In Ruhe altern

«Josef Lautenbacher war früh aufgestanden, um allein zu frühstücken. Es war nicht einfach, seiner Frau auszuweichen, vor allem nicht, wenn man in derselben Wohnung lebte.» Mit diesen ersten Sätzen seines Romans «Josef Lautenbachers Reise nach Flätz» bringt Jürg Beeler seine Leser:innen sofort zum Kern seiner Hauptfigur. Josef Lautenbacher ist seit einer Woche pensioniert, hat seinen Buchladen an zwei junge Buchhändlerinnen verkauft, die statt Thomas Mann und Thomas Bernhard Bücher zur Lebensberatung und zeitgenössische Romane samt Kaffee ins Zentrum stellen. Er kann sich nun nicht mehr zum Morgenkaffee in den noch nicht geöffneten Buchladen flüchten. Die Cafés seiner Kleinstadt Nimmerach passen ihm nicht, da dort seine Frau verkehrt.

Dabei ist seine Frau alles andere als ein Biest. Sie hat ihm fast alles abgenommen, ihm sein recht schrulliges Leben ermöglicht, in dem sie ihm alles abnahm und dafür wenig verlangte. Sie zog die beiden Kinder, für die er sich kaum interessierte, mehr oder weniger alleine auf, er musste einmal jährlich mit ihr in die Berge in die Ferien und hin und wieder als ihr Mann erscheinen. Aber sie lebten nicht nur in getrennten Schlafzimmern je ein getrenntes, für beide ganz passables Leben nebeneinander.

Dass Luise ihn seit der Pensionierung in ihre Haushaltsarbeit integrieren möchte, nähme er noch zähneknirschend hin. Um seine Ungestörtheit, um nicht zu sagen sein Eigenbrötlertum auch von ehemaligen Ladenkund:innen kämpft er indes verbissen. Er wechselt ins Bahnhofbuffet, wo er sich Notizen macht und sich wie ein Schriftsteller vorkommt. Als seine Frau eine grosse Feier zu ihrem 70. Geburtstag ankündigt, bei der er dabei sein sollte, beschliesst er die Flucht nach Paris. Er schafft es dann immerhin alleine bis nach Zürich, wo er im Kunsthaus sanft entschläft, nachdem er dem Arzt entwichen ist.

Der Roman ist sprachlich und situationsbedingt ausgesprochen witzig und heiter, auch wenn das mitschwingende Thema des Verlorenseins nach der Pensionierung und im Alter keineswegs lustig ist. Ein Buch auch mit vielen reaktionären Sprüchen, aber alles andere als reaktionär.

Jürg Beeler: Josef Lautenbachers Reise nach Flätz. knapp Verlag 2026, 103 Seiten, ca. 30 Franken.