Das Limmathaus soll bald der Stadt gehören

Der Streit darum, wer in Zukunft das Limmathaus pachten soll, geht in die nächste Runde: Die Stiftung Limmathaus, der das Gebäude gehört, will sich auflösen. Das wäre eine Zäsur in der Geschichte des einstigen Volkshauses.

 

Als das Limmathaus 1931 eröffnet wurde, war es ein Haus, in dem sich die ArbeiterInnen im Industriequartier austauschen konnten, eine Badeanstalt für die Fabrikbelegschaft, von denen viele in ihrer Wohnung keine Badezimmer hatten. Ende der 1990er-Jahre wurde die Ausgangsmeile von der Langstrasse an den Limmatplatz verlängert, das X-Tra zog ein und machte aus dem Limmathaus ein Ausgangstempel. Und jetzt soll, zumindest wenn es nach der Eigentümerin, der Stiftung Limmathaus geht, aus dem einstigen Arbeiterhaus ein Inkubator für das Unternehmertum von Morgen werden. Doch die Diskussion um die Zukunft ist seit längerem vertrackt. Und sie wird gerade um ein Kapitel komplizierter: Wie P.S. erfahren hat, hat der Stiftungsrat der Stiftung Limmathaus Anfang Oktober den Entscheid gefasst, sich aufzulösen und das Gebäude an die Stadt zu übergeben, möglichst bereits auf den 1. Januar 2023. Das bestätigt Stiftungsrat Theodor Schmid, der sich gegen den Entscheid gestellt hat. Stiftungsratspräsident Bruno Hohl möchte dazu auf Anfrage keine Aussage machen. «Wir stimmen die Kommunikation mit dem Finanzdepartement ab.» Wie kam es zu dem Eklat? Im Kern geht es um die Frage, wie das in die Jahre gekommene Limmathaus saniert werden soll und ob wie bisher das X-Tra oder der Impact Hub Zürich (IHZ) nach der Sanierung einziehen dürfen. Oder etwas grösser: Welche Ausrichtung passt besser zum alten Arbeiterhaus?

 

Beide Seiten lobbyieren stark

Kurze Rückblende: Das Limmathaus muss saniert werden und die Stiftung braucht dazu Geld von der Stadt. Der Stiftungsrat schloss im Frühling 2021 eine Absichtserklärung mit dem IHZ ab. Diese soll nach der Totalsanierung einziehen – auf Kosten des X-Tra, das seit 1997 das Limmathaus pachtet. Dieses wehrte sich in der Folge öffentlich und lautstark. Zeitungsartikel jagten einander, auf Machbarkeitsstudien folgten Gegenstudien, bis die Politik eingriff. «Beide Seiten lobbyieren sehr stark und schreiben uns Briefe», sagte Alan David Sangines (SP) im Juli im Gemeinderat. Besonders die Höhe der notwendigen Sanierungskosten ist umstritten: Die Stiftung Limmathaus spricht von Renovationskosten von mindestens 25 Millionen Franken. Die X-Tra Production AG schlägt in ihrer Machbarkeitsstudie eine schrittweise Sanierung mit kurzen Betriebsunterbrüchen vor – für rund die Hälfte der Kosten. Die Qualität der beiden Studien gegeneinander abzuwägen, ist nicht nur für Aussenstehende schwierig, sondern auch für Mitglieder der Gemeinderätlichen Rechnungsprüfungskommission (RPK). «Die eine Seite zitiert Machbarkeitsstudien, die von der anderen Seite als nichtzutreffend bezeichnet werden», sagte RPK-Mitglied Alan David Sangines im Juli im Gemeinderat. Zusammen mit Stefan Urech (SVP) reichte er in der gleichen Sitzung ein Postulat ein, das den Stadtrat aufforderte, die Sanierung und Neuvermietung neu zu prüfen und dem Parlament zwei Nutzungsvarianten vorzulegen: einmal Variante X-Tra, einmal Variante Impact Hub (siehe P.S. vom 15.07.2022). Der Stadtrat zog als Reaktion auf das Postulat eine Kreditvorlage zurück – und stellte das Limmathaus über den Sommer auf Eis. Nun will sich die Stiftung Limmathaus anscheinend  auflösen und das Gebäude der Stadt übergeben. Was das für die Frage bedeuten würde, wer in Zukunft das Limmathaus bespielen darf, ist ungewiss: Die Sympathien gehen weit auseinander, eine Entscheidung wird starke Emotionen bei den Unterlegenen hervorrufen. Politisch gibt es also wenig zu gewinnen. Das weiss auch Stadtrat Daniel Leupi. Als der Gemeinderat den Nachtragskredit an die Stiftung Limmathaus mit einem Postulat versenkte, stellte er konsterniert fest: «Ich wäre ehrlichgesagt froh, der Gemeinderat würde das Geschäft selbst übernehmen.»

 

Ein Haus für alle

Der Entscheid des Stiftungsrats wäre eine Zäsur in der 91-jährigen Geschichte. Am Ursprung stand das Bedürfnis der Grütlianer und später der Sozialdemokraten nach einem neuen Zentrum im Industriequartier, um ihre Sitzungen abzuhalten. Doch zum Beginn der 1920er-Jahre übernahm der Pfarrer Hans Bader das Zepter, aus dem Volkshaus Indu­striequartier sollte nicht nur ein Arbeiterhaus, sondern ein Ort für alle Vereine des Quartiers werden. Die Vorgängerin der Genossenschaft Limmathaus Zürich wurde am 26. April 1920 gegründet. Dass das Projekt breit aufgestellt war, zeigte sich eindrücklich: Die Genossenschaft stellte Anteilscheine an ArbeiterInnen aus, die Vereine veranstalteten Volksfeste auf der Josefwiese, die Kirchgemeinde und die Stimmbevölkerung sprachen Kredite. Am 1. November 1931 wurde das Limmathaus eingeweiht. Der Sanierungsbedarf des Gebäudes, der zu den aktuellen Verwerfungen geführt hat, war jüngst schon einmal Auslöser für eine ähnliche Episode. Damals hatte die Paulus-Akademie Zürich bereits einem Vorvertrag mit der Genossenschaft Limmathaus zugestimmt, um das X-Tra ab 2012 als Pächterin zu ersetzen. Weil sich aber herausstellte, dass das Gebäude längerfristig saniert werden müsste, entschloss die römisch-katholische Körperschaft 2009 den Übungsabbruch – und das X-Tra durfte bleiben. 

 

Spenden

Dieser Artikel, die Honorare und Löhne unserer MitarbeiterInnen, unsere IT-Infrastruktur, Recherchen und andere Investitionen kosten viel Geld. Unterstützen Sie die Arbeit des P.S mit einem Abo oder einer Spende – bequem via Twint oder Kreditkarte. Jetzt spenden!

nach oben »»»