1929 brannte die Holztribüne des Letzigrunds ab. Das Spiel am Nachmittag fand trotzdem statt. (Bild: Baugeschichtliches Archiv ETH)

«Der Letzigrund war lange ein Patchworkstadion»

1925 wurde das Stadion Letzigrund eröffnet. Zum 100-jährigen Geburtstag erzählt Luca Stoppa, Co-Geschäftsführer des FCZ-Museums, im Gespräch mit Gian Hedinger, wie das Stadion in den Besitz der Stadt kam und von Stadionplänen auf dem Kasernenareal.

Immer wieder hört man, Zürich habe kein Fussballstadion. Warum hat der Letzigrund eine Leichtathletikbahn?

Luca Stoppa: Die Leichtathletikbahn hatte der Letzigrund schon 1925. Der FC Zürich, der das Stadion gebaut hat, war da noch ein polysportiver Verein. Der heutige Ruderclub Zürich, der Boxclub Zürich und eben auch der Leichtathletikclub Zürich waren damals alle noch Teil des FCZ. Es war also klar, dass auch die Leichtathletik einen Platz haben musste. Bei der Eröffnung war die Leichtathletikbahn aber noch nicht fertig gebaut.

Wie kann man sich den Letzigrund von 1925 vorstellen?

Er war relativ rudimentär. Mitglieder des FC Zürich haben das Stadion in Fronarbeit gebaut und es bestand aus schlecht terrassierten Stehrampen und dem Prunkstück: Einer Holztribüne auf der Seite der Herdernstrasse. Der ‹Tagesanzeiger› bezeichnete die Tribüne als «Meisterwerk der Technik». Wenn man sich Luftaufnahmen von damals anschaut, fällt vor allem auf, wie das Umfeld des Stadions aussah. Es war der Stadtrand. An der Nordseite der Schlachthof, rund herum Bäume, Felder, sogar Kiesgruben und ein paar wenige Häuser. Altstetten war auch noch nicht Teil der Stadt Zürich.

Wie kam der FCZ denn dazu, dort ein Stadion zu bauen?

Zuvor spielte der FCZ auf dem Utogrund, wo es aber einige Probleme gab: Unter dem Boden war eine Lehmschicht, weshalb das Wasser schlecht ablief, man musste sich den Platz mit anderen Vereinen teilen und nicht zuletzt brauchte die Leichtathletiksektion mehr Platz. Der FCZ hatte zuvor schon einmal auf dem Areal des heutigen Letzi­grund gespielt und fragte dann bei der Stadt an, ob es möglich wäre, das Grundstück zu kaufen. Zuerst lehnte die Stadt ab, weil sie das Areal nach dem Ersten Weltkrieg für Ackerbau verwenden wollte. 1923 erneuerte der FCZ dann sein Gesuch und konnte den Letzigrund pachten. Damals spielte wohl auch eine Rolle, dass Lausanne und vor allem Basel schon ein Stadion hatten, in dem auch internationale Spiele ausgetragen werden konnten, Zürich wollte da natürlich mitziehen. Heute würde man von Standortmarketing sprechen.

Luca Stoppa. (Bild: zVg)

Es dauerte nicht lange, bis der Letzigrund das erste Mal negative Schlagzeilen lieferte: 1929 brannte die Holztribüne ab.

Brände in Fussballstadien waren damals nicht extrem selten, der Hardturm hat zum Beispiel auch einmal gebrannt. Die Ursache für den Brand war wohl ein elektrischer Boiler in der Garderobe. Als der Platzwart am Morgen kam, sah er, dass die Tribüne brannte. Es gibt ein kurioses Bild von diesem Tag, da das Spiel am Nachmittag trotzdem durchgeführt wurde und man im Hintergrund die eingestürzte Tribüne sieht. Verletzt wurde zum Glück niemand, der Verein kam durch die Tribüne aber in grosse Schwierigkeiten.

Inwiefern?

