«Dann wird es existenziell»

Das Land und ganz besonders die Schweizer Kulturlandschaft steht quasi still. Die Kulturschaffenden, oftmals selbstständige ArbeitnehmerInnen, sind dabei vom urplötzlichen Ausfall aller Öffentlichkeit besonders hart getroffen. Was Bund, Kantone, Verbände und KünstlerInnen unternehmen und ob die Krise auch einen winzigen positiven Aspekt haben könnte, erklärt Salva Leutenegger im Gespräch mit Anatole Fleck.

 

Frau Leutenegger, Sie sind Geschäftsführerin des Schweizerischen Bühnenkünstlerverbands (SBKV) wie auch Vizepräsidentin der Schweizerischen Interpretengenossenschaft (SIG). Wie haben Sie die letzten Wochen erlebt?

Salva Leutenegger: Sehr turbulent, sehr chaotisch und fordernd. Ich denke, wir alle haben, weder privat noch beruflich, je eine Krise in dieser Art erlebt. Das übersteigt alles, was man sich hatte vorstellen können – und trotzdem ‹schicken› wir uns alle hinein. Auf das Berufliche bezogen, heisst das: Man muss Lösungen erarbeiten für unsere Mitglieder – was in dieser chaotischen Situation und dem Zusammenspiel zwischen Behörden und Verbänden nicht einfach ist. Hinzu kommen die berechtigten Ängste der KünstlerInnen.

 

Der SBKV gilt als wichtigste Berufsorganisation für KünstlerInnen in der darstellenden Kunst. Welches sind die ArbeitnehmerInnen, die Sie vertreten? Gibt es Unterschiede bei der Betroffenheit?

 

Wir vertreten hauptsächlich drei Berufsgruppen: SchauspielerInnen, TänzerInnen und SängerInnen. Aber beim SBKV Mitglied sind zum Beispiel auch RegisseurInnen, BühnenbildnerInnen, Kostumbildner­Innen und InspizientInnen. Der SBKV ist in einer Sozialpartnerschaft mit dem Schweizerischen Bühnenverband (SBV) und wir haben auch Gesamtarbeitsverträge mit den grossen institutionellen Häusern. Dort gibt es festangestellte BühnenkünstlerInnen, die Lohnfortzahlungen erhalten – wobei natürlich auch dort einige Häuser mittlerweile Kurzarbeit angemeldet haben. Dann gibt es Freischaffende, die im Stückvertrag arbeiten, also Menschen, die befristet und nur für gewisse Produktionen angestellt worden sind. Diese Kulturschaffenden – die auf dem freien Kulturmarkt ohnehin um Gagen und Engagements kämpfen – sind am meisten betroffen.

 

Was macht die Situation für Kulturschaffende so schwierig? Sind die Reserven bei den Arbeitnehmern einfach zu klein?

Ja, der Markt ist auch ohne Krise bereits hart: Eine Umfrage von Suisseculture Sociale von 2016 hatte ergeben, dass 40 Prozent der freischaffenden KünstlerInnen am Existenzminimum leben. Das zeigt, wie prekär die Situation bereits beim ‹Courant normal› ist. Hinzu kommt jetzt eben eine Krise, in der vom einen auf den anderen Tag alles dichtgemacht hat. Man kann es wirklich mit einer Explosion vergleichen, viele dieser KünstlerInnen stehen buchstäblich auf der Strasse, wissen nicht, wie sie ihre Rechnungen zahlen können. Die Situation ist teils sehr prekär.

 

Dass es drängt, scheint auch die öffentliche Hand erkannt zu haben: Massnahmen zur Abfederung der wirtschaftlichen Auswirkungen aufgrund Covid-19 wurden vom Bund beschlossen, dem Kulturbereich 280 Millionen Franken an Soforthilfen zugesichert. Wie schätzen Sie diese Massnahmen ein? Reicht das, oder ist das bloss ein Tropfen auf den heissen Stein?

Fürs Erste ist es sicher einmal sehr positiv, dass der Wille vom Bund da ist. Dann kommt es natürlich vor allem darauf an, wie lange dieser Stillstand dauern wird – beziehungsweise, wann Kulturprojekte wieder starten können, Produktionen wieder heraufgefahren werden können, man wieder Tickets für Aufführungen verkaufen kann. So wie es im Moment aussieht – ich kann mich hierbei nur auf die Aussagen des Bundes beziehen, wo bestimmte Experten bereits andeuten, es könne bis Ende Mai oder länger dauern – ist es schwierig zu sagen, ob diese 280 Millionen reichen werden. Was ebenfalls noch unklar ist: Wer alles aus diesem ‹Topf› wirklich Geld beziehen können wird. Denn es ist klar: Je mehr Menschen davon Geld bekommen sollen, desto kleiner wird der ‹Topf› bzw. die Gelder an die Einzelnen. Das grösste Problem: Wir sind noch nicht soweit, dass Geld verteilt werden kann.

