Die Täufer und Zwingli

Peter Kamber erzählt aus der Sicht von Barbara als Roman die Geschichte der Familie Grebel zwischen 1520 und 1526. Ihr Bruder Conrad, einer der führenden Wiedertäufer, starb in ihren Armen in Maienfeld an der Pest, nachdem er sich gesellschaftlich isoliert hatte.

Der Roman ist  einerseits eine Chronik der Familie Grebel. Der Vater gehört als Eisenhändler und Junker zu den führenden Männern Zürichs. Um seine Position zu behaupten, war er auf Zuwendungen sowohl der Habsburger als auch der Franzosen angewiesen, was in jener Zeit immer schwieriger wurde. Die Mutter war die Tochter eines Urner Landammanns. Sie hatten neben Barbara, die ihren ersten Mann auch an der Pest verloren hatte und nun mit ihrem zweiten in Maienfeld lebte, zwei Knaben und drei Schwestern, wobei eine mit dem St. Galler Arzt und Bürgermeister Vadian verheiratet war. Im Zentrum des Romans steht der Sohn Conrad, ein Träumer und Melancholiker, der viel las, Latein und Griechisch studierte, Gedichte und Lieder schrieb, zugleich aber auch ein Hitzkopf war. Er musste seine Studien in Wien und Paris abbrechen, weil er sich in blutige Raufereien verwickelt hatte.

Nun kommt er zurück nach Zürich, sein Vater möchte ihn zur Beendigung des Studiums nach Italien mit einem Stipendium des Papstes schicken. Er verliebt sich in die Novizin Barbara (sie heisst wie die Schwester und diese dient als Botin zwischen den beiden), eine Heirat mit ihr lehnt die Familie ab. Er zieht mit ihr zu einem Buchbinder nach Basel, alles hätte sich möglicherweise arrangiert, wenn sein Bruder nicht gestorben wäre und so der Vater von ihm die Rückkehr nach Zürich verlangt hätte, damit er seine Nachfolge im Geschäft und in der Zürcher Politik antreten könnte, was Conrad sehr fern lag – aber auch der offene Widerspruch zu seinen Eltern.

Er kam zurück in ein Zürich, in dem Ulrich Zwingli sich als Reformator und als zentrale politische Figur in­stallierte. Conrad war zunächst mit ihm befreundet, dann wies ihm Zwingli eher die kalte Schulter zu, sie kamen sich wieder näher und Conrad spielte zusammen mit ein paar Freunden die Speerspitze der revolutionären Form der Reformation. Zwingli selber war in seinen Predigten ein harter Reformator, der versuchte, in der Politik sich mit den bestehenden Mächten sowohl in Zürich wie auch mit den übrigen Staaten der Eidgenossenschaft zu arrangieren.

Der Konflikt spitzt sich in drei Bereichen zu: Zunächst bei der Frage der Bilderstürmerei. Es sollte in den Kirchen nur noch das Wort gelten, die Fürbitte durch die Heiligen und ihre Bilder (vor allem natürlich von Maria) sollte weg, die Kirchen wurden geräumt. Die Bauern wehrten sich gegen die Zehnten, es kam zu den grossen Bauernkriegen, auch mit Ausläufern in der Schweiz. Luther und Zwingli stellten sich entschieden auf die Seite der Herrschaft, ein Teil seiner Anhänger:innen sah sich bei den Bauern. Dazu kam der grosse Streit um den richtigen Zeitpunkt der Taufe. Zwingli blieb bei der Taