Claus Bremer, Arbeit am Wort

Noch bis am 31. August zeigt das Art Dock Zürich Werke von Claus Bremer: Sowohl seine Konstellationen wie seine Gedichtbilder verhüllen und sind gleichzeitig transparent. Derart werden die Leserin / der Betrachter zum Mitdenken, Mittun eingeladen.

 

Fritz Billeter

Claus Bremer (1924 bis 1996) war Lyriker, Übersetzer griechischer Dramen in ein zeitgemässes Deutsch, war Kunsttheoretiker, Regisseur, Dramaturg und Schauspieler, war schliesslich bildender Künstler. Um seinen Rang als Lyriker und bildender Künstler klarzustellen, möchte ich einwenig ausholen.

 

Wort und Bild im Verhältnis

Das Bild zeigt, das Wort bedeutet. So möchte ich, hoffentlich nicht zu gewaltsam, die Unterscheidung und gleichzeitige Bezogenheit zusammenfassen, wie sie Ludwig Wittgenstein, der wohl schwierigste und wichtigste Philosoph des 20. Jahrhunderts, dargelegt hat. 

Der gemalte Tisch, selbst wo er expressionistisch verzerrt oder surrealistisch aufgeladen ist, tritt stets als Abbild des Gebrauchsobjekts Tisch in Erscheinung; das heisst der gemalte Tisch gleicht dem wirklichen Tisch. Die Buchstaben T-i-sch, die sich zum Wort Tisch fügen, gleichen dem wirklichen Gebrauchsobjekt in keiner Weise. Es bedarf einer gesellschaftlichen Übereinstimmung, einer Konvention, dass das Wort Tisch das reale Objekt Tisch bedeutet.

Man mag einwenden, dass die nichtfigurative Kunst, also die konstruktiv-konkrete einerseits, das Informel wie Tachismus oder Action Painting anderseits, weder in der Lage noch Willens sind, einen Tisch, einen Baum, eine Landschaft zu zeigen. Die nichtfigurative Kunst vermag jedoch ein Bild des Kosmos’, ein Analogon zum Zusammenspiel der Naturgesetze sichtbar zu machen. Der bildnerisch dargestellte Tisch ist anschaulich-anschaubar, wogegen dem Wort Tisch diese unmittelbare Anschauung nicht eigen ist; als Produkt einer Übereinkunft ist es flüchtiger, verlierbarer, im Gegensatz zum gezeigten, dargestellten Tisch nicht ‹handgreiflich›.

Diesen Mangel der Wortdichtung an Seinsfülle versuchten bereits Lyriker der griechisch-römischen Antike zu überwinden. Sie schufen eine Übereinstimmung von Wort und Bild, indem sie die Zeilen eines Gedichts, das zum Beispiel von einer Amphora, einer Schale oder von einem Beil handelte, so anordneten, dass sie die Silhouette eben dieser Gegenstände bildeten. Im Mittelalter und im Barock wurde mit solchen Carmina Figurata, auch Figurengedichte genannt, sogar der gekreuzigte Christus dargestellt. In der Moderne nahm das Carmen figuratum einen neuen Aufschwung, dank einiger Stücke in Christian Morgensterns ‹Galgenlieder›, vor allem aber durch Apollinaires 1918 erschienenen ‹Calligrammes›.

 

Das Carmen Figuratum der konkreten Poesie

Das traditionelle Figurengedicht, einschliesslich die Calligrammes von Apollinaire, bringen den Worttext und die durch ihn produzierte Bildsilhouette in Übereinstimmung. Claus Bremer hingegen, neben Eugen Gomringer, dem Gründervater der konkreten Poesie, wohl einer der wichtigsten Vertreter dieser Strömung, bringt in seinen Carmina Figurata Text und Bildsilhouette in einen Gegensatz oder Widerspruch; er hat sie dialektisch angelegt. So hat er beispielsweise die Silhouette eines Panzers oder eines Soldaten mit Gasmaske, der mit aufgepflanztem Bajonett angreift, aus Christusworten, zwei bombardierende Flugzeuge aus Menschenrechtsparagraphen und Worten von Che Guevara gebildet. Eine Friedenstaube setzt sich aus Mao-Worten zusammen, in denen der Revolutionär sein Volk anfeuert zu kämpfen, nach Niederlagen weiter zu kämpfen bis zum Sieg. Bremer will derart nicht für Christus, die Menschenrechte oder den Sozialismus-Kommunismus missionieren; er will beunruhigen, zum Denken anregen. ‹Ich provoziere den Leser, eine Haltung einzunehmen›, erklärte er 1968 an einer Veranstaltung über seine Dichtungen im Kunstmuseum Bern.

