Dank Denkmalpflege in die Münz- statt die Müllsammlung

In einer Halle in Stettbach wird die Vergangenheit lebendig gehalten und in die Zukunft getragen. Das Beispiel einer doch nicht so langweiligen Leuchte zeigt die wichtige Arbeit des Bauteillagers des Kantons Zürich.

In der stattlichen Villa Bühler in Winterthur hängt eine alte Leuchte. Golden, sechseckig, zylinderförmig, so weit, so normal. Sie scheint auf den Eingangsbereich des städtischen Münzkabinetts, in dem sich Münzen und Medaillen aller Art aneinanderreihen, aus der hellenischen Antike und der helvetischen Gegenwart, mit eingestempelten Blumenmotiven oder Büsten. Dass die Geschichte der Leuchte aber ähnlich faszinierend ist wie diejenige der Ausstellungsobjekte, dürfte den wenigsten Numismatikfans in der Villa Bühler bewusst sein. 

Bis 1976 hing sie im Haus zum Engenweg in Unterstrass. Ein «währschaftes Patrizierhaus», wie es Anton von Schulthess im Zürcher Taschenbuch 1986 beschreibt, benannt nach dem schmalen «Wipkingergässchen», das an ihm vorbei Richtung Letten und Drahtschmidli (wo heute das Dynamo steht) führte. Seit spätestens dem frühen 18. Jahrhundert befand sich im Haus eine Gastwirtschaft (gemäss einer Überlieferung aus dieser Zeit hatten Studenten dort nach einem Wurstmahl «daselbst gezächt und fast die ganze Nacht hindurch ein ärgerliches Unwesen mit Singen und Johlen betrieben», was zu ihrer Exmatrikulation führte), später wurde es zum Wohnhaus umfunktioniert. 1976 musste das Haus zum Engenweg dem Milchbucktunnel weichen. «Dieser Abbruch bedeutete das Ende eines Hauses, das für zahlreiche Familien während vieler Generationen ein Haus des Friedens, der Freude und des Wohlergehens gewesen war. Das Verschwinden des Hauses liess aber auch den Namen Engenweg, eine seit Jahrhunderten für die schöne Gegend an der Limmat gebrauchte Bezeichnung, unwiderruflich in der Vergangenheit versinken», schliesst von Schulthess seinen zur Feier der Milchbuck-Eröffnung 1985 verfassten Nachruf.

Um dennoch ein Stück dieser Geschichte aufbewahren zu können, beschlossen Zürcher Denkmalschützer:innen, zwei Leuchten aus dem Haus zum Engenweg vor den Baggern zu retten und einzulagern, und über den Umweg eines Handwerkers, der die beiden Stücke «ausversehen» an sich nahm (und dabei erwischt wurde), beim Kanton. Unterdessen machten die vorhin genannten Bagger unter dem Haus einen Sensationsfund: Neun Skelette mit Schuss-, Hieb- und Stichverletzungen sowie Uniformknöpfe. Russische Soldaten, in der zweiten Schlacht um Zürich getötet, als die Franzosen 1799 die russischen Besetzer gen Osten durch den Russenweg in Hirslanden aus der Stadt verjagten. Dasselbe Schicksal erreichte übrigens auch den glücklosen Hauseigentümer Irmiger, der in seiner Zürcher Uniform von russischen Truppen für einen Franzosen gehalten und per Bajonett erstochen wurde. 

