen der eigenen Krankheit sinnbildlich darstellt. Zu Beginn wehrt sie sich mit allen Mitteln dagegen, die MS zu akzeptieren, und bringt damit ihren Mann wie die Tochter an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Bald droht ihr selbst eine ernst zu nehmende Depression, denn die Krankheit kennt nur eine Richtung: Es wird immer schlimmer. Erst als sie nach Paros übersiedelt, geht es ihr mental wie auch körperlich sichtlich besser, aber die Invalidenversicherung erlaubt keine länger als drei Monate dauernden Auslandaufenthalte. Glücklicherweise findet sie zum Ende des Filmtagebuches ein für sich selber aushaltbares und auch für die Familie sozialverträgliches Verhältnis gegenüber ihrer Lage. Sie schliesst mit den Worten: «Ich habe schon genug getrauert. Es fehlt nur noch der Prozess des Todes.»

Eine Selbstbestätigungscollage anderer Art ist «Amazonen einer Gross­stadt» von Thaïs Odermatt. Als werdende Mutter beginnt sie, die Amazone in sich zu vermissen, die sie als Kind wönniglich ausgelebt hat. In ihrer Wahlheimat Berlin findet sie in der MMA-Kämpferin Maryna, der früheren kurdischen Guerillakämpferin in Rojava Zitan und der Rapperin That Fucking Sara drei Protagonistinnen, die ihrem Bild von selbstbestimmter Kämpferinnennatur entsprechen. Der Film ist eine schnell geschnittene Found-Footage-Sammlung, in der auch weitere Aktivistinnen vorkommen, auf die sie aber leider nicht eingeht. Sie spricht sich mit dem Film offensichtlich selber Mut zu. Über ihre Definition der starken Frau dürfte unter urfeministischen Gesichtspunkten zu streiten sein. 

Der Tierfilmer, Wildhüter und Jäger Mario Theus legt in «Wild – Jäger und Sammler» einen währschaften klassischen Dokumentarfilm vor. Er selbst, die Wildhüterin Pirmina Caminada im Bündnerland, der ehemalige Wilderer und heutige Tierfilmer Urs Biffiger im Wallis und der Bauer und Jäger Stefan Kälin im Nidwaldischen liefern je ihre Perspektiven und Reflektionen auf die Jagd, was eine breite Anschauung ermöglicht, die kritische Kontroverse aber grossmehrheitlich auslässt. Die Aufnahmen der sechs (!) Kameraleute sind selbstredend naturgewaltig schön. 

Diego Hauenstein, Sohn des Clowns Olli Hauenstein, der in den 1980er-Jahren grosse Erfolge im Duo mit Illi Szekeres-Günther gefeiert hatte, zeichnet in «Ich hätte am Kronleuchter hängen bleiben müssen» das Berufs- und Privatleben des Vaters und der ihn seit Jahrzehnten begleitenden Mutter Ulrike nach. Mit vielen Fotografien und Filmzeugnissen der Zeit erzählt der Film auch vom Bedeutungsverlust in der Publikumsgunst eines einst erfolgreichen akrobatischen Unterhaltungsgenres und von der unbarmherzigen Härte eines freien Berufs auf der Bühne.

 

Widersprüche aushalten

Erzählerisch etwas sehr didaktisch aufgebaut, verhandelt René Worni mit «C’èra una volta l’albero» ein Dilemma sehr ausführlich. In Apulien, genauer in Salerno, bedroht die Zikade Zylella die Olivenbäume in ihrer Existenz, worüber ein heftiger Streit entbrannt ist. Für Grossgrundbesitzer alias industrielle Agrarfirmen ist mit einer patentierten Nachfolgepflanze die Lösung anscheinend gefunden. Für die abertausenden privaten Olivenölbauern mit kleineren Flächen aber liegt das Problem der Zirkadenzerstörung in der mangelnden Pflege durch die automatisierte und auf Profit ausgelegte Ernteausbeutung der Grossen und dass die EU-Agrarsubventionen in der Bürokratie versickern und sie ausschliessen. AktivistInnen für mehr Biodiversität wehren sich lautstark gegen diese neuere Form der Monokultur an einem Ort, wo früher alles wuchs. Durch die verschiedenen Fruchtfolgen hat die ursprüngliche Landnutzung der Auslaugung und Verwüstung des Bodens erfolgreich zuwidergearbeitet, und stellenweise gibt es sogar schon Zeugnisse davon, dass sich die teils tausendjährigen Olivenbäume nach wenigen Jahren der Verwilderung trotz der sie ausdorrenden Zylella wieder erholen können, wenn in ihrer Nähe glyphosat­resistente Pflanzen für einen Austausch von Nährstoffen sorgen. René Worni arbeitet die Gemengelage beinahe schon wissenschaftlich auf: Von den Interessen der örtlichen Bevölkerung über die Regionalpolitik bis zu von der Industrie getriebenen Interessensdekreten aus Rom und den EU-Vorgaben der Landwirtschaftssubvention auf der einen Seite bis zu grundlegenden Gedankenanstössen für ein generelles Umdenken im Sinne der Erhaltung von Vielfalt und Natürlichkeit, sowie der Problematik der Olivenölschwemme aus Tunesien und Spanien auf der anderen Seite wird hier ein Dilemma in seiner Tiefe und Breite ausgelegt. 

Die Jury der Sektion «Opera Prima» – Anja Kofmehl («Chris the Swiss»), Paolo Moretti («Quinzaine des Réalisateurs», Cannes) und Patrick Sibourd (Filmverleiher in Frankreich) – hat entschieden, «Von Fischen und Menschen» von Stefanie Klemm zum Siegerfilm dieses Wettbewerbs zu küren. Die alleinerziehende Judith (Sarah Spale) lebt mit ihrer Tochter Milla (Lia Wagner) und dem Arbeiter Gabriel (Matthias Britschgi) in einem weit abgelegenen Tal des Jura und betreibt eine Forellenzucht. Das Leben in der Abgeschiedenheit kommt Gabriel gerade zupass. Er hat eine Drogenkarriere hinter sich, die er final abschliessen will. Doch als eines Tages sein immer noch heroinsüchtiger Bruder David (Julian Koechlin) auftaucht und ihn um sehr viel Geld bittet, das er offensichtlich Dealern in der Stadt schuldet, muss sich Gabriel entscheiden. Seinen kleinen Bruder loswerden und zu einem Entzug überreden, will er eh, ihn den Häschern ausliefern – wer weiss, was sie ihm tatsächlich antun? – möchte er vermeiden, weiss aber beim besten Willen nicht wie. Die Idee Davids, eine abgelegene Tankstelle zu überfallen, scheint der einzige Ausweg zu sein. Gabriel scheint aus früheren Zeiten Erfahrung damit zu haben und schwört sich, es sei das letzte Mal. Vor Ort jedoch geschieht ein Unglück, und die fünfjährige Milla, die nur einen Kaugummi wollte, fällt mit dem Hinterkopf auf den Betonsockel der Tanksäule und stirbt. Für Judith ist Gabriel ihre einzige Stütze. Sie involviert ihn in ihre Recherche- und Rachepläne, sucht Trost bei ihm, während er es aushalten muss, die wahren Hintergründe des Unfalls vor ihr zu verbergen. Ein emotionales Huit-clos, das jedoch die anlageimmanente Spannung immer sehr rasch handlungsseitig kappt und deutliche Ansätze von Schweizer Filmbetulichkeit aufweist – das Publikum also regelrecht bei der Hand nimmt und restlos alles ausformuliert.

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