- Restaurative Justiz
Das fehlende Puzzleteil
In einem Schweizer Gefängnis sitzen Angehörige von Mordopfern in einem Kreis – zusammen mit Menschen, die jemanden getötet haben. Diese sind nicht die Täter der ermordeten Angehörigen, sondern Fremde. Aber sie teilen die Erfahrung: Mord – als Hinterbliebene, als Täter.
Die Angehörigen beginnen zu erzählen. Von dem Verlust, der Lücke, dem Schmerz, der nicht vergeht. Sie reden zwei Stunden lang. Und die Häftlinge? Sie hören zu, rechtfertigen sich nicht, unterbrechen nicht. «Man würde eine Stecknadel fallen hören, so still ist es», beschreibt Claudia Christen-Schneider die Atmosphäre in diesen Gruppen, die sie seit 2017 leitet.
Am Ende dieser Sitzungen zeige sich oft ein Phänomen, das viele nicht für möglich halten würden: Die Täter zeigen Empathie. Und die Angehörigen fühlen sich zum ersten Mal verstanden – ausgerechnet von Menschen, die getötet haben. «Das lässt niemanden kalt», sagt Christen-Schneider. «In diesem Moment geschieht Veränderung.»
Christen-Schneider ist Kriminologin und Gründerin des Swiss Restorative Justice Forum. Sie stellt eine heikle Frage: Wenn dieser Ansatz – die Restaurative Justiz (RJ) – sogar bei Kapitalverbrechen Heilung bringen kann, warum nutzen wir ihn dann nicht auch dort, wo Gewalt am häufigsten passiert: bei häuslicher Gewalt?
Wenn der Staat den Konflikt stiehlt
Um die Antwort zu verstehen, muss man zuerst begreifen, woran das System krankt. Wenn eine Frau geschlagen oder ausgebeutet wird, greift der Staat ein. Er ermittelt, klagt an, urteilt. Das hilft vielleicht der öffentlichen Sicherheit, aber für die Psyche der geschädigten Peson ist das oft unbefriedigend.
«Was sind Opfer in unserem Verfahren?», fragt Christen-Schneider. «Sie sind Auskunftspersonen.» Sie dienen der Wahrheitsfindung des Staates. Ihre eigene Wahrheit, ihre Emotionen, ihre offenen Fragen sind kaum von Interesse für den juristischen Prozess. Der norwegische Kriminologe Nils Christie nannte dies in den 1970er-Jahren den «Diebstahl des Konflikts»: Der Staat nimmt den Betroffenen ihren Konflikt weg und macht daraus einen bürokratischen Akt.
Hier setzt die Restaurative Justiz an. Sie will den Konflikt nicht juristisch lösen, sondern menschlich aufarbeiten. Sie fragt nicht: Welches Gesetz wurde gebrochen und wie bestrafen wir das?, sondern: Wer wurde verletzt und was braucht diese Person zur Heilung?
Ein Trauma, so erklärt es Christen-Schneider, funktioniert nicht logisch. Es zersplittert die Erinnerung. Opfer von Gewalt leiden oft unter Flashbacks und Gedächtnislücken, weil ihr Gehirn das Geschehene nicht in eine chronologische Ordnung bringen kann. Christen-Schneider vergleicht dies mit einem Puzzle, bei dem entscheidende Teile fehlen. «Warum ich?», «Was hast du dir dabei gedacht?», «Weisst du, dass du mein Leben zerstört hast?» Das sind Fragen, die kein Richter und keine Richterin beantworten kann.
«Solange diese Lücken bleiben, kann das Gehirn das Bild nicht abschliessen», so Christen-Schneider. Der Dialog – sei es direkt, per Brief oder über Vermittelnde – liefert diese fehlenden Teile. Er gibt dem Opfer die Deutungshoheit über die eigene Geschichte zurück.
Der schmale Grat bei häuslicher Gewalt
In Fällen von häuslicher Gewalt läuten bei Fachleuten jedoch die Alarmglocken. Zu Recht: Das Risiko, dass ein gewalttätiger Partner den Dialog nutzt, um das Opfer erneut zu manipulieren, einzuschüchtern oder zu retraumatisieren, ist real. Die Istanbul-Konvention verbietet deshalb verpflichtende Streitschlichtungsverfahren.
«Wir dürfen diese Gefahren nicht wegwischen», betont Christen-Schneider. Restaurative Justiz ist daher keine Mediation im klassischen Verständnis: Sie verzichtet auf Neutralität, benennt Gewalt klar und übernimmt Verantwortung für einen sicheren Rahmen. Die Moderator:innen («Facilitators») orientieren sich an den Bedürfnissen der von Gewalt betroffenen Person.