Anscheinend hatte man die Tribüne unterversichert. Das ergab für den FCZ ein ziemliches Loch in der Vereinskasse. Schliesslich musste der Verein noch eine neue Tribüne zahlen, die dann 1930 eröffnet wurde, was 180 000 Franken gekostet hat. Beim Material setzte man dieses Mal auf Beton. Doch zu den Kosten für die Tribüne kam noch die Wirtschaftskrise, die dazu führte, dass der FCZ in gröbere finanzielle Schieflage geriet, und um sich zu retten sein Stadion an die Stadt verkaufte. Zu dieser Zeit lösten sich auch die meisten polysportiven Sektionen vom FCZ und wurden zu eigenen Vereinen.

Seither gehört der Letzigrund der Stadt. Wie prägt das den Letzigrund?

Einerseits prägt es die Nutzung mit vielen Konzerten und Events und der Letzigrund würde wohl auch anders aussehen. Die meisten privaten Stadien finanzieren sich in der Schweiz quer, zum Beispiel durch ein Einkaufszentrum, das im Stadion integriert ist. Eine Querfinanzierung würde es auch beim aktuellen Stadionprojekt auf dem Hardturmareal geben. 

Die immer wieder aufkommenden Stadionprojekte wiederholen sich in der Geschichte des Letzigrunds. 1953 sollte auf dem Letzigrundareal beispielsweise ein grosses Stadion entstehen.

Damals wollte die Stadt, dass an der WM 1954 Spiele in Zürich ausgetragen werden können. Am Ende wurde der Hardturm ausgebaut. 1967 wollte der FCZ dann sogar seine Heimspiele im Hardturm austragen, die Stadt hätte aber den Verein nicht mehr im Letzigrund trainieren lassen, worauf der FCZ die Pläne aufgab. Dafür forderte er beim Stadtrat einen Ausbau des Letzigrunds, damit dort 40 000 Zuschauer:innen Platz finden würden. Der Stadtrat stimmte zu, Einsprachen aus der Nachbarschaft und eine Volksabstimmung beendeten das Projekt. In den 1980ern kam die Idee auf, ein Stadion auf der Kasernenwiese in den Boden einzulassen. Unter dem Stadion hätten tausende Parkplätze gebaut werden sollen. Diese Idee schaffte es aber nie über die Planungsphase hinaus. 

Der Letzigrund wurde unterdessen immer mehr ein Patchworkstadion. 1958 wurde die Westtribüne gebaut, im Norden und im Süden kamen Betonrampen dazu und so hatte man zum ersten Mal ein vollständiges Stadion beim Letzigrund. Die alte Betontribüne im Osten behielt man, was zu einem etwas improvisierten Gesamtbild führte. Interessant ist übrigens auch das Eröffnungsspiel für das neue Stadion. Es spielte nicht etwa der FCZ, sondern die Young Fellows Zürich gegen Arsenal aus England. Der FCZ war in dieser Phase hinter GC und den Young Fellows die Nummer drei in der Stadt. Die Young Fellows hatten in den 30er-Jahren ebenfalls ihr Stadion verkauft und spielten von da an im Letzigrund. 

In den 1960er- und 70er-Jahren ging es für den FCZ aufwärts. Das meistbesuchte Heimspiel aller Zeiten war 1977 gegen Liverpool mit 30 500 Menschen.

Der FCZ war in dieser Phase ein europäisches Top-Team, erreichte zwei Mal einen Halbfinal im Vorläufer der heutigen Champions League und verlor dort gegen Liverpool und Real Madrid. Das zog natürlich die Zuschauer:innen an.

30 500 Zuschauer:innen wären im heutigen Letzigrund gar nicht mehr möglich.

In den 1970er-Jahren waren die Sicherheitsbedingungen wohl auch noch etwas anders. Die heutigen Verantwortlichen von der Feuerpolizei und den Sicherheitsbehörden bekämen wohl Zustände, wenn man sieht, wie das damals gehandhabt wurde.

