Rückblick

Iris, Frühpensionierte nach einer mittleren Laufbahn, führt ein relativ langweiliges Leben, in dem Treffen mit immer weniger Freundinnen und Bekannten und das Lesen auch in einer Gruppe eine zentrale Rolle spielen. Auf der Suche nach einem Buch für die nächste gemeinsame Lektüre stösst sie in der Buchhandlung «Auf Umwegen zum Erfolg» von Silvan J. Mueller. Der Autor war vor rund 30 Jahren ihre grosse Liebe gewesen. Er verliess sie nach knapp zwei Jahren Beziehung zugunsten seiner Ehefrau, zu einem Zeitpunkt, als sein beruflicher Aufstieg begann, zu dem sie einiges beigetragen hatte.
Als Iris mit gut 30 Jahren Silvan auf einer Zugreise nach Genf kennenlernte und sich daraus eine Affäre entwickelte, hatte sie zwar schon einige Männerbekanntschaften hinter sich, aber diese waren nie so intensiv, dass sie sich für ein Zusammenleben interessiert hätte. Sie hatte gerade die Matura auf dem zweiten Weg hinter sich, Esperanto gelernt und wollte mit einem späten Studium beginnen. Das alles spielte nun eine immer kleinere Rolle, sie lebte vor allem für die Stunden mit ihm. Er selber, 20 Jahre älter, stand auch vor einer Veränderung: In seinem Job kam er nicht weiter, er suchte nach neuen Möglichkeiten, die er – auch auf ihr Anraten – dank einem Coach schliesslich als Stiftungsratsmitglied und Berater fand. Sie hoffte auf ein Leben mit ihm, allenfalls sogar mit einem Kind. Doch er entschied sich über die Weihnachtstage für seine Frau. Sie blieb seither alleine (nicht ganz ohne Mann, aber höchstens eine Nacht mit einem, aber nie eine zweite), stieg beruflich etwas auf. Sie erholte sich von diesem Verlassenwerden, fand aber den Mumm zum Glück und die Neugier auf das Studium nicht mehr und führte bis zur Frühpensionierung ein zufriedenes, aber auch etwas langweiliges Leben. In der Autobiographie von Silvan wird sie mit keinem Wort erwähnt, was sie etwas mag.
Das Buch ist heiter geschrieben, mit einigen Bosheiten versehen und berichtet lakonisch von einem einerseits gelungenen, anderseits eben auch missglückten Leben. Nur ganz selten bitter. Was auch daran liegt, dass die beiden sich nie etwas versprachen, sich das Gemeinsame nur erhofft hatten. Und es endet damit, dass Iris das Esperanto wieder entdeckt.

Alexandra von Arx: Das mit uns. Zytglogge, 2025, 146 Seiten, ca. 20 Franken.