Das Elend, das niemanden mehr interessiert

Das nordfranzösische Städtchen Calais war einst das Zuhause von mehr als 7000 Flüchtlingen. Seit der Schliessung des «Jungles», wie das Flüchtlingslager genannt wurde, scheint Calais fast gänzlich aus dem Fokus von Regierung und internationalen Medien gerückt zu sein. Für die Situation der Flüchtlinge fatal, wie ein Besuch vor Ort zeigt.

 

 

Julian Büchler

 

 

 

Es ist kühl an diesem Dienstagmorgen im Januar, in der Nacht hat Regen eingesetzt. «Can I have hot tea, please?» fragt mich Tariq, seine Hände tief in die Ärmel hineingezogen. Tariq ist einer von knapp 600 Flüchtlingen, der trotz der Schliessung des «Jungle» geblieben ist – oder wieder zurückkehrte.

 

Als unter Präsident Hollande im Oktober 2016 der «Jungle» geschlossen wurde, war das Flüchtlingscamp in Calais eines der grössten europaweit. Knapp 7000 Flüchtlinge lebten unter kritischen Bedingungen in Zelten und Hütten, Hilfsorganisationen sprachen teils gar von bis zu 10 000. Es gab weder fliessendes Wasser noch ausreichende sanitäre Anlagen. Der Druck auf Präsident Hollande, das Camp zu schliessen, wurde nicht nur deswegen immer grösser. Bei einem grossen Protest Anfang September 2016 gingen rund 400 DemonstrantInnen auf die Strasse, darunter viele LadenbesitzerInnen und HafenarbeiterInnen. Zum Höhepunkt kam es, als LastwagenfahrerInnen im Rahmen einer Demonstration zur Schliessung des Camps die Autobahn Richtung Grossbritannien blockierten.

 

Der «Jungle» muss weg

Einige Monate vor der Schliessung begann in Calais ein Mauerbau. Einen Kilometer lang, vier Meter hoch, mit Stacheldraht versetzt. Immer wieder blockierten Flüchtlinge mit Baumstämmen und anderen Gegenständen die Zufahrtsstrasse zum Hafen. Sie versuchten damit, LastwagenfahrerInnen zum Bremsen zu zwingen, um so an Bord versteckt in den Hafen und auf die Fähren zu gelangen. Die 2,7 Millionen Euro teure Mauer wurde von der britischen Regierung finanziert – mit dem Ziel, diese Anzahl illegal ins Land einreisender Flüchtlinge deutlich zu reduzieren. Doch der Widerstand liess nicht lange auf sich warten. Neben den Hilfsorganisationen kritisierten auch lokale PolitikerInnen und Anwohnende die Mauer – unter anderem mit der Angst, diese würde eine Schliessung des «Jungle» weiter hinauszögern.

 

Dem war nicht so. Im Oktober 2016 wurde der «Jungle» offiziell geschlossen. Die Tage der Schliessung waren geprägt von ratlosen Menschen, viel Chaos und unschönen Auseinandersetzungen. Weil viele der BewohnerInnen des «Jungle» nur zögerlich in die bereitgestellten Busse stiegen, wurde die Polizei ungeduldig. Hilfsorganisationen sprachen von regelrechten Verfolgungen und unrechtmässigen Verhaftungen. Als dann in der Nacht auf den zweiten Tag mehrere Feuer ausbrachen, herrschte Chaos pur. Viele Flüchtlinge verloren ihre wenigen Sachen, die sie besassen. Gegen die Anschuldigung, die Schliessung sei bewusst chaotisch vonstattengegangen und die Brände nur zögerlich gelöscht worden, wehren sich die Verantwortlichen vehement. Präsident Hollande versuchte, die rund 7000 Flüchtlinge auf andere Aufnahmezen-tren in Frankreich, allen voran nach Paris, umzusiedeln. Dort sollten die Flüchtlinge in bestehenden und neu errichteten Aufnahmezentren untergebracht werden und einen Asylantrag stellen. Doch Hollands Plan hatte einen folgenschweren Mangel. Viele der Flüchtlinge, die nach dem Zufallsprinzip auf die Aufnahmezentren in ganz Frankreich verteilt wurden, kamen zurück nach Calais.