 

Konkrete Poesie, Konstellation

Der 1925 in Bolivien geborene Schweizer Eugen Gomringer, der wohl wichtigste Vertreter der heute international verbreiteten konkreten Poesie, hat weit mehr als Gedichte von unverwechselbarer individueller Form und Ausdrucksweise hervorgebracht. Vielmehr begann er in den Fünfzigerjahren mit seiner konkreten Poesie eine grundlegend andere Möglichkeit der Lyrik als der bis anhin tradierten zu erschliessen. Claus Bremer wiederum hat die konkrete Poesie über Gomringer hinaus weiterentwickelt. 

Inwiefern man die konkrete Poesie als einen gänzlich neuen Ansatz der lyrischen Mitteilung ansehen darf, soll an einem Vergleich mit einem Gedichtausschnitt von Rilke verdeutlicht werden. Bei beiden Dichtern erscheint das Thema Schweigen. Rilke thematisiert es wiederholt, zum Beispiel in einer Strophe an die Freundin Erika Mitterer im Jahr 1924:

‹So schweige nun. Auch ich will schweigen, denn

wo wäre irgend Rede diesem Schweben?

Schon hast du zu dem leise neigenden

fühlenden Wind fühlend nachgegeben.› (…)

Gomringer hat in einer Konstellation das Wort ‹schweigen› vierzehnmal als blockbildende Anordnung gesetzt. In deren Mitte ist dieses Wort ausgespart. Diese Leere, die Weisse des Papiers, macht das Phänomen Schweigen unmittelbar anschaulich. Was gleichzeitig heissen will, dass es nie genügt, Konstellationen vorgelesen zu bekommen; sie müssen immer auch gesehen werden.

In Klammern sei erwähnt, dass die Weisse des Papiers zum ersten Mal in der Literatur eine entscheidende, mitkonstituierende Rolle im 1897 erschienenen Gedicht ‹Un Coup de des› von Stephane Mallarmé spielt, wie Mallarmé mit diesem lyrischen Gebilde überhaupt als grossartiger Vorläufer der konkreten Poesie angesehen werden kann. 

Gomringer bezeichnet seine konkret­poetischen Gedichte wie zum Beispiel ‹schweigen› auch als Konstellationen. Deren Besonderheit umschreibt er folgendermassen: «das neue Gedicht ist (…) als ganzes und in den teilen einfach und überschaubar. es wird zum seh- und gebrauchsgegenstand: denkgegenstand – denkspiel. es ist memorierbar und als bild einprägsam. es dient dem heutigen menschen durch seinen objektiven spielcharakter».

Man sollte die Umschreibung Gomringers, was unter Konstellation zu verstehen sei, auch im Blick auf das Rilke-Zitat lesen, um den grundsätzlichen Unterschied zwischen dessen zwar individuell einmaligen und hochartistischen, aber auch ausgereizten Lyrik und der konkreten Poesie besser einzuschätzen. Im Folgenden ist nun zu zeigen, wie sich Claus Bremer in dem durch die Konstellationen eröffneten Spielfeld bewegt hat.

 

Anstiftung zur Gesellschaftskritik

An der früher erwähnten Veranstaltung im Kunstmuseum Bern von 1966 legte Claus Bremer unter anderen eine Konstellation vor, in der er die Formel für/dich/und/für/mich in ihre Buchstaben ccd/dffh/hii//mn/ruüü zerlegt hat. Er stellt dem Publikum anheim, aus dieser Buchstabenfolge eine andere sinnvolle Wortfolge zusammenzusetzen, für ihn, Bremer, komme jedoch nur seine Formel für/dich/und/für mich infrage. Das Beispiel zeigt alle wichtigen Merkmale, die Gomringer der Gedichtform Kon­stellation zuschreibt: Gebrauchswert, Denkanstoss, Knappheit, die vom Dichter als Playmate an den Leser gerichtete Aufforderung zum Spiel. 

Eine weitere Konstellation von Bremer beginnt mit dem Satz, «selbst in den fremdesten texten den eigenen text entdecken». In der folgenden Zeile wird das erste Wort dieses Satzes durch Überschreibung unkenntlich, fremder gemacht. Dieses Unkenntlichmachen frisst sich bei jeder folgenden Zeile immer weiter in den Satz hinein, der jedes Mal noch unkenntlicher, noch fremder wird. In der letzten Zeile sind alle Wörter des Satzes bis zur fast völligen Dunkelheit über einandergeschrieben. Da aber ein allmählicher Prozess zu dieser letzten Unkenntlichkeit führt, bleibt dem Leser der Anfangssatz weiterhin vertraut. 

