Der Markt richtets

Nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung und darum lässt sich auch nicht sagen, der Filmstart von «Bittere Ernte» käme zum falschen Zeitpunkt. Der Marktliberalismus behauptet ja auch nicht erst seit gestern, dass Hersteller in der Agrikultur weltweit eine Wahlchance hätten und darum auch jede subjektiv nicht als Verbesserung angesehene Veränderung der Produktionsbedingungen nur die Fürsprache stützten, dass eben der schrankenlose Freihandel noch nicht durchschlagend genug realisiert ist. In den Worten der Bauern, Aktivisten und Journalisten aus dem Senegal, aus Indien, Québéc und der Schweiz, die Mathieu Roy für seinen Film «Bittere Ernte» befragt hat, tönen dieselben Zusammenhänge natürlich ein klein wenig anders. Denn die Theorien, die hinter irgendwelchen Pulten entwickelt werden, vergessen in all ihren Berechnungen nach Effizienzsteigerung, dass draussen vor der Tür eine komplexere Realität als Soll und Haben herrscht. Eine Realität des Bodens, der Fruchtfolgen und Brachzeiten bevorzugt, will er nachhaltig bewirtschaftbar bleiben. Die soziale Realität von kleinteiligen Strukturen in der Agronomie, die weltweit zahlenmässig in der Mehrheit sind, aber von einer Überkapazität einer hochsubventionierten westlichen Agrar­industrie an den Rand ihrer Existenz gedrängt wird. Eine Realität von Getreidebörsen, deren Auf und Nieder von nur wenigen Multis bestimmt wird, und Wertschöpfungsketten, die für den Hersteller nur das Geringste übrig lassen.

 

Das erfreuliche an «Bittere Ernte» ist der Tonfall. Selbst wenn Mathieu Roy nur zusammenfasst, was einer interessierten Öffentlichkeit schon seit Jahrzehnten bekannt ist, verliert er sich nicht in dogmatischem Eifer, sondern bleibt betont sachlich und darin so distanziert, als halte er sein potenzielles Kinopublikum für selbstständig denkend. Es sind die Zusammenhänge, die globalen, die Schweizer Kleinbauern dieselben Sorgen bescheren wie ihren Berufskolleg­Innen rund um den Globus. Genauso wie die Politik allüberall beschwichtigende Worte findet, um ja nicht Gefahr zu laufen, zum Handeln übergehen zu müssen. froh.

 

«Bittere Ernte» spielt im Kino Kosmos.

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