Das verhinderte Verdingkind

Als das Buch vor einem Monat im Kulturraum Thalwil vorgestellt wurde, nannte der Herausgeber den 90-jährigen Nikolaus Erb ein «verhindertes Verdingkind». Ein treffendes Bild. Mit den Erinnerungen wird denen gedankt, die ihn vor dem üblen Los so vieler bewahrten.

 

Hans Steiger

 

Vorab das Eingeständnis meiner Befangenheit: Ich kenne Nikolaus Erb. Wahrscheinlich wüsste ich sonst nichts von dieser Publikation. Sie erschien abseits von Verlagen. Zum ersten Mal begegnet bin ich dem zurückhaltenden, bereits älteren Herrn in Braunwald, wo er einer sehbehinderten Frau die Buchhaltung besorgte und so beim Weiterführen eines selbstständigen Lebens half. Das passt zu dem, was nun der gedruckte Bericht über seine Kindheit und Jugend zeigt. Schliesslich war er einmal Bankangestellter, den Wunsch nach Unabhängigkeit hatte er früh. «Mein Umweg in ein neues Leben» lautet der Untertitel des Werkes, das auch Mosaiksteine enthält, die ich aus einem langen nächtlichen Gespräch bereits kannte. Fast zufällig stiessen wir damals auf zwei eigenartige Parallelen: Beide wurden wir durch Schulärzte gerettet. Ich vor einem Heim für Schwererziehbare, er vor den Folgen einer flüchtigen Fehldiagnose. Beiden wurden im Dienstbüchlein nach der militärischen Musterung mit diskreten Ziffern charakterliche Macken bescheinigt, welche uns für die Armee untauglich machten. Was ihn zusätzlich als Aussenseiter stempelte, empfand ich als Segen.

 

Hässliches in einem schönen Dorf

Sonst waren unsere Leben trotz der Ähnlichkeiten, die sich eben beim Aufwachsen in einfachen Verhältnissen ergeben, sehr verschieden. Mir scheint es über das persönliche Interesse hinaus bemerkenswert, was die von Erb schon vor fünfzig Jahren notierten Erinnerungen über soziale Zustände im Land, insbesondere auf dem Lande enthüllen. Konkret kommt das malerische Rheinau ins Visier. Es war nah der deutschen Grenze in Krisen-, Kriegs- und Nachkriegsjahren für Armengenössige kein guter Ort. «Möglichst schnell weg» aus dem «verfluchten Kaff», dachten Nikolaus und seine Schwester Paula, als sie «fieberhaft Wohnungsvermieter im Raum Zürich» anschrieben. 1951 konnten sie mit der Mutter zu dritt in eine neue Genossenschaft nach Adliswil ziehen. Schwer fiel allein der Abschied vom Rhein. «Im Dorf selbst verabschiedeten wir uns von niemandem. Wozu auch?» Für die Gemeinde waren sie, die sich trotz ihrer Abhängigkeit nicht jeder Weisung widerspruchslos beugten, stets Weggewünschte. Nach dem Tod des wiederholt krank zu anstrengender Arbeit genötigten Vaters war aus dessen Familie nur noch Feindschaft zu spüren. Er sei nie mehr nach Rheinau gekommen, betont Erb, bis Christoph Schwyzer, der Lektor des vorwiegend dort handelnden Berichts, ihn um eine Besichtigung der wichtigsten Orte bat.