Das Sicherheitskonzept des Swiss RJ Forum ist rigoros: absolute Freiwilligkeit, spezialisierte Ausbildung in Trauma-informierter Praxis der Begleiter:innen und eine monatelange, teils jahrelange Vorbereitungszeit. «Wir prüfen genau: Ist das Opfer bereit? Übernimmt der Täter Verantwortung?», so Christen-Schneider. Falls Zweifel aufkommen, werden sie mit den betroffenen Personen besprochen und gemeinsam entschieden, wie der Weg weitergeht. Jeder Prozess muss für die teilnehmenden Personen absolut sicher sein.
Es gibt keine Schablone für diese Arbeit. Das zeigt Christen-Schneider am Beispiel zweier Schwestern, die beide von ihrem Grossvater ausgebeutet worden waren. Die eine brauchte die direkte Konfrontation, um ihre Wut herauszuschreien: «Du hast mich nicht gebrochen!» Die andere wollte den Täter nie wiedersehen, suchte aber die Auseinandersetzung mit der Mutter, die weggeschaut hatte. Beides ist Restaurative Justiz, beides ist legitim.
Opfer und Täter
Warum aber sollte man sich als Gesellschaft um die Seele der Täter kümmern? Christen-Schneider nennt als Antwort eine Zahl: 93 Prozent der Täter von schweren Verbrechen waren gemäss Studien früher selbst Opfer.
Gewalt ist ein Kreislauf. Unverarbeitetes Trauma erzeugt Scham. Scham, die sich in Wut wendet und die Wut in neue Gewalt. «Ich kann nicht geben, was ich nicht habe», sagt Christen-Schneider. Wer nie Empathie erfahren hat, kann schwer Empathie zeigen.
In den «Circles» und Dialogen geschieht genau diese Arbeit an der Wurzel. Wenn ein Täter realisiert, was er angerichtet hat – nicht abstrakt per Urteil, sondern durch den Schmerz eines Menschen –, kann das seine Blockaden auflösen. Studien aus Neuseeland zeigen, dass dieser Prozess die Rückfallquoten deutlich senken kann.
Ein Armutszeugnis für die Deutschschweiz
Während die Romandie diesen Ansatz längst integriert hat – dort weisen Staatsanwaltschaften und Opferhilfestellen dem Swiss RJ Forum proaktiv Fälle zu, und die Kantone übernehmen die Kosten –, herrscht in der Deutschschweiz grosse Zurückhaltung. «Keine einzige Überweisung» erhalte das Forum von Deutschschweizer Behörden ausserhalb der Gefängnisarbeit, so Christen-Schneider. Stattdessen würden Opfer häuslicher Gewalt hierzulande teils gegen ihren Willen in klassische Mediationen gedrängt – genau das, was die Istanbul-Konvention eigentlich verhindern will.
Die politische Zurückhaltung in der Deutschschweiz führt zu einer paradoxen Situation. Während der Staat in der Westschweiz seiner Verantwortung nachkommt, ist die Arbeit des Swiss RJ Forum in der Deutschschweiz fast komplett spendenfinanziert. Und wer sind die grössten Spender? «Straftäter, die noch im Gefängnis sitzen», verrät Christen-Schneider. Häftlinge, die von ihrem kargen Arbeitsentgelt Geld abzweigen, damit Opfer die Unterstützung bekommen, die der Staat nicht finanziert.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Empathie manchmal dort wächst, wo man sie am wenigsten erwartet: hinter Gittern. Und dass Ignoranz dort herrscht, wo sie am wenigsten entschuldbar ist: in den Strukturen unseres Rechtsstaats.
Dieser Text basiert auf einem Workshop an der Jubiläumstagung «Widerspruch gegen die alltägliche Gewalt» der Stiftung Frauenhaus Zürich vom Dezember 2025. Der Tagungsreader mit Keynotes, weiteren Workshopberichten und Impressionen kann für Fr. 27.– (inkl. Versand) per Mail unter folgender Mailadresse bestellt werden: stiftung@frauenhaus-zhv.ch
Zur Person
Claudia Christen-Schneider ist Kriminologin und Expertin in Restaurativer Justiz. Sie ist Gründerin und Präsidentin des Swiss RJ Forum. In dieser Funktion leitete sie mehrere Pilotprojekte in Schweizer Gefängnissen und moderiert direkte Dialoge zwischen Täter:innen und Opfern. Sie wirkt ausserdem als Gastdozentin, gestaltet Trainingsprogramme und ist wissenschaftlich in der Forschungsgruppe der University of Portsmouth aktiv. Zudem ist sie im European Forum for Restorative Justice (EFRJ) engagiert. Christen-Schneider ist Autorin von Trauma-Informed Restorative Dialogues – The Power of Community (Taylor & Francis, 2025). → www.swissrjforum.ch