Das ist nicht gut

So war es nun also noch nie. Wir haben in den letzten Tagen eine Hitzewelle erlebt, die in dieser Form zu dieser Jahreszeit einzigartig ist. Damit ist die Hitzewelle «historisch», sie ist «extrem», sie «hat reihenweise bisherige Rekordwerte überboten». «Noch nie zuvor gab es seit Messbeginn vor rund 125 bis 160 Jahren eine heissere 10-Tages-Periode», sagt ein Meteorologe. Die Hitzewelle, sie ist ein Superlativ, und die Aussichten sind so, dass diese aktuellen Rekorde schon nächste Woche erneut erreicht werden könnten.

Man kann das mit Sarkasmus nehmen, wie der, der diesen Kommentar hinterliess bei einem der vielen Hitze-Artikel online: «Wenn es doch nur so etwas gäbe wie Experten, die einen seit Jahrzehnten vor Klimaerwärmung und den damit verbundenen, immer häufiger auftretenden Extremwettern warnen würden.» Man kann auch die Vermeidungsstrategie wählen, wie die eine Radiohörerin, die fand, man solle jetzt gopfertelli doch mal über was anderes reden als das Wetter oder, auch beliebt, die vielen anderen, die sagen, es habe übrigens auch früher schon heisse Sommer gegeben. Eine andere originelle Strategie ist die der FDP Kanton Zürich, die weniger Vorschriften für Klimaanlagen fordert. Es ist jetzt wie nicht die erste Idee, die mir als Reaktion auf die Folgen des Klimawandels gekommen wäre, auch wenn diese Klimaanlagen mit dem Solarstrom betrieben würden, den die FDP nie so richtig wollte, aber egal. Man wünschte sich ein Verständnis für die Ursachenbekämpfung, aber da wünscht man auf dieser Seite der Politik wohl vergeblich.

Man kann auch einfach zur Kenntnis nehmen, was ist. Da wäre beispielsweise die Unmöglichkeit, unsere herkömmliche Tagesstruktur so weiterzuführen wie bisher. Wer ebenfalls wie ich bei über 30 Grad im Büro sass, zwischen Ventilator und Verzweiflung, dem Plastikmäppli, das ständig am Unterarm kleben blieb und der Erkenntnis, dass kein klarer Gedanke mehr zu fassen ist, merkt, das ist nicht gut. Wer mit dem Velo durch die versiegelte Stadt fuhr, durch eine seltsam stille, trockene und heisse Luft und bei jeder Ampel fürchtete, sie könnte noch auf rot wechseln, weil man dann anhalten und in dieser sengenden Hitze in der prallen Sonne mitten auf dem giftig reflektierenden Beton warten müsste, spürt, das ist nicht gut. Wer all die schwitzenden Menschen sah, mit den roten Köpfen oder, schlimmer, ungesund kreidebleichem Gesicht, sich warme Luft zufächernd, sah, das ist nicht gut. Ich sass die letzten Tage oft im Zug, abends, viel zu oft mit schnellem Puls, einer eigenartigen Übelkeit und dem Wissen: Das ist nicht gut.Man könnte also auch einfach zur Kenntnis nehmen, was ist. Gemäss Thomas Schlegel, Klimatologe des Bundesamtes für Meteorologie und Klimatologie, zeigen sich die Auswirkungen der Klimaerwärmung. Laut einer aktuellen Studie von World Weather Attribution wäre eine derartige Hitzewelle europaweit betrachtet vor 50 Jahren praktisch unmöglich gewesen. «Dasselbe Wetterereignis wäre damals rund 3,5 Grad weniger heiss ausgefallen», sagt er.

Wir pflegen einen interessanten Umgang mit dieser Tatsache, die vieles, nur nicht neu ist. Seit Jahrzehnten reagieren wir kollektiv ausschliesslich kurzfristig auf den Klimawandel. Immer erst dann, wenn wir ihn tatsächlich selbst spüren. Und wirklich nur dann. Nach besonders heissen Sommermonaten vor Nationalratswahlen wählen wir grün. Wenn vier Jahre später ein sehr durchschnittlicher Sommer vor die Wahlen zu liegen kommt, wählen wir etwas anderes. Unser ökologisches Langzeitgedächtnis ist inexistent. Unser Verantwortungsgefühl gegenüber Generationen nach uns ebenso, denn nur wenn uns der Schweiss über das eigene Gesicht auf die Tastatur tropft und der sorgsam gepflegte Rasen verdorrt und als gelbes, trockenes Mahnmal zu unseren Füssen liegt, haben wir einen sehr kurzfristigen, egoistischen Reflex, etwas zu tun. Spontan finden wir dann bei dieser Gelegenheit auch all die jungen Menschen toll, die sich fürs Klima einsetzen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO meldete vor wenigen Tagen mehr als 1300 Hitzetote in Europa. Allein in Frankreich starben über 1000 Personen in einer Woche, und die Zahl dürfte noch steigen. Dass unsere Kinder dereinst vielleicht zu diesen Toten gehören werden, ist nicht gut. Dass es uns so gar nichts ausgemacht hat bisher, noch weniger.