Dominant war die Irrenanstalt. So wurde die kantonale Einrichtung, eine der grössten der Schweiz, früher genannt. Die amtierenden Direktoren, Ärzte oder Abteilungsleiter hatten im Dorf als Arbeitgeber wie auch politisch das Sagen, besser situierte Landwirte und der Pfarrer teilten mit ihnen die kleine, oft kleinlich-hässliche Macht. Wer durch Krankheit oder Arbeitslosigkeit in Not geriet, war weitgehender Willkür ausgeliefert, und wenn der Gemeindeammann als Betreibungsbeamter aufkreuzte, wurde es mehr als ungemütlich. Erbs kannten das. Gerätschaften und Tiere ihrer Selbstversorgungs-Landwirtschaft, vor allem das geerbte Land, waren nie sicher. Letzteres hätten andere längst gern gehabt. Nach einer Versteigerung oder durch befristete Lohnarbeit gab es kurz etwas Luft. Doch gelbe Umschläge im Briefkasten bedeuteten Alarm. Für den Knaben war nicht erklärbar, warum in der Schule zwar Leistungen gerecht beurteilt wurden, aber stets ein «Komm mir nicht zu nahe» spürbar blieb. «Die Lösung war zu einfach. Ich trug in ihren Augen, ohne es zu ahnen, meine Armut zur Schau.» Auf jede Zurückweisung reagierte er mit Rückzug. «Ich galt als braver, folgsamer, wenn auch merkwürdiger und unbedeutender Schüler.» Richtig schlimm wurde es, als dank fleissigem Lernen die Sekundarschule, weitere Ausbildungen in Aussicht standen. Geld verdienen sollten seine Schwester und er, damit die Familie nicht mehr unterstützt werden müsse! Doch die Mutter wollte für ihre Kinder eine bessere Zukunft.

 

Angst, Armut, Hunger und Unrecht

Das mag in der Zusammenfassung papieren klingen. Nicht so im Buch. «Es war schon dunkel, der letzte Tag im Jahr. Mein Vater stand draussen vor dem Haus, hemdsärmelig, das Gesicht fleckig und gerötet.» Dies der Einstieg. Schnee am Boden, «einen Steinwurf entfernt schimmerte schwarz der Rhein. Dessen glaube ich mich zu entsinnen.» Oder war es die Erinnerung der ältesten Schwester? «Sie begriff mehr von den Dingen, die abliefen, und hat mir all das öfters geschildert.» Da waren Männer, die den Vater zu einem Auto zerren wollten. Als er sich wehrte, liessen sie ihn stehen. Der eine verschwand ins Haus, der andere zog sich in den Hauseingang zurück. Bei den Nachbarn wurde es lebendig. «Fenster öffneten sich. Neugierige beugten sich heraus.» Kurz nur, denn es fegte ein bissiger Wind durch die Gasse. Dessen schien sich der Vater nicht zu achten. «Leicht hin und her schwankend stand er an derselben Stelle. Nur seine Hände führten hie und da fahrige Bewegungen aus – wie wenn er etwas suchte und nicht fände. Sonst geschah nichts.» Minutenlang. Bis er gewaltsam in den Wagen gebracht wurde.

Später erfuhren die verängstigten Kinder, was vorgefallen war. Völlig anderes, als beim Lesen vermutet. Da war auch kein Betrunkener, den sie abholen mussten, wie die Fahrer meinten, sondern ein Schwerkranker, um dessen Überführung ins Spital sich die Mutter bemüht hatte. Warum geschah dies nicht früher? Die verbleibenden Unklarheiten, wer für die Kosten welcher Behandlung aufkommen müsste, dürften Teil der Antwort sein. «Da wir alle, meine Eltern, meine drei Schwestern und ich, im gleichen Zimmer schliefen, hörten wir unseren Vater Nacht für Nacht stöhnen und keuchen.» Erst nach Tagen wurde der Doktor beigezogen. Armut hiess bei Erbs ja auch Holz sparen, weniger essen. Verblüffend beim ersten Blick, dass Lebensmittelrationierung und Grenzbesetzung für die längst am Limit lebende Familie eher zu einer Verbesserung der Lage führten. Als der zum Schularzt nach Zürich beorderte Nikolaus – nachdem etwas Vertrauen entstanden war – schilderte, «wie wir uns in manchen Wintern bis zum Frühling durchhungerten», fuhr der ihn an. Was er da erzähle, sei völlig unglaubwürdig. «Solche Dinge geschehen heutzutage nicht mehr bei uns.» Erst als der Junge anbot, von der Mutter detailliert geführte Haushaltungsbücher sowie Verfügungen der Armenpflege als Belege zu bringen, wurde er ernst genommen. Danach erwies sich sein Gegenüber als entschiedener Unterstützer. Er widersprach mit seinem Gutachten dem wohl in Rheinau konstruierten, auf eine Bevormundung zielenden Befund einer vererbten Geisteskrankheit. Dafür gebe es keinerlei Anzeichen. Als er das Couvert mit diesem Dokument übergab, fiel der Satz, den nun das Cover des Buches als wichtigen Wendepunkt hervorhebt: «Da, nehmen Sie Ihren Freibrief!»

