- Stadt Zürich
Das grosse Sesselrücken
Während die SP am Sonntag bei den Wahlen in den Zürcher Gemeinderat vier Sitze dazugewann, müssen die Grünen vier abgeben. Damit verlieren vier Männer ihren Sitz. Im Kreis 1 und 2 trifft es Luca Maggi (im Rat seit 2018), im Kreis 4 und 5 Markus Knauss (seit 1998), im Kreis 6 den Co-Fraktionspräsidenten Jürg Rauser (seit 2020) und im Kreis 7 und 8 Dominik Waser (seit 2022). Alle vier haben, zumindest aus Sicht der Schreibenden, die regelmässig aus dem Gemeinderat berichtet, gute Arbeit geleistet und sind keine Hinterbänkler. Auf Anfrage teilt die Co-Fraktionspräsidentin der Grünen, Sibylle Kauer, diese Einschätzung: «Mit ihnen als Person hat die Nicht-Wiederwahl sicher nichts zu tun.» Dem pflichtet auch die Co-Präsidentin der Grünen Stadt Zürich, Anna-Béatrice Schmaltz, bei. Die Grünen hätten in allen Kreisen Frauen auf den ersten Listenplatz gesetzt, um den Frauenanteil in der Fraktion durch Sitzgewinn zu stärken, erklärt sie, und: «Unsere Wähler:innen wünschten sich offensichtlich auch, dass mehr Frauen und vor allem jüngere Frauen ins Parlament kommen. Da wir leider verloren haben, führte das dazu, dass Jürg Rauser, Luca Maggi und Dominik Waser nicht mehr gewählt wurden.» Der Bisherige Yves Henz hingegen, seit 2022 im Rat, hat im Kreis 6 die Wiederwahl trotzdem geschafft. Sibylle Kauer sagt dazu, er habe einen «sehr starken persönlichen Wahlkampf geführt». Im Kreis 4 und 5 wiederum haben die Grünen ihre beiden Sitze zwar verteidigt, und Brigitte Fürer wurde wiedergewählt. Markus Knauss jedoch holte 64 Stimmen weniger als die neu angetretene Janina Flückiger.
Anna-Béatrice Schmaltz hat ihre Wiederwahl geschafft. Ihr Sitz wird trotzdem bald wieder frei, denn sie ist bei den Nationalratswahlen 2023 direkt hinter der damals zwar nicht wiedergewählten, aber seither für Bastien Girod nachgerutschten Meret Schneider gelandet. Damit kann Anna-Béatrice Schmaltz nun ihrerseits nachrutschen und den Sitz des in den Stadtrat gewählten Balthasar Glättli übernehmen. Sie darf sich seit dem Sonntag überdies Panachierkönigin nennen. Generell haben auch andere Grüne viele Panachierstimmen erhalten: Der links-grüne Zusammenhalt funktioniert offensichtlich trotz Sitzverlusten. Am Resultat ändert das logischerweise nichts, ebensowenig wie daran, dass sich die Grünen nun erst neu sortieren müssen: Die Hälfte des Co-Fraktionspräsidiums ist nicht wiedergewählt worden, die Hälfte des Co-Parteipräsidiums politisiert bald in Bern. Sibylle Kauer sagt, die Fraktion habe sowieso vorgehabt, die Präsidiumsfrage zu diskutieren und nach den Wahlen zu klären. Hierzu könne sie deshalb noch keine Auskunft geben. Auch Anna-Béatrice Schmaltz weist bezüglich des Parteipräsidiums darauf hin, dass noch offen sei, wie es weitergehe: «Ich will das Präsidium aber nicht einfach rasch loswerden. Mir ist eine stabile Übergabe wichtig.»