 

Sie haben es angesprochen, bis anhin können ohnehin keine Gesuche eingereicht werden. Sollte rascher gehandelt werden?

Es ist immer eine Frage der Sichtweise. Welche Perspektive nimmt man ein? Aus der Sicht der Verwaltung und der Verbände – und ich weiss wie schwierig es ist, solche Dinge schnell aufzugleisen – bin ich mir sicher, dass hier das Möglichste gemacht wird. Es wird unter Hochdruck gearbeitet. Aber ich muss da fast parteiisch sein, wir als Verband vertreten die Kulturschaffenden. Und aus ihrer Sicht geht es zu wenig schnell, denn wenn urplötzlich die Einkünfte ausgehen, wird es nicht nur dringend – dann wird es existenziell.

 

Zur Frage nach der Aufteilung – der Bund sagt zum Beispiel: «Diese Soforthilfe ist nur für Personen vorgesehen, die hauptberuflich im Kultursektor arbeiten und ihren Wohnsitz in der Schweiz haben.» Wie ist die Situation bei Grenzgängern oder Personen, die eben nicht hauptberuflich in der Kultur tätig sind?

Bei GrenzgängerInnen ist die Situation noch unklar. Natürlich hat auch der SBKV Mitglieder im Verband, die im Ausland wohnen und in der Schweiz, meist in den Grenzkantonen, arbeiten – also Schweizer Kulturschaffende sind. Ich denke, es ist jetzt ganz wichtig, dass diese Hürden sehr flach gehalten werden. Niemand ist in dieser Ausnahmesituation schuldig – es gibt keine Täter, sondern wir alle in der Gesellschaft sind Opfer und müssen einander helfen. 

Der Bund kann sich in Bezug auf die Kulturlandschaft auch auf die Erfahrung der Verbände abstützen: Wir wissen genau, wer als Profi gelten kann und wer als Laie gelten muss: Beim SBKV zum Beispiel kann Mitglied werden, wer «ProfikünstlerIn» ist – wer eine künstlerische Ausbildung hat und/oder hauptberuflich als KünstlerIn arbeitet. Und es ist einfacher als man denkt, hier die Unterscheidung zu machen, obschon es natürlich keine simple ‹Schablone› gibt, die man über Menschen legen kann: Wenn wir sehen, dass Personen sehr intensiv Kraft und Zeit investieren, sind wir sehr kulant. Denn es ist uns natürlich bewusst, dass sehr viele Menschen auch noch anderen Brotjobs nachgehen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu meistern – da können wir als Berufspartner nicht sagen, das seien keine ProfikünstlerInnnen.

 

Für die Umsetzung der Soforthilfemassnahmen wurde «Suisseculture Sociale» auserkoren, für Ausfallentschädigungen und Soforthilfen bei Kulturunternehmen die Kantone – schafft das nicht Doppelstrukturen?

Nun ja, der Bund meint es wie gesagt gut und will schnell viel Geld verteilen – an alle, die es in der Kulturbranche brauchen. Aber wenn man dann ‹unterwegs› ist, merkt man wie so oft, dass es viel komplizierter ist als in der Vorstellung: Dort kann man sich mit einem ziemlich grossen Sack mit viel Geld auf eine Bühne stellen, alle Betroffenen können dort anstehen und aus dem Sack dann kleinere Säckchen mit Geld entnehmen. Aber so funktioniert es leider nicht (lacht). Es ergeben sich Folgefragen: Wie und an wen verteilen wir und was sind die Kriterien? Welches sind die besten Instrumente? Eben, die Kantone spielen mit, die SVA, es geht zum Teil über die Erwerbsersatzordnung – dann die Soforthilfe über Suisseculture Sociale. Das kann nicht so schnell gehen.

 

Was können Sie als Verband hier tun?