Was sich schon am Beispiel ‹schweigen› von Gomringer gezeigt hat: Es reicht nicht, Bremers Konstellationen nur vorgelesen zu bekommen, sie müssen auch gesehen werden. Bremer arbeitet oft mit unkenntlich machenden Überschreibungen. Sie sind nur mit der Schreibmaschine herzustellen; mit dem Computer wären solche Effekte nicht zu erzielen. 

In einem weiteren Gedicht kombiniert Bremer die Wörter zulassen und ändern bis zur Variante änlassen/Zunder/ändern. Das Publikum reagierte auf diese Konstellation mit Beifall. Wohl weil hier zugespitzt deutlich geworden ist, dass Bremers Gedichte dazu auffordern, darüber nachzudenken, wie die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse zum Besseren gewendet werden könnten. Dazu Bremer wörtlich: «Es sind keine engagierten Texte, es sind engagierende Texte.» 

 

Ein letzter Höhepunkt

In den 1980er-Jahren geht Claus Bremer über die Konstellationen hinaus, wobei er gleichzeitig in ihnen verwurzelt bleibt. Er nennt diese neuen Werke «Gedichtbilder», die nun der Malerei zuzuzählen sind. Jetzt verwendet er Farben, um eine auffällige, aber noch nicht näher bestimmende Grundeigenschaft seines späten Schaffens zuerst zu nennen. 

Ein solcher Übertritt von der Literatur in die bildende Kunst ist äusserst selten. Ich vermag mich an ein einziges weiteres Beispiel, an den Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer (1916 bis 1991), erinnern. Hildesheimer machte Kollagen, nachdem er seinen Schriftstellerberuf aufgekündigt hatte, und als Kollagen darf man auch die Spätwerke von Bremer bezeichnen. 

Seine «Gedichtbilder» sind einer schweren Krankheit geschuldet. Er war an Parkinson erkrankt; dank dem Medikament Madopar war er imstande, für kurze Momente künstlerisch zu gestalten. Für rasches Arbeiten eignete sich die Technik des Scherenschnitts mit farbigen Papieren. 

Bremers «Gedichtbilder» erinnern in mancher Hinsicht an die Gouaches découpées von Henri Matisse; besonders berühmt wurde seine Serie «Jazz». Auch bei den Gouaches découpées wirkte eine schwere Krankheit geburtshelferisch, und sie stellten wie bei Bremer einen weiteren und letzten Höhepunkt in einem Lebenswerk dar.

Matisse gelangte mit seinen Scherenschnitten zu einer letzten gestalterischen Vereinfachung, die der reinen Abstraktion nahe kommen. In Bremers Scherenschnitten jedoch herrscht nicht Vereinfachung, sondern Reichtum, Festlichkeit, manchmal geradezu Üppigkeit vor. Dennoch gelingt es ihm, die von den Konstellationen her erwartete Knappheit zu erhalten, indem er seine Gestaltungen zu Haikus zu verdichten versucht. 

Wie in seinen Konstellationen verschlüsselt er auch in den Gedichtbildern Wörter und Sätze und lädt den Leser / die Betrachterin gleichzeitig dazu ein, sie zu ent-schlüsseln. Die Verschlüsselung entsteht mittels Anordnung der ausgeschnittenen Buchstaben und Wörter. Er setzt Buchstaben vereinzelt oder fügt sie zu Wörtern und Satzfragmenten, er setzt sie über- und untereinander, er überkreuzt sie, er lässt sie durcheinander taumeln oder diagonal verlaufen, von links oben nach rechts unten oder umgekehrt. 

Es war zu zeigen: Claus Bremer besetzt innerhalb der konkreten Poesie einen einzigartigen Platz. Sowohl seine Konstellationen wie seine Gedichtbilder verhüllen und sind gleichzeitig transparent. Derart werden die Leserin / der Betrachter zum Mitdenken, Mittun eingeladen. Seine Lyrik, seine Bilder provozieren in einer Weise, dass die Benutzer dahin gebracht werden, gegenüber der bestehenden gesellschaftlichen Situation eine kritische Haltung einzunehmen. Doch, Claus Bremer predigt nicht und missioniert nicht. Als Dichter ist er gleichzeitig Spielleiter, der Leserinnen und Leser zum Spielen auffordert.

 

Claus Bremer im Art Dock Zürich, Hohlstrasse 258,
Zürich. Ausstellung bis am 31. August. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag von 13 bis 19 Uhr. artdock.ch

 

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