Dekadenz

Fünf russische Aristokraten im 19. Jahr­hundert parlieren tagfüllend über die Existenz von Gut und Böse.

 

Zum Glück sprechen sie Französisch, was einen davor bewahrt, die gesamten dreieinhalb Stunden durchlesen zu müssen. Christi Puius «Malmkrog» handelt nicht von der Frage, wie die Handlung ausgehe und braucht deshalb in seiner Narration auch nicht linear zu sein. Formal sind es Félix Vallotton-Bilder in Bewegung mit einer davon unabhängigen Tonspur der scholastischen Spitzfindigkeit. Jeder der vorkommenden Figuren plus Hausdiener ist je ein Kapitel gewidmet, wobei auch ohne Vorkenntnis schön he­rauskommt, wo die Position jeder der Figuren innerhalb dieser privilegierten Runde liegt. Sie reden den ganzen Tag, weil sie sonst nichts zu tun haben.

Ihr Punkt ist eine abstrakte Frage, weil sie sonst keine Sorgen haben. Sie vertreiben sich ihre Zeit mit schöngeistigen Reden, edlen Getränken und erlesenen Speisen. Zweimal unternehmen sie einen Kehr im auslandenden Park der Villa. Wie bei Tschechow, auch wenn die literarische Vorlage hier von Vladimir Soloviev stammt, ist «Malmkrog» der ausgedehnte Versuch, die Gelegenheit von Besuch beim Schopf zu packen und damit die bleierne Schwere der Langeweile des aristokratischen Landlebens für einmal aufzubrechen. Ingrida (Diana Skalauskaité) erkennt den Sinn des Lebens für einen jungen Mann im Soldatsein. Olga (Marina Palii) erkennt den Sinn des Lebens in der Glaubensdoktrin des orthodoxen Christentums. Edouard (Ugo Broussot) erkennt den Sinn des Lebens im Konter geben und durchbricht die Alltagsödnis gerne mit Reisen ins Casino von Monte Carlo. Madeleine (Agathe Bosch) ist am ehesten die Atheistin, die den Teufel nicht abstrakt, sondern als in jedem Menschen innewohnend erkennt. Und Nikolai (Frédéric Schulz-Richard) schliesslich ist als diplomatischer Sowohl-als-auch-Schiedsrichter und als einladender Hausherr darum bemüht, dass jede Konversation weiterhin in gesitteten Bahnen verbleibt. Recht erschöpfend, aber eben auch ziemlich brillant. froh.

 

«Malmkrog» spielt im Kino Xenix.

 

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