Der ahnungslose Tiger

Ein offenes Wort und die Komödie hätte überhaupt keinen Anlass, abzuheben. Aber über Sexualität spricht man nicht. Das Schlimmste befürchtend, schaukelt sich die Spirale aus List und Rachelust in solche Höhen, bis es aus dem Fettnapf spritzt.

 

Hand aufs Herz. Was sind schon 115 Jahre, wenn es um des Mannes ganzen Stolz geht. Sobald seine Libido schwächelt, ist fertig lustig. Jeder Prahlhans wird kleinlaut. Das war bei der Uraufführung von Georges Feydeau so und behält auch bei der Erstaufführung von Erich Vocks Dialektbearbeitung seine Berechtigung. Verwedeln, ablenken, rausreden. Die Antwort darauf von Hans-Rudolf Zollinger (Erich Vock) leidet, wie alle Lügen, an zu kurzen Beinen. Denn seine Zurückweisung im Ehebett schürt bei der Gattin Roswitha (Viola Tami) keine Sorge sondern zielt direkt auf die Befürchtung, das Allerschlimmste möge eingetroffen sein. Und dafür soll er büssen. Die Hausherrin beherrscht die Klaviatur der emotionalen Erpressung und kann sich der Unterstützung von Luzia Homenides de Histangua (Kiki Maeder) sicher sein, die sich damit wiederum selbst in die Nesseln setzt. Ein vor Parfüm und Romantikschmalz triefendes Briefchen soll den Herrn Gemahl für ein Schäferstündchen in ein Etablissement locken, wo er in aller Öffentlichkeit seiner Untreue überführt würde. Die Rache wäre Roswithas. Wenn denn ihre Ursprungsannahme nicht blosses Hirngespinst wäre, der zu ertappende sich nicht mit einer Stellvertretung zu helfen wüsste und es nicht noch einen namensgleichen Stammgast dort gäbe, der sich als Junggeselle gerne verlustiert. Im «Hotel Chätzli» kommts zum Showdown, also beinahe. Anstelle von Zollinger soll sein Geschäftsfreund Robert Pichler (Hubert Spiess) einchecken und der zur Furie auflaufenden Wut von Frau Zollinger begegnen. Er ist aber schon lange sehr verliebt in sie und freut sich über die Gelegenheit, was Frau Zollinger ihrerseits in Verlegenheit bringt. Denn wollen würde sie schon mögen, aber erst, wenn klar wäre, dass sie die einzige in ihrer Paarkonstellation wäre, die ihr eheliches Treuegelübte bricht. Der Neffe Emil Zollinger (Reto Stalder), durch eine Gaumenbesonderheit mit einem kolossal-komischen Sprachfehler versehen, wollte sich zeitgleich mit der Köchin Klara (Ramona Fattini), der Gattin des Dieners Anton (Noicoo Savary Bahl, welch ein Organ) heimlich verlustieren. Zollinger ist Zollinger, also gibts ein Zimmer für alle. Ob die schusselige Ordonnanz Guschti (Erich Vock), der jeden Irrtum ignorierende, ehemalige Militär Egon Freudweiler (Kurt Schrepfer) oder doch die der Williamine – ein Tröpfchen, eine Birne, der ganze Baum – zusprechende und zunehmend wankende Wirtsgattin Olympia (Maja Brunner) für diese Verwechslung verantwortlich zeichnen, lässt sich nicht eruieren. Der Schaden ist angerichtet. Die vorwitzig-kokette Zofe Mina (Fabienne Louves) giesst mit ihrer Frivolität ihrerseits Öl ins Feuer und nutzt den Brand für eine feurige Gesangseinlage. Nicht zu verwechseln mit dem Feuer unter dem Dach des heissblütigen Spaniers Carlos Homenides undsoweiter (Philippe Roussel), für dessen Temperament die Bühne fast schon zu klein ist. Nebenrollen, wenngleich pointenreiche, übernehmen Vincenzo Biagi als alter, kranker Mann als Alibi-Opa im Seitensprungzimmer und Daniel Bill als Allzeitbereit-Schotte, der mit jedem Auftritt ein Kleidungsstück weniger trägt. Und Thomas Meienberg als Arzt, der seine Approbation vermutlich im Lotto gewonnen hat und Verschwiegenheit nur vom Hörensagen her kennt. Die Turbulenzen sind geschmeidig orchestriert, nur der Pianist Erich Strebel lebt gefährlich. Ihm droht wiederholt der Tod durch den Strang oder die Pistole. All dem gegenüber ahnungslos agiert Erich Vock als ehemaliger Tiger im Bett Hans-Rudolf wie auch als dessen Rollendouble Guschti und liefert damit erst das Gefälle zum sonstigen Tohuwabohu und räumt so die Lachsalven ab.

 

«Floh im Ohr», bis 15.5., Bernhardtheater, Zürich.

 

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