 

Fluchtziel Grossbritannien

Im Film «Regard Ailleurs» von Arthur Levivier spricht Sophie Djigo, Autorin des Buches «Les migrants de calais», über die ihrer Meinung nach objektiven Gründe der Rückkehr vieler Flüchtlinge. Viele hätten Familienangehörige in Grossbritannien, die vor der totalen Abschottungspolitik des vereinigten Königreiches den Sprung auf die Insel geschafft hätten und nun dort leben. Dazu sprechen viele bereits gut Englisch und wüssten, dass ihnen dies einen ausschlaggebenden Vorteil bei der Integration in den Arbeitsmarkt verschafft. Die Flüchtlinge seien in erster Linie auf der Suche nach Freiheit, einem selbstbestimmten und selbstfinanzierten Leben, fernab von Krieg und Verfolgung. Die Aussicht, dies in Grossbritannien mit weniger Aufwand zu erreichen, habe viele trotz der schlimmen Bedingungen zurück nach Calais gebracht, so Djigos Aussage im Film.

 

Auch Marie Guichoux, die als freiwillige Helferin der Organisation Utopia56 seit fast sechs Monaten in Calais für die Flüchtlinge sorgt, ist wütend über die Flüchtlingspolitik Frankreichs. Calais sei in der jahrzehntelangen Migrationsgeschichte Frankreichs schon immer eine zentrale Passage gewesen, wo Menschen nach Grossbritannien übertreten wollten. Die Schliessung des «Jungle» sei als Lösung eines Problems verkauft worden, dessen Tiefe von der Regierung missverstanden oder gezielt ausser Acht gelassen wurde. Dass heute, knapp eineinhalb Jahre nach der Schliessung, wieder fast 600 Flüchtlinge in Calais leben, erstaunt sie keineswegs.

 

Schlafen unter freiem Himmel

Wenn in der Nacht Regen fiel, sind die freiwilligen Helfer-Innen der Hilfsorganisationen bereits zwei Stunden früher vor Ort als normal. Ihre Mission: die durchnässten Flüchtlinge mit neuen Kleidern, warmem Tee und etwas zu Essen versorgen.

 

Zum jetzigen Zeitpunkt schlafen die Flüchtlinge in Calais unter freiem Himmel. Wie Marie Guichoux von Utopia56 erzählt, sei es den Flüchtlingen verboten, sich in irgendeiner Form niederzulassen. Zelte, welche sie und die Organisation den Flüchtlingen anfänglich noch abgegeben hatten, wurden von der Polizei bei Kontrollen jeweils zerstört und mitgenommen. Nur wenn die Temperatur in den Minusbereich fällt, können die Flüchtlinge die Nacht in grossen Containern verbringen. Besonders pikant dabei: Die Container werden bei Minustemperaturen nicht etwa jeweils neu aufgestellt oder hergebracht, sondern sind fix installiert und könnten den Flüchtlingen somit jederzeit zur Verfügung gestellt werden. Dies macht Marie Guichoux besonders wütend. Dass die Regierung sich auf den Standpunkt stelle, dass seit der Schliessung keine Flüchtlinge mehr in Calais wohnen, sei realitätsfremd. Nur schon das Öffnen der Container bei Minusgraden zeige sehr wohl, dass die Regierung von den Flüchtlingen Kenntnis habe. Doch der Regierung geht es um weit mehr. Die Entstehung eines neuen «Jungle» soll mit allen Mitteln verhindert werden. Je schlechter die Bedingungen der Zurückkommenden, desto weniger Nachahmende, so die Rechnung der Regierung.