 

Lernen, um wirklich frei zu werden

Noch weitere Helferinnen und Helfer, zumal Lehr-, auch einzelne Amtspersonen, kommen im Kontrast zur Erfahrung von viel Unrecht zu Ehren. Aber primär dürfte Nikolaus Erb die Erinnerungen als Denkmal für seine Mutter verfasst haben. Lina Erb-Zolliker, von der sich im Anhang ein Foto findet, das mit fröhlich freundlichem Gesichtsausdruck kaum Spuren der harten, für ihre Familie geführten Überlebenskämpfe zeigt, starb 1980. Nach seiner nachgeholten Matur sowie dem Studium mehrerer alter Sprachen war der Sohn damals schon zehn Jahre als Mittelschullehrer tätig. Später zog er mit seiner Frau weg von Zürich, in die geliebten Berge, näher zur Natur, die ihm immer Kraft gegeben hatte, ins autofreie Braunwald. Dort lernte ich ihn – wie erwähnt – als ruhigen Mann kennen, dessen Ton aber sehr spitz werden konnte, sobald wir auf unsere Privilegiengesellschaft oder sonstiges Unrecht zu sprechen kamen.

Kaum zufällig sticht im Buch mit dem Becher-Franz eine markant linke Nebenfigur heraus. Er wirkt als sogenannt Irrer in Rheinau wie ein Agitator, hofft auf einen fernen Stalin. Den kleinen Nikolaus beschwor er, so viel wie möglich zu lernen, um wirklich frei zu werden. Dass der sich nach der Handelsschule für eine Bankstelle bewirbt, entsetzt ihn. «Du willst doch nicht einer dieser kapitalistischen Erzgauner werden, oder?» Das gibt zwar auch dem Gescholtenen zu denken, aber vielleicht war es ja in der Bülacher Filiale der Kantonalbank nicht so schlimm… Die von Franz verspottete «Federkratzerei» allerdings begegnet ihm dort reichlich. Auch aus Finanzkontoren an der Bahnhofstrasse in Zürich liefert das Buch fürchterlich hübsche Stimmungsbilder. Dann wird noch ein beruflicher Richtungswechsel angedeutet, der 1951 mit Latein- und Griechisch-Stunden an der Juventus-Schule beginnt. Für mich bot dieser Schlussabschnitt weitere Einblicke in eine fremde Welt. Stets hatte ich Menschen bewundert, die sich nach und neben der Arbeit freiwillig wieder in Schulzimmer setzten. Das muss hart sein und viel Durchhaltewillen brauchen, dachte ich oft, wenn ich abends auf dem Weg zum Hauptbahnhof in erleuchtete Klassenräume sah. Es war hart, wie die Schilderung des Insiders bestätigt, aber auch lohnend. «Morgenröte» habe das Abendgymnasium verheissen, hält ein Zwischentitel fest. Danach erfreut einen eine kurze Geschichte des Gelingens. Erb startete 1961 am selben Ort seine Laufbahn als Lehrer, wie einer dürren Chronologie auf der letzten Seite zu entnehmen ist; der Bericht bricht vorher ab.

 

Nikolaus Erb: Da, nehmen Sie Ihren Freibrief! Mein Umweg in ein neues Leben. Herausgegeben von Christoph Schwyzer. Braunwald/Luzern 2016, 424 Seiten mit Fotos und Dokumenten im Anhang, 35 Franken. Bezug bei Mondo Messmer, Neuweg 10, 6003 Luzern.
www.mondograf.ch

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