Es passt, dass die Leuchte aus dem Engenweg im Münzkabinett gelandet ist. Einerseits, weil sie im alten wie im neuen Zuhause über verwitterten Zeugnissen vergangener Zeiten hing und hängt, andererseits, weil sie wie die restliche Einrichtung der Villa Bühler aus der Gründerzeit stammt. Dass die Bauteile stilistisch oder historisch zu den Empfängerobjekten passen, in denen sie eingebaut werden, sei entscheidend, erklärt Sandrine Keck, Leiterin des kantonalen Bauteillagers, das in Stettbach 15 000 historische Einrichtungsobjekte und Ähnliches aufbewahrt – neben einigen anderen Voraussetzungen: Die Gebäude müssen auf kantonaler oder kommunaler Ebene geschützt sein, die Empfänger:innen sich zur fachgerechten Verwendung im Sinne der Denkmalpflege verpflichten und sie müssen einen konkreten Bedarf für die angefragten Gegenstände nachweisen. «Wir sammeln nicht einfach bunt Bauteile, damit die Leute bei uns zum Lädelen vorbeikommen können», sagt Keck. Und zum «konkreten Bedarf»: «Wenn jemand bei sich im Estrich alte Kacheln findet und sich daraus schliessen lässt, dass dort einmal ein Kachelofen stand, dann qualifiziert das als Bedarf und dann suchen wir im Bauteillager einen passenden Kachelofen aus, um den alten zu ersetzen». 

Die Schätze von Stettbach

Ins Bauteillager kommt alles, was entweder für den Kanton Zürich einen wichtigen Zeitzeugen für einen Baustil, Architekt:in, Handwerk oder ein Schutzobjekt (z.B. den Hauptbahnhof) darstellt. In der grossen Halle in Stettbach türmen sich die Regale meterhoch, wie in einer frühneuzeitlichen Ikea. Es gibt Türen, Lavabos, Wasserspeier, aber auch Telefonkabinen, Leuchtreklamen und eine alte SBB-Fallblatt-Anzeigetafel, die den vorderen Teil des Raums eher wie ein Szene-Café im Industrial-Stil wirken lassen. Pro Monat werden im Schnitt vier bis 15 Bauteile verkauft – wobei das auch 1000 Bodenplatten oder fünf Türen aufs mal sein können, wie Keck erklärt.

Aber wieso braucht es so etwas wie das Bauteillager überhaupt, wo wertvolle alte Zeitdokumente jahrelang aufbewahrt und dann billig an Privatpersonen weitergegeben werden? Wer sich das Eigentum eines denkmalgeschützten Gebäudes leisten kann, der wird sich den alten Kachelofen doch wohl auch zum Sammler:innenpreis und nicht zum wohlfeilen Bauteillagerpreis leisten können. Wer hat, dem wird gegeben? Jein, erwidert Keck. «Wenn wir die Schutzobjekte, die lediglich 1,4 Prozent aller Gebäude ausmachen, betreuen und die Besitzer:innen veranlassen wollen, diese zu erhalten, müssen wir ihnen nunmal auch die Mittel an die Hand geben.» Die Notwendigkeit eines solchen Bauteillagers ergebe sich eben aus dem Bedarf, historische Gebäude nicht nur zu schützen, sondern sie auch lebendig zu halten und ihren ursprünglichen Charme zu bewahren. Eher ein Geben und Nehmen als ein Haben und Bekommen also. 

Kulturelles Gedächtnis

Zum Bauteillager gehört auch das Alter­thümer-Magazin beim Stauffacher. Auch hier wird – im kleineren Rahmen – fleissig archiviert und konserviert, das Alterthümer-Magazin bietet aber auch öffentliche Führungen an und betreibt eine Studiensammlung: Zum Beispiel mit einer Reise durch die Epochen am Beispiel der WC-Rollenhalter-Stile, von Barock bis Bauhaus. Sie dient als Bildungsressource, aber auch als Inspirationsquelle. In einer Zeit, in der schnelle Entwicklung und Neubau oft die historische Bausubstanz verdrängen, stellt das Bauteillager des Kantons Zürich eine essenzielle Ressource dar, die sowohl das kulturelle Erbe bewahrt als auch pragmatische Lösungen für die Denkmalpflege anbietet. Es ist ein lebendiges Archiv, das nicht nur Bauteile, sondern auch Geschichten, Handwerk und die Kunst bewahrt, und es ist ein Bekenntnis zur Nachhaltigkeit. In diesem Sinne: Frohes Suchen nach den alten Kacheln im Estrich!

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