 

Mahlzeiten für umgerechnet 55 Fussballmannschaften

Weil sich die Regierung um nichts kümmert, sind die Flüchtlinge komplett von den Hilfsorganisationen abhängig. Diejenigen, die nach der Schliessung geblieben sind, haben sich unter einem Dach zusammengeschlossen und agieren gemeinsam. Zusammen haben sie ein Netz aufgebaut, das sich jeglichen Bedürfnissen der Flüchtlinge annimmt. Vom Essen über die Versorgung mit Kleidern bis hin zur medizinischen Versorgung. RCK ist eine davon. Die Organisation kocht jeden Tag zwei Mahlzeiten für die knapp 600 Menschen. Die Nahrungsmittel erhält sie teils als abgelaufene oder nicht mehr zu verkaufende Ware von den Supermärkten oder kauft von den Spendengeldern Zutaten dazu. Die Menüs bestehen hauptsächlich aus Gemüse und Reis, vereinzelt gibt es Linsen oder Kichererbsen – sattwerden steht im Vordergrund. Die Arbeit der Organisationen ist fordernd, einen freien Tag gibt es nicht, schliesslich brauchen die Flüchtlinge jeden Tag etwas zu Essen. Dank der vielen Freiwilligen ist immerhin ein Schichtbetrieb möglich, sodass sich jedeR einzelne einen Tag Auszeit nehmen kann, das System selbst jedoch nie zum Erliegen kommt.

 

Generell ist die Organisation innerhalb und zwischen den Hilfskräften unter solch chaotischen Umständen bemerkenswert. Jeden Morgen werden gemeinsam die Aufgaben des Tages verteilt, jedeR weiss, was zu tun ist. In verschiedenen Excel-Files wird akribisch aufgelistet, wie viele Mahlzeiten gekocht, wie viele Kleider verteilt wurden und wie viele Spendengelder noch vorhanden sind.

 

Kein Freund und Helfer

Als ich vor einem Jahr auf der griechischen Flüchtlingsinsel Lesbos war, erstaunte mich die überwältigende Solidarität der lokalen Bevölkerung. Viele halfen bei der Versorgung der knapp 15 000 Menschen mit, ein Theater der örtlichen Primarschule nahm sich gar kindergerecht dem Thema Flucht und neue Heimat an, ermutigte zu mehr Menschlichkeit und Nächstenliebe und erntete dafür grosse Zustimmung.

 

In Calais zeichnet sich ein anderes Bild ab. Marine le Pen und ihr Front National sind mit Abstand wählerstärkste Partei. Von den insgesamt 101 Departementen in Frankreich war Pas-de-Calais zusammen mit Aisne das einzige, welches im zweiten Wahlgang Le Pen gewählt hat. Besonders zu spüren ist diese Haltung bei der lokalen Polizei. Marie Guichoux erzählt von vielen Menschenrechtsverletzungen gegenüber den Flüchtlingen, von systematischen Kontrollen bis hin zu illegalen Verhaftungen und übermässiger Gewalt. Auch die Hilfsorganisationen sind vor den willkürlichen Kontrollen der Polizei nicht verschont. Immer wieder komme es vor, dass Transporter mit Essenslieferungen extra lange und ausführlich kontrolliert würden, sodass das Essen kalt wird und die Flüchtlinge auf ihre warme Mahlzeit warten müssen. Auch das Areal des früheren «Jungle» hat sich seit dessen Schliessung drastisch verändert. Unter dem Deckmantel einer «Renaturierung» wurde die ebene Fläche aufgeschüttet, Steinbrocken platziert und Senkungen herbeigeführt, in denen sich bei Regen Tümpel bilden. Hinter vorgehaltener Hand weiss jedeR, dass dies nur geschah, um die Fläche für zurückkehrende Flüchtlinge unattraktiver zu machen und so einen neuen «Jungle» am selben Standort zu verhindern.

www.utopia56.com/fr/node/add/don

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