Definitive neue Bleibe fürs Art Dock auf dem Zeughausareal?

Die Kunstsammlung Art Dock in den letzten noch bestehenden Hallen des alten Güterbahnhofs beim Hardplatz wird durch die Planung eines unnötigen Provisoriums in ihrer Existenz gefährdet. Mit etwas Weitblick und einer Prise guten Willens liesse sich in fünf Jahren ein Projekt mit grossem Gewinn für Stadt und Quartier verwirklichen.

 

Hannes Lindenmeyer

 

Ein provisorischer Treppenabgang von der Hardbrücke direkt ins Areal des ehemaligen Güterbahnhofs soll den Zugang vom Bahnhof Hardbrücke zum neuen Polizei- und Justizzentrum PJZ vereinfachen. Die Hallen, in denen sich das Art Dock befindet, liegen auf Baufeld zwei. Auf diesem Baufeld ist auf lange Sicht keine neue Nutzung vorgesehen. Aber für das Treppenprovisorium müssten  die Hallen bereits im Herbst 2021 abgerissen werden. Das wäre das definitive Aus für das Art Dock (P.S. hat am 20.12.2019 berichtet: «Art-Dock-Abriss – ein Treppenwitz»).

 

Abgesehen davon, dass ein behindertengerechter Zugang bereits heute über das Trottoir entlang der Rampe von der Brücke zum Hardplatz besteht – Zeitverlust im Vergleich zur Treppe: ca. 30 Sekunden – und das geplante Provisorium aus Kostengründen auf einen Lift verzichtet und damit nicht baurechtskonform ist, liesse sich, wenn es denn unbedingt sein müsste, ein solches Provisorium problemlos zehn Meter so nach Südwest oder Nordost verschieben, dass die noch bestehenden beiden historischen Hallen bis auf weiteres stehen bleiben können.

 

Art Dock – eine Kulturinstitution mit hohem Potenzial

 

Ralph Baenziger hat als Kurator während Jahrzehnten eine einmalige Sammlung regionaler Kunst aufgebaut. Schwerpunkt bildet der Nachlass des Künstlerpaars Trudi Demut und Otto Müller. In seiner bisher letzten Ausstellung versammelt Baenziger Werke von über hundert Künstlerinnen und Künstlern – lokale Kunstschaffende, «die im globalisierten Kunstbetrieb immer das Nachsehen haben», wie der ‹Tages Anzeiger› zu der Ausstellung «Art Dock All New» feststellt.

Das Kunsthaus Zürich hat sich seit Jahren um die Kunstszene vor der eigenen Haustüre foutiert. Die Präsidialabteilung hat die letzte Kunstszene 2018 durchgeführt, bis 2022 wird es kein entsprechendes Nachfolgeprojekt geben. Das Art Dock füllt hier eine klaffende Lücke.

 

Zürich möchte sich ja gerne im Glanzlicht innovativer globaler Kulturszenen präsentieren. Wollen die Kulturverantwortlichen in Kanton und Stadt diese Perle am Hardplatz mit dem Potenzial für internationales Renommée gar nicht zur Kenntnis nehmen, oder fehlt ihnen das Verständnis für die Einmaligkeit dieses – zugegeben sehr eigenwilligen – Kulturortes? Oder überlassen sie den Entscheid über die Zukunft des Art Docks tatsächlich den Bürokraten der Bauverwaltungen?

 

Eine naheliegende Chance für Stadt, Quartier, Kunst und Geschichte

 

Keinen Kilometer vom Art Dock entfernt liegt das Zeughausareal, seit vierzig Jahren im Dornröschenschlaf. Im Seilziehen zwischen Kanton und Stadt um das Kasernenareal zeichnet sich ab, dass die Zeughäuser demnächst von der Stadt übernommen werden. Wie im langwierigen Planungsprozess erarbeitet, sind hier kulturelle und quartiernahe Nutzungen vorgesehen. Verhandlungsdauer und Renovation eingerechnet, sollte es möglich sein, in vier bis fünf Jahren dem Art Dock hier in einem der Zeughäuser eine neue definitive Bleibe anzubieten.

Daraus könnte noch mehr werden: Sammlung und Kunstbetrieb Art Dock haben durchaus die Qualität, die Basis für ein Community Museum à la Brooklyn oder Glasgow zu bilden. «Community Museum» ist ein multidisziplinäres Format, das sich in partizipativen Prozessen mit der lokalen Kunst, mit Geschichte und Sozialgeschichte des Ortes – im Sinne: Grabe, wo Du stehst! –, auseinandersetzt.

 

Bis heute gibt es in Aussersihl kein Ortsmuseum. Die spannende, im nationalen und internationalen Städtevergleich typologische Geschichte der Entwicklung des einstigen Industrie- und Arbeiterquartiers zum heutigen Trendquartier Aussersihl ist Gegenstand vieler Forschungsarbeiten, provoziert  Kunstprojekte, spricht ein breites Publikum an. Das «Community Museum Aussersihl» in einem der Zeughäuser, das Sammlung und Kunstbetrieb von Art Dock mit einem Ausstellungs-, Event- und Austauschort zu Quartiergeschichte und zur aktuellen Quartier- und Stadtentwicklung verbindet, hat das Potenzial, den Kulturplatz Zürich um eine Institution mit grosser Ausstrahlung zu bereichern.

Voraussetzung, einem solchen innovativen Projekt eine Chance zu geben: Das provisorische Treppengerüst um zehn Meter verschieben oder während fünf Jahren den 30-Sekunden-Umweg über das bestehende Trottoir in Kauf nehmen.

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