Depeschen aus dem Kleintierhimmel

Für immer mehr Menschen sind Haustiere vollwertige Familienmitglieder. Doch was tun, wenn der fellige Begleiter plötzlich stirbt? Eine Reportage zwischen Kadaverstelle und Tierfriedhof.

 

Ty beobachtet von seinem Bettchen aus, wie Cynthia Dell’Olivo die kleine hölzerne Urne feinsäuberlich verpackt. Wenn der Hund weiss, dass nur ein Raum weiter gerade ein verstorbener Artgenosse von ihm bei 800 Grad verbrannt wird, lässt er es sich nicht anmerken. Ruhig liegt er da, während sein Frauchen Urne um Urne, Stoffsäcke um Stoffsäcke voll mit Asche in eine Postkiste stapelt. Andreas Hunziker, Leiter des Tierkrematorium Dübendorf, kontrolliert jedes Paket davor nochmal persönlich: Stimmt der Name auf der Gedenkkarte, liegt die Schleife adrett? Und vor allem: Ist die Asche, die hier den trauernden BesitzerInnen übergeben wird, auch tatsächlich die Richtige? 

 

Hier, mitten im ansonsten eher trostlosen Industriegebiet von Dübendorf, ist alles darauf ausgelegt, dass der letzte Abschied vom felligen Wegbegleiter ein Besonderer ist. Der Eingangsbereich des Tierkrematoriums gleicht einem Warteraum in einem Spa, in der Luft liegt der Geruch eines ätherischen Öls, im Zeitungsständer steht das ‹Landliebe Magazin› – und überall liegen Nastuchschachteln. Die Beziehung von Menschen zu ihren Haustieren hat sich über die Jahre verändert; aus Nutztieren wurden Familienmitglieder, aus rein pragmatischen Partnerschaften liebevolle Freundschaften. Dadurch gewann auch der Tod dieser Tiere  immer mehr an Bedeutung.

 

Horrorszenario: Tierkadaverstelle

Wenn der geliebte Kater oder die haarige Vogelspinne zuhause stirbt, bleiben nur wenige Tage, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Nach wenigen Stunden setzt die Totenstarre ein, die einige Tage dauert, bevor dann die Verwesung einsetzt. Der einfachste Weg zur Entsorgung des Kadavers ist der Gang zur kantonalen Sonderabfall-Sammelstelle Hagenholz. Ein Besuch für den Journalisten und den Fotografen sei aus hygienischen Gründen nicht möglich, heisst es auf Anfrage bei der Medienstelle.

 

Bei der Sammelstelle können TierbesitzerInnen ihre Haustiere bis zu einem Gewicht von 200 Kilogramm abgeben. Wem dieser Weg zu weit ist, kann seinen toten Hamster, gut eingewickelt in Plastikfolie, auch auf einem der zugelassenen Polizeiposten vorbeibringen. Die Dienstabteilung Entsorgung und Recycling schickt dann die Tierkörper in ein Zwischenlager in Winterthur, bevor sie im toggenburgischen Bazenheid zu den beiden Rohstoffen Tiermehl und Tierfett verarbeitet werden. Ersteres wird später in einer Kohle- oder Zementfabrik verbrannt, letzteres wird etwa Biodiesel beigemischt. 2021 nahm die Menge der Tierkadaver bei der ERZ deutlich ab, um mehr als 30 Prozent. Für einmal kein Corona-Effekt: Grund für den Rückgang ist, dass der Zoo Zürich seine Tierkadaver neu direkt nach Bazenheid liefert. 

 

Ein Schicksal, das für viele TierbesitzerInnen unvorstellbar ist; zu schmerzhaft ist die Vorstellung, dass der einstige Wegbegleiter als Teil einer anonymen Masse verbrannt  oder zu Tiermehl verarbeitet wird.

 

Das Tierkrematorium ist eine Alternative. Die Firma Tierkrematorium AG mit Sitz im aargauischen Seon öffnete ihre Filiale in Dübendorf 2017. Jährlich führt die Firma an beiden Standorten rund 24 000 Kremationen durch – Tendenz steigend. Im Normalfall holen die AussendienstmitarbeiterInnen das tote Tier bei einer Tierarztpraxis ab, die mit dem Krematorium zusammenarbeitet; manche BezitzerInnen liefern die Kadaver aber auch persönlich hier ab.  