Bleibt die Frage danach, was die Partei im Wahlkampf anders hätte machen können bzw. müssen. Anna-Béatrice Schmaltz verweist erst mal auf den Stadtrat, auf die drei Sitze, «ein historischer Erfolg». Auch das Ziel, die linke Mehrheit im Gemeinderat zu halten, hätten sie erreicht. Zudem hätten sie einen «sehr lebendigen, engagierten» Wahlkampf geführt, «über 200 Freiwillige haben die Wahlzeitung von Hand in der ganzen Stadt verteilt und auch viel Zuspruch erhalten». Sie sieht das Problem eher im thematischen Bereich: «Viele Wähler:innen bringen uns Grüne ausschliesslich mit dem Klima in Verbindung. Zurzeit redet aber niemand übers Klima. Dabei müssten wir uns eigentlich ständig mit der Klimakrise auseinandersetzen und dafür sorgen, dass es nicht noch schlimmer wird.» Im Umkehrschluss führe diese Wahrnehmung der Grünen dazu, dass man ihnen immer noch zu wenig zutraue, auch auf anderen Gebieten gute Ideen und Lösungsvorschläge zu haben: «Wir haben im Gemeinderat viele Themen und Vorstösse eingebracht, unter anderem zu häuslicher Gewalt, Mobilität, Solarstrom, zu den Hochhausrichtlinien, zur Chancengerechtigkeit und zu verschiedenen Schulthemen.» In den kommenden vier Jahren müssten die Grünen im Gemeinderat folglich «noch besser aufzeigen, was wir alles machen».
Obwohl die SP vier Sitze dazugewinnen konnte, hat auch sie zwei Abgänge zu beklagen: Nicht wiedergewählt wurden Niyazi Erdem (seit 2017 im Rat) im Kreis 3 und Sandro Gähler (seit 2024) im Kreis 12. Die FDP und die SVP gewannen je zwei Sitze dazu, die Mitte einen. Weil die EVP die 5-Prozent-Hürde ganz knapp verpasste, hat sie ihre drei Sitze verloren. Die EVP hat eine Nachzählung verlangt. Stellt sich dabei heraus, dass sie die Hürde doch geknackt hat, müssen andere Fraktionen Sitze abgeben. Laut ‹Tagi› und NZZ hätte die linke Mehrheit aber Bestand.
Trotz Sitzgewinnen haben auch FDP, SVP und Mitte Nicht-Wiedergewählte zu beklagen, die FDP Flurin Capaul (seit 2021 im Rat), der den Kreis 3 vertrat. Mit Bernhard (Bio) im Oberdorf traf es ein weiteres Urgestein – er ist seit 1996 im Rat. Er begann als Mitglied der FDP-Fraktion und wechselte 2001 zur SVP. Dort trat er im September 2025 aus, machte im Gemeinderat erst als Parteiloser weiter, wechselte kurz vor den Wahlen zur Mitte – und wurde nicht wiedergewählt. Im Kantonsrat ist er aber weiterhin dabei. Bei der GLP, die nach wie vor 15 Sitze hat, wurden Ronny Siev (seit 2017) im Kreis 10 und Markus Merki (2014–22 und ab 2023) im Kreis 11 nicht wiedergewählt.
Senior gibt Comeback
Mischa Schiwow (AL) war von Juni 2016 bis Oktober 2023 im Gemeinderat. Er gehörte unter anderem der Parlamentarischen Untersuchungskommission an, die den Vorkommnissen bei Entsorgung und Recycling Zürich auf den Grund ging, der im Mai 2018 eingesetzten PUK ERZ. Weiter war er in der Sachkommission Hochbaudepartement/Stadtentwicklung tätig. Im Mai 2021 wurde er zum ersten Gemeinderatsatspräsidenten der AL gewählt. Im Oktober 2023 trat er aus dem Gemeinderat zurück. Eine siebenjährige Ratskarriere inklusive Präsidiumsjahr, das tönt nach einem abgeschlossenen Lebensabschnitt. Nicht so für Mischa Schiwow, der dieses Jahr 65 wird und nun erfolgreich sein Comeback gibt: Am Sonntag wurde er im Kreis 7 und 8 gewählt. Was reizt ihn daran, erneut die Ratsbank zu drücken? Mischa Schiwow nennt auf Anfrage zwei Gründe: «Erstens ist Karen Hug, die 2023 als meine Nachfolgerin nachrückte, unterdessen zum Schluss gekommen, dass ihr die Parlamentsarbeit nicht liegt und sie deshalb nicht mehr antreten möchte. Nun ist die Personaldecke bei der AL eher dünn. Gleichzeitig wollten wir den Sitz verteidigen. Also bin ich wieder angetreten.» Dass er sich aber keineswegs als Lückenbüsser sieht, zeigt der zweite Grund, den er für sein Comeback nennt: «Ich finde, auch ein Senior kann Politik machen. Ich werde erneut in der Hochbaukommission mittun und bei der anstehenden Revision der Bau- und Zonenordnung meine Erfahrung und mein Wissen einbringen. Dass ich kürzlich zum Co-Präsidenten des Zürcher Mieter:innenverbandes gewählt wurde, kommt mir dabei sicher ebenfalls zugute.»