Der SBKV ist ein kleiner Verband ohne grosse Mittel, aber weil wir genau wissen, wie die Situation für die freischaffenden Künstler­Innen ist, haben wir schon vorletzte Woche 50 000 Franken freigegeben – die wir als maximal 1000 Franken grosse, einzelne Darlehen vergeben können. Sie sind für all jene gedacht, die wirklich in Not sind, um die Lücke zwischen der Situation heute und dem Moment, an dem Geld als Soforthilfe fliessen wird, zu überbrücken. Es sind zinslose Darlehen, die über den Zeitraum eines Jahres – bei Notfällen auch darüber hinaus – zurückbezahlt werden können. Das Angebot haben einige bereits in Anspruch genommen. Aber uns ist bewusst: Das kann keine grosse Hilfe sein, aber es ist immerhin eine kleine Massnahme, für die nächsten Tage und Wochen. 

 

Was wären weitere solche Hilfequellen? Was können Private und das Publikum unternehmen?

Man kann zum Beispiel bei Tickets für Vorstellungen, die nicht stattfinden konnten, darauf verzichten, das Geld zurückzufordern, wenn es nicht unbedingt gebraucht wird. Das ist auch eine Form von Solidarität. Einige private Kulturförderer, Stiftungen und Mäzen­Innen – da bin ich überzeugt – werden auch handeln. Auch die Verwertungsgesellschaften SIG und Swissperform werden noch Unterstützungsangebote lancieren. Es wird also viele verschiedene Stellen geben, von welchen man auf Hilfe hoffen darf. Meine Vermutung ist es, dass die KünstlerInnen sich bei jeder erdenklichen Quelle werden melden müssen. Aber da kann ich Ihnen sagen, unsere Mitglieder und allgemein die Kulturschaffenden sind sehr kreativ und werden Wege und Lösungen finden, wie sie sich bemerkbar machen können. 

 

Wenn wir von Wegen durch und aus dem Stillstand sprechen: Viele Künstlerinnen und Künstler sind ja durchaus aktiv, verlagern Inhalte ins Internet: Es gibt Live-Streams von Wohnzimmerkonzerten, Tanz-Aufführungen  – das Zürcher Opernhaus hat zum Beispiel verkündet, es werde gratis Vorstellungen streamen: Kann das helfen?

Ja, Ich habe das Gefühl, dass die KünstlerInnen sehr innovativ sind: Es entsteht gerade viel, gezwungenermassen halt online. MusikerInnen, die sich zusammentun – jeder spielt bei sich zuhause, und dann entsteht so ein Online-Orchester. Solche Ideen gibt es auch in der darstellenden Kunst: Viele versuchen in dieser Zeit, auch mit Online-Coachings Wissen zu vermitteln. Was ich noch nicht beantworten kann ist, ob das den Kulturschaffenden auch monetär etwas bringt. Also die Frage: Wie bringt man das Publikum dazu, auch für ein temporäres Online-Angebot etwas zu bezahlen?

 

Eben, die Verlagerung ins Netz wird da und dort auch kritisiert: Denn wer im Internet Inhalte zur Verfügung stellt, tut dies allermeist gratis. Gewöhnt sich das Publikum nicht einfach daran, dass es Kultur gratis online konsumieren kann? 

So im Sinne von «jetzt muss ich nicht einmal mehr ins Theater, das wird ja alles gratis ins Wohnzimmer geliefert». (lacht) Nein, ich bin überzeugt, das Publikum weiss um die Ausnahmesituation. Und wenn jemand das Gefühl hat, Online-Theater sei genauso spannend wie im Theater selbst zu sein – dann weiss er oder sie noch nicht, was Stimmung, Atmosphäre und Live-Performance wirklich bedeuten. Ich vermute im Gegenteil: Man kann den Menschen zuhause zeigen, dass Online-Inhalte nicht halb so viel wert sind wie das, was live präsentiert werden kann. Man gibt dem Publikum eher ein Zückerchen – zeigt, was Kunst alles ist, wie vielfältig Kunst sein kann.

 

Hat die Krise für die Kultur vielleicht auch etwas Positives? Nehmen wir Kulturangebote schärfer war, weil sie nicht verfügbar sind? 

Ich kann ja nicht rausgehen und mit Menschen reden. Aber ich erfahre in den sozialen Medien und meinem Umfeld viel Solidarität. Ich hoffe, dass wir – durch die Realisation, dass ein Teil fehlt, wenn die gesamte Kulturbranche zum Stillstand kommt – auch dazu animiert werden, mehr anzuerkennen, wie viel Arbeit und Talent in der Kunst steckt. Das Kulturangebot ist nicht einfach da, es muss erarbeitet werden. Wenn diese Entwicklung stattfindet und auch weniger kulturaffine Menschen wachgerüttelt werden – dann hat das Virus wenigstens einen guten Aspekt. Aber wir werden sehen, ich will jetzt nicht Prophetin spielen.

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