 

Kommen die Besitzerinnen persönlich vorbei, können sie sich in einem der beiden Annahmeräume von ihrem Tier verabschieden. Alles folgt hier demselben Farb- und Bildkonzept: Grüne Wände, brauner Holzboden, Bilder von Pusteblumen. «Wir haben sogar eine Feng-Shui-Beraterin beigezogen», erklärt Kundenbetreuerin Andrea Walti beim Rundgang. Gleichzeitig informieren Flyer und eine kleine Auswahl an Modellen über das Angebot an Urnen und andere Aufbewahrungsmöglichkeiten. Der letzte Abschied ist immer auch ein Geschäft, die Tierkrematorium AG erzielt nach eigenen Angaben einen Jahresumsatz von rund 6,5 Millionen Franken. Die Kosten für die Kremation berechnet sich per Kilogramm: Die Einäscherung einer durchschnittlichen, erwachsenen Hauskatze kostet um die 180 Franken. Dazu kommen die Kosten für die Urne. Wer genug Kleingeld hat, kann die Asche auch zu einem Diamanten pressen lassen. Kostenpunkt: 2 700 Franken aufwärts. Jene, die sich das nicht leisten können oder wollen, können die Asche auch auf dem Gemeinschaftsgrab in Seon beisetzen lassen.

 

Fragwürdiger Boom

Dass sich immer mehr TierbesitzerInnen für eine würdevollere Beisetzung ihrer Haustiere entscheiden, überrascht die tierpsychologische Beraterin Corinne Messikommer nicht. Wie Andrea Walti stellt auch Corinne Messikommer eine Veränderung fest: Früher sei das Trauern um ein verstorbenes Tier verpönt gewesen, viele hätten sich geschämt und hätten sich auch im nahen Umfeld unverstanden gefühlt. «Inzwischen hat sich das geändert. Zwar wird man hier und da immer noch belächelt, aber die Akzeptanz steigt.» 

 

Der Stellenwert der Haustiere  innerhalb der Gesellschaft befinde sich seit Jahren im Wandel. Hinzu kommt: «Während der Pandemie hat sich das Verhältnis vieler Menschen zu ihren Tieren nochmal zusätzlich verändert», sagt Messikommer am Telefon. Viele hätten im Homeoffice eine intensivere Beziehung zu ihren Tieren aufgebaut. «Plötzlich waren die Haustiere, die die BesitzerInnen sonst nur nach der Arbeit kurz füttern mussten, den ganzen Tag präsent.» Dies habe auch dazu geführt, dass die BesitzerInnen ihre Tiere besser zu verstehen gelernt und sich weniger an ihrem Verhalten gestört haben. «Das bedeutet aber auch weniger Arbeit für mich», fügt Messikommer schmunzelnd an.

 

Im Kanton Zürich hat, wie in der ganzen Schweiz, mit der Corona-Pandemie auch ein regelrechter Haustierboom eingesetzt: Gemäss der Tierdatenbank Amicus wurden hier alleine zwischen März 2020 und Dezember 2021 mehr Hunde angemeldet als in den vier Jahren zuvor. Da Amicus die Tiere nur zählt, wie viele Tiere registriert werden, dürfte die Zahl noch einiges höher sein. Inzwischen melden viele Tierheime im Kanton aber, dass sie überfüllt sind und keine weiteren Tiere aufnehmen können. Das ist definitiv ein Corona-Effekt: Viele haben sich von ihrem kürzlich angeschafften Homeoffice-Partner bereits wieder getrennt.

 

Wo Mausi und Stravinski liegen

Hans-Peter Trachsler war einer, der die Idee eines emotionalen Abschieds von einem Haustier belächelte. Als er und seine Partnerin vor 16 Jahren eine erste Katze verloren, wollte sie diese auf einem Tierfriedhof erdbestatten. «Ich hingegen hielt die Idee für ein Hirngespinst», so Trachsler. 