Interessant fand ich auch, wie tief die Zuschauer:innenzahlen noch wenige Jahre zuvor waren. 1935 verlor der FCZ 0:5 gegen Chiasso. Laut
dbfcz.ch waren gerade einmal 100 Leute am Spiel. Wie wurde der Fussball in dieser Zeit so populär?

Ich würde die Zahlen von damals etwas mit Vorsicht geniessen und es gab auch schon in den 1930er-Jahren Spiele mit mehreren tausend Zuschauer:innen. Aber es zeigt sich, dass, je professioneller der Fussball wurde, desto mehr Menschen er anzog. In den 1960er- und 70er-Jahren wurden die ersten Spieler Profis und arbeiteten nicht mehr in einem anderen Beruf. Das machte auch den Fussball besser. Ähnliches lässt sich in den letzten zwanzig Jahren beim Frauenfussball beobachten. Je professioneller die Strukturen sind, desto attraktiver wird auch das Spiel. Dies wiederum generiert mehr Publikum.

Zurück zum Letzigrund. Dort werden Anfang der 2000er-Jahre Pläne für einen Neubau geschmiedet.

Damals stand die Europameisterschaft 2008 in der Schweiz und Österreich bevor und weder der Hardturm noch der Letzigrund waren für ein EM-Spiel geeignet. Zürich hätte also kein Spiel dieser EM austragen können. Deshalb entschied man sich für einen Neubau. Wie bereits vor hundert Jahren war es also auch etwas Standortmarketing, dass Zürich ein neues Stadion bekam.

Und ebenfalls wie vor hundert Jahren gab es schon nach kurzer Zeit Probleme. Diesmal mit dem Dach.

Genau, nachdem das Stadion 2007 eröffnet wurde, stellte man 2010 fest, dass das Dach Risse hat. Daraufhin wurden dicke Stützen installiert, um das Dach zu halten. Nach der Sanierung wenige Monate später konnten die Stützen wieder entfernt werden und nach einem langen Rechtsstreit urteilte 2019 das Zürcher Obergericht, dass die Baufirma Implenia die Kosten tragen muss. 

Ein kleinerer Umbau nahmen die Fans in der Südkurve gleich selbst vor. Der neue Letzigrund war ursprünglich ein reines Sitzplatzstadion, was der Kurve nicht gefiel. Vor einem Spiel gegen St. Gallen 2010 spannte die Kurve eine Blockfahne über alle Plätze und schraubte darunter die Stühle ab. Nach etwas hin und her stellte sich schliesslich der Verein hinter das Anliegen und die Südkurve ist heute der einzige Stehplatzbereich im Letzigrund.

Mit dem neuen Stadion wurden die Konzerte immer wichtiger. Auf der Webseite des Letzigrunds werden etwa die Konzerte von Rammstein, Bruce Springsteen und den Büetzer Buebe aufgelistet, die beiden Meistertitel des FCZ im Letzigrund fehlen aber. Zeigt das auch, wo die Prioritäten der Stadt liegen?

Das würde ich so nicht sagen. Ich glaube es liegt eher daran, dass die Grasshoppers, seit sie im Letzigrund spielen, hier keinen Titel mehr gewonnen haben und man bei der Stadt sehr darauf bedacht ist, keinen Verein zu bevorzugen. 

Die beiden Vereine planen schon lange ihren Auszug aus dem Letzigrund und wollen in ein gemeinsames Stadion auf dem Hardturmareal ziehen. Wie sehen Sie die Zukunft des Letzigrunds, wenn die beiden Vereine ausziehen?

Ich bin Historiker und kein Zukunftsforscher. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Stadt dann vermehrt auf Konzerte setzt und versuchen wird, noch mehr richtig grosse Namen in das Letzi­grund zu holen. Vielleicht wäre auch ein zweites Leichtathletik-Meeting im Frühling möglich. Aber ja, wenn das Stadion steht, ist es sehr wahrscheinlich, dass nach über hundert Jahren im Letzigrund nicht mehr Klubfussball gespielt wird.