Nach ihrem Rücktritt als Präsidentin der SP Schweiz im April 2000 verschwand Ursula Koch völlig aus dem öffentlichen Leben, was vielen zu akzeptieren schwerfällt. Als ehemaliger Präsident der SP Stadt Zürich werde ich nach dem jetzigen Aufenthalt von Ursula Koch gefragt. Es wird mir meist nicht wirklich geglaubt, dass ich ihn nicht kenne und auch nicht, dass ich gut damit lebe. Keineswegs, weil ich schlechte Erinnerungen an sie habe. Sie war für die SP der Stadt Zürich um 1990 die zentrale Figur, ohne sie wäre die nun seit 35 Jahren andauernde Vorherrschaft der Partei kaum möglich geworden. Aber sie war auch immer konsequent gewesen. Sie trat 1998 als Stadträtin von Zürich nicht mehr zur Wahl an, weil sie das Gefühl hatte, dass sie ihre zentralen Ziele nicht mehr erreichen konnte, und sie hörte als SP-Parteipräsidentin auch deshalb auf. Sie nahm sich das Recht, etwas ganz Neues und nur ihren Nächsten Bekanntes zu leben. Ich habe nie begriffen, warum man ihr das nicht zugestehen wollte, warum so viele so viel Energie darauf verwendeten, ihr dieses Recht zu nehmen.
In der Rezeption des hier zu besprechenden Buches nimmt das Interview, das sie über ihre Arbeit als Bauvorsteherin Zürichs 2019 gab, auch darum eine zentrale Rolle ein. Sie erklärt darin allerdings nichts, was sie während ihrer Amtszeit nicht ausführlich erläutert hatte. Dass sie für ihre Ziele kämpfte, dass sie Stadträtin war, weil sie die Stadt ändern wollte, war schon immer klar; dass sie im Stadtrat zwischen 1986 und 1990 aus einer klaren Minderheitsposition handeln musste und dass sie auch im deutlich linkeren Stadtrat nach 1990 nicht immer auf eine selbstverständliche Mehrheit zählen konnte, ist auch nichts Neues. Der Konflikt etwa um die Nutzung der alten Musicalhalle im Industriegebiet in Oerlikon wurde auch öffentlich ausgetragen. Aus dem Interview fand ich ihre Erklärungen, warum sie so stark auf guter Architektur beharrte, am spannendsten. Sie zitierte den bekannten ETH-Professor Adrian Meyer, der der These widerspricht, gute Architektur sei Geschmackssache: «Architektur ist wie essen. Ob ich gerne Braten oder lieber Fisch esse, das ist Geschmackssache. Aber ob ein Braten gut ist, kann auch jemand beurteilen, der lieber Fisch isst. Es geht also nicht um den Stil, sondern darum, ob der Bau gut gemacht ist, sich gut in die bestehende Stadtstruktur einordnet.» Ursula Koch nahm sich einige Zeit, um das Erkennen des guten Baus zu erlernen und sie und ihre Leute unternahmen sehr viel, diesen Prozess für möglichst viele Einwohner:innen transparent zu gestalten. Sie vergaben viele Bauten im Wettbewerb, die Jurierung erfolgte oft öffentlich, dazu gab es Broschüren und Veranstaltungen, in denen erläutert wurde, warum diese Bauten als gut prämiert worden waren. Stadtplanung war zu Zeiten von Ursula Koch eine sehr öffentliche Sache.
Die Grüne
Ursula Koch war eine Grüne, bevor es die Grünen gab. Die Publikation des «Club of Rome» 1972 machte zumindest für jene, die es sehen wollten, die Grenzen des Wachstums deutlich. Sie trieb die Umweltzerstörung und die Veränderung des Klimas in die Politik. Zunächst in kleine, eher wissenschaftlich orientierte Gruppen, später dann in die SP, weil der damalige SP-Präsident Arthur Schmid dafür offen war. Die Zerstörung sah sie auch in der Entwicklung in Zürich. Die Stadt verlor zusehends Einwohner:innen, gewann immer mehr Arbeitsplätze, die sich zudem von der Industrie zu den Dienstleistungen verschoben. Dies führte zu enormen Mobilitätsbewegungen, die Leute mussten zwischen Wohnung in den entstehenden Agglomerationen und Arbeitsort in die Stadt transportiert werden, die dadurch an Wohnlichkeit verlor. Dafür gewann der Boden rasant an Wert und vor allem die Bürgerlichen fanden Stadtplanung ein Mittel, um das Wachstum zu fördern und die am Boden liegenden Gewinne nutzbar zu machen.
Dieser Tendenz widersetzte sich Ursula Koch sehr vehement. Sie wies Träume einer Grossstadt Zürich von sich. Sie wollte eine Stadt, die für ihre Einwohner:innen wieder bewohnbarer wurde, was nicht nur weniger Verkehrslärm und frischere Luft, sondern auch eine Raumgestaltung verlangte. Sie war keineswegs der Meinung, dass Zürich gebaut war (oder höchstens in vielem in den letzten Jahren sehr schlecht), sondern dass die Stadt umgebaut werden musste. Die Stadt sollte nicht nur immer mehr nur zum Arbeiten da sein, sondern auch zum Wohnen und Leben.
Die Mittel dazu waren, wie sie im Amt feststellte, mit der Bau- und Zonenordnung sowie der Möglichkeit der Gestaltungspläne bereits da. Vorhanden war auch viel Wissen der Angestellten im Hochbauamt. Sie trat das Amt kurz nach dem Anschlag von Tschanun und nach der Abwahl von Hugo Farner an und im Gegensatz zu ihm hörte sie ihren Angestellten zu, nutzte ihre Fachkenntnisse. Das beste Beispiel dafür war sicher die Bau- und Zonenordnung, die zur grossen Auseinandersetzung, zur Abwahl von Stadtpräsident Thomas Wagner, zur unerwarteten Annahme in der Volksabstimmung 1992 und schliesslich zu ihren vorläufigen Ende mit der vom Kanton diktierten BZO-Hofmann und die anschliessenden juristischen Auseinandersetzungen führte. Diese Geschichte wird im Buch in einem separaten Kapitel geschildert. Wichtig war indes, dass Ursula Koch im Wesentlichen die BZO von ihrem Vorgänger übernahm. Sie nahm einfach die Ergebnisse ernst und nicht als vom Baugesetz vorgeschriebene Pflichtübung.
Der zentrale Streitpunkt war die Entwicklung der Industrieareale. Die Grundbesitzer (nicht ganz alle) und viele Bürgerliche wollten diese so rasch wie möglich verwerten, sprich vollständig für Dienstleistungen öffnen. Ursula Koch hingegen wollte sie erstens nur schrittweise umgestalten und vor allem mit Gestaltungsplänen, die auch dem Wohnen und dem Gewerbe eine Chance gaben. Dieser Streit ist durchaus aktuell; nur ist heute nicht mehr das Büro, sondern die Luxuswohnung das begehrteste Objekt.
Das Buch konzentriert sich stark auf Ursula Koch als Hochbauvorsteherin und erwähnt die sich wandelnden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nur am Rande. Für die SP war Ursula Koch zudem mehr als die Bauvorsteherin. Sie gehörte zusammen mit Christine Brunner, Ruth Dreifuss zu den prägenden Frauen, die den Wandel der Partei zur Partei der Frauen sichtbar machte, die selbstbestimmt und auch selbstbewusst mehr als Akzente setzten.