- Gedanken zur Woche
Der Dinosaurier soll weiterleben
Als ich vor über zehn Jahren diese Zeitung übernommen habe, schrieb ich: «Eine Zeitung zu übernehmen ist in der heutigen Zeit ein Wagnis. Es ist wie eine Dampfmaschinenfabrik zu übernehmen in einem Zeitalter der Hybrid-Fahrzeuge. Zusätzlich gehört das P.S. zu den letzten Erben der sozialdemokratischen Arbeiterzeitungen, die nach und nach praktisch alle verschwunden sind. Ein Dinosaurier der Zeitungswelt.» Elf Jahre später hat sich dies nicht geändert, das Umfeld ist gar schwieriger geworden. Es war mir immer vollkommen bewusst, dass dies so sein wird. Dass sich das P.S. nur halten würde, wenn die Leser:innen dem P.S. so verbunden bleiben, dass ihm in regelmässigen Abständen auch aus der finanziellen Patsche helfen. Das ist tatsächlich gelungen. Ich habe mich darüber gefreut, dass Sie, liebe Leser:innen, mir dieses Vertrauen entgegengebracht haben, obwohl der Wechsel von einer so prägenden Figur wie Koni Loepfe zu mir sicher nicht ganz leicht war. Geholfen hat mir dabei, dass sich Koni Loepfe in all den Jahren immer nur Teilzeit ins Appenzell verabschiedete und dem P.S. weiterhin mit seinen Texten und seiner Erfahrung beistand. Davon haben sowohl das P.S. wie auch ich persönlich profitiert.
Ich bitte Sie, jetzt das gleiche Vertrauen meinem Nachfolger Sergio Scagliola entgegenzubringen. Wie Koni Loepfe werde ich dem P.S. weiterhin verbunden sein – auch als Autorin. Aber es wurde mir in den letzten Jahren immer mehr bewusst, dass mir die zeitlichen Kapazitäten fehlen, um mich anständig um das Geschäft zu kümmern. Und: Meine Erfahrung zeigt auch, dass es nach einer gewissen Zeit auch gut ist, wenn jemand mit neuer Energie und neuen Ideen eine neue Aufgabe übernimmt. Sergio Scagliola kann besser beurteilen, wie jüngere Leser:innen ticken und ich traue ihm zu, das P.S. auch in den nächsten Jahren durch die turbulenten Gewässer zu steuern. Denn, wie schon Wolf Biermann sang: «Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.»
Bei einer früheren Spendenaktion schrieb ich: «Die Medienkrise hat sich verschärft. Am 4. März wird über die No-Billag-Initiative abgestimmt: Ein Ja würde das Aus für Schweizer Radio und Fernsehen bedeuten. Allerhöchstens ein Rumpfangebot würde noch überleben. Die Journalistinnen und Journalisten der Schweizerischen Depeschenagentur traten in einen Streik. Redaktionen werden zusammengelegt und abgebaut, Zeitungen werden fusioniert. Bei den Verlegern heisst es, sie glauben eh nicht mehr daran, dass man mit Inhalt künftig noch Geld verdienen kann. Nur einer glaubt weiterhin an die Zukunft der Zeitung: Christoph Blocher, der in der Ostschweiz kürzlich eine Reihe von Gratiszeitungen übernommen hat.»
Es ist fast unheimlich, wie aktuell diese Zeilen geblieben sind. Wir haben zwar nicht über No-Billag, aber über eine Halbierungsinitiative abgestimmt, mit der die Rechten der SRG an den Kragen wollten. Und neben der SDA haben noch viele weitere Redaktionen abgebaut. Auch im Kanton Zürich: Traditionszeitungen wie der ‹Landbote› verloren ihren Online-Auftritt und damit ihre Zukunft, der ‹Züri-Tipp› wurde eingestellt. Dieser Dinosaurier der Zeitungswelt lebt aber noch. Sorgen wir dafür, dass es so bleibt.