«Das Amt reizt mich nach wie vor»

Wer tritt bei den Wahlen 2022 als vierte StadtratskandidatIn der SP an? Die Frage ist noch offen, die Ausgangslage aber geklärt: Nationalrätin Min Li Marti und Gemeinderätin Simone Brander stellen sich der internen Ausmarchung. P.S. gibt den beiden in dieser und der nächsten Ausgabe die Gelegenheit, darzulegen, warum sie Stadträtin werden möchten. Den Anfang macht P.S.-Verlegerin Min Li Marti im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Sie traten bereits 2013 zur internen Ausmarchung an, als es eineN KandidatIn für die Nachfolge von Martin Waser zu küren galt – und unterlagen dem heutigen Sozialvorsteher Raphael Golta wegen einer einzigen Stimme. Woher nehmen Sie den Mumm, es nochmals zu versuchen?

Min Li Marti: Städtische Politik ist unglaublich prägend im Alltag der Menschen. Schulen, Spitäler, Kindertagesstätten, öffentlicher Verkehr, Wasser- und Stromversorgung, Kehrrichtabfuhr oder Gemeinschaftszentren: Das sind alles städtische Leistungen. In welcher Qualität die Stadt sie anbietet, ist entscheidend für die Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner. Das fasziniert mich und dazu möchte ich beitragen.

Verlieren ist nie lustig. Aber Raphael Golta ist ein ausgezeichneter Stadtrat, und ich bin seither in den Nationalrat gewählt worden, habe das P.S. übernommen und bin Mutter einer Tochter geworden. Ich bin glücklich darüber, wie mein Leben verlaufen ist. Doch das Amt reizt mich, darum möchte ich jetzt die Gelegenheit nutzen, um wieder zu kandidieren. 

 

Sie waren 13 Jahre im Gemeinderat, davon die letzten sechs als Fraktionspräsidentin der SP, und auch im Nationalrat sind Sie seit bald sechs Jahren: Was bringt einen grossen Fan der Parlamentsarbeit dazu, sich für einen Sitz in der Exe­kutive zu bewerben?

Ich bin sehr gerne Parlamentarierin. Der Einfluss und die Gestaltungsmöglichkeiten sind aber in der Stadtregierung weitaus grösser, zumal die Mehrheiten hier in der Stadt auch anders sind als in Bern.  

 

Vor welchem Aspekt der Arbeit als Stadträtin haben Sie am meisten Respekt?

Es gibt hohe Erwartungen. Es ist nicht immer einfach, ihnen gerecht zu werden, vor allem, wenn es Widerstände gibt, die sich nicht so leicht ausräumen lassen. Dazu nochmals ein Beispiel von Raphael Golta: Er hat sich zusammen mit anderen Städten stark dafür eingesetzt, Flüchtlinge aus Moria aufzunehmen, und ist beim Bund auf Granit gestossen. Das kann frustrierend sein. 

 

Simone Brander ist amtierende Gemeinderätin und profiliert sich vor allem in Verkehrsfragen. Welches sind Ihre Themen, und für welche politischen Anliegen setzen Sie sich ein?

Ich bin vom Wesen her eine Generalistin. Ich arbeite mich sehr gerne in neue Themen ein, wie ich es in den vergangenen Jahren in der Rechtskommission und der Sicherheitspolitischen Kommission in Grund- und Menschenrechtsfragen getan habe. Weitere Schwerpunkte hatte ich in der Digitalisierung und bei der Gleichstellung, wo wir durchaus auch zaghafte Erfolge erreichen konnten wie bei der Lohngleichheit oder bei der häuslichen Gewalt. 

Was mich im Moment sehr umtreibt ist die Frage, warum wir als Gesellschaft so wenig Wertschätzung und Mittel dafür aufwenden, was für mich eine der zentralsten Aufgaben ist: Nämlich sich um andere Menschen zu kümmern, sie zu pflegen, zu betreuen oder zu erziehen. Dabei sind wir alle von Geburt an existenziell darauf angewiesen, dass sich jemand kümmert. Wir wissen alle, dass es mehr braucht als Applaus, es ist jetzt Zeit, hier endlich was zu tun. Ich setze mich darum unter anderem dafür ein, dass sich der Bund längerfristig und substanzieller finanziell in der Kinderbetreuung engagiert. 

 

Was könnte der Zürcher Stadtrat besser machen?

Der Zürcher Stadtrat macht eine gute Arbeit, und wenn man den Umfragen glauben kann, dann sieht das auch eine grosse Mehrheit der Bevölkerung so. Aber man kann sich immer verbessern, man muss sogar. Vielleicht braucht es ein wenig mehr Mut und mehr Ausstrahlungskraft. Städtische Politik ist auch ein Schrittmacher für die ganze Schweiz. Es gibt etliche Beispiele, wo das, was man in den Städten begonnen hat, dann schliesslich überall Schule gemacht hat: Ich denke da beispielsweise an Kinderbetreuung, Tagesschulen, Tempo 30-Zonen, gemeinnütziges Wohnen oder die 2000-Watt-Gesellschaft. Wir sollten hier nicht Angst haben vor Experimenten und auch nicht vor ehrgeizigen Zielen. Warum sollten wir nicht anstreben, dass wir eine Stadt ohne Armut oder wenigstens ohne Kinderarmut sind? Warum sollten wir nicht eine konsequent barrierefreie Stadt werden? Der Stadtrat könnte auch mutiger werden in der Verkehrs- oder der Liegenschaftenpolitik: Der Zeitpunkt war noch nie so günstig wie jetzt. 

 

Und wie würden Sie dazu beitragen?

Es gibt in jedem Departement Bereiche, in denen man vorwärts machen könnte. An Ideen fehlt es mir nicht. Ich bin jemand, der sich schnell einen Überblick verschaffen kann, und ich habe ein gutes Gespür für Gelegenheiten, die man nutzen muss und wie man Mehrheiten dafür gewinnen kann. Als Stadträtin leitet man nicht nur ein Departement, sondern ist auch Teil eines Gremiums. Ich würde sehr gerne dazu beitragen, die Stadt noch gerechter, fortschrittlicher, sozialer und ökologischer zu machen. 

 

Sie sind nicht ‹nur› Nationalrätin, sondern auch Verlegerin des P.S. Angenommen, Sie werden in den Stadtrat gewählt: Was passiert dann mit Ihrer Zeitung?

Zwei Faktoren stimmen mich optimistisch. Ich habe zum einen ein hervorragendes Team, das den Laden auch ohne mich schmeissen kann, das beweist es jetzt schon immer wieder. Dann haben wir eine LeserInnen­umfrage gemacht, wo wir feststellen konnten, dass wir über sehr treue und loyale LeserInnen verfügen. Finanziell geht es uns zwar nicht rosig, aber auch nicht so kata­strophal wie auch schon. Es ist also eine gute Ausgangslage da. Wir sind im Moment daran, uns zu überlegen, wie wir mehr jüngere LeserInnen gewinnen können. Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingt und dass das P.S. noch eine lange Zukunft, auch ohne mich, haben wird.

 

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