 

Im Kanton Zürich, dem Wohnkanton von Hans-Peter Trachsler, sind Erdbestattungen von Haustieren – ausser im eigenen Garten – ohnehin nicht erlaubt. Bis vor Kurzem durfte die Urne eines Tiers in der Stadt Zürich zwar einem Familiengrab beigegeben, aber dessen Name nicht in den Grabstein eingraviert werden. Das änderte sich letztes Jahr: Neu gibt es auf dem Friedhof Nordheim 120 Gräber, in denen sich Menschen mit der Asche ihrer Haustieren beisetzen lassen können. Wer aber selber noch nicht gestorben ist und trotzdem ein Grab für sein verstorbenes Haustier sucht, wird am Ende des basellandschaftlichen Homburgertals, direkt an der Grenze zum Kanton Solothurn fündig. Dort fuhren Hans-Peter Trachsler und seine Partnerin 2006 auch hin, er mit einer ordentlichen Portion Skepsis. «Was ich dann aber vorfand, war surreal», erinnert sich Traxler heute. 

 

Surreal – das ist trifft es ganz gut. Der Tierfriedhof im Läufelfingen liegt, eingeklemmt zwischen der Industriezone und dem Wald, am Hang des Wisenbergs. Wer durch den Eingang tritt, findet sich in einer anderen Welt wieder. An diesem sonnenüberfluteten Januarmorgen wirken alle die kleinen Grabsteine fast schon kitschig, aber idyllisch ist wohl das treffendere Wort. Die kleinen Gräber sind in einen Holzschnitzelboden eingelassen und säumen einen säuberlichen Weg. Überall stehen Stühle, auf denen sich die Trauernden hinsetzen können. An einem kleinen, zugefrorenen Weiher steht eine hölzerne Schaukel, die Vögel zwitschern – würden hier die Menschen nicht trauern, sie würden sich womöglich verlieben. 

 

Ein Blick auf die Plaketten offenbart eine schier endlose Palette an Tiernamen: Von Klassikern wie ‹Mausi› und ‹Rex› über das neomodischere ‹Sindy› bis hin zu ‹Darwin›, ‹Egoruska›, ‹Stravinski›. Nicht immer ist klar, was für ein Tier vor einem begraben liegt, aber die Gräber scheinen sowieso mehr über die BesitzerInnen auszusagen als über die Tiere. 

 

Angefangen hatte das alles hier 1999 mit Seppli, dem Hund von Urs und Marlies Mörgeli. Weil sie den Hund nicht kremieren, sondern erdbestatten wollten, suchten sie ein Stück Land für den ersten Tierfriedhof der Schweiz. Bevor das Ehepaar Mörgeli aber die ersten Tiere begraben konnte, musste zuerst noch das Gesetz auf Bundesebene geändert werden, was 2001 geschah. Der Kanton Basel-Land und die Gemeinde Läufelfingen zogen nach, das Land wurde umgezont. Inzwischen konnte Marlies Mörgeli das Landstück am Wisenberg sogar kaufen – ein ihr unbekannter Unterstützer des Tierfriedhofs vererbte ihr das benötigte Geld. 

 

Das alles erzählt Manuel Lubenov, der hier für die Grabpflege zuständig ist. Wie alle, die beim Tierfriedhof Wisenberg mithelfen, tut er das freiwillig, aus Überzeugung und weil er eines Tages seine Hunde auch hier begraben möchte. Im alten Turm der ehemaligen Gipserei zeigt Lubenov den Andachtsraum, der einer kleinen Kapelle gleicht. Auf einer alten Holzkiste werden die Tiere aufgebahrt, die trauernden BesitzerInnen können sich dort verabschieden, manche ziehen dafür auch einen religiösen Seelsorger bei. «Wir haben viele muslimische KundInnen, die sich selber nicht kremieren lassen und deswegen auch ihre Tiere erdbestatten wollen», erklärt Lubenov. Religiöse Symbole fehlen aber bei den Gräbern – es sollen sich alle willkommen fühlen. 

 

Ganz am Ende des Rundgangs betritt ein älteres Ehepaar den Tierfriedhof. Sie seien auf der Suche nach ein wenig Sonne auf die Idee gekommen, wieder einmal den Tierfriedhof zu besuchen. «Wir schauen uns gern die Gräber an und überlegen uns, was für ein Leben die Tiere wohl geführt haben.» Hans-Peter Trachs­ler, der mit seiner Partnerin vor 16 Jahren die erste Katze bestattete, begrub vor drei Wochen sein viertes Haustier. «Ich kann mir heute keinen anderen Abschied mehr vorstellen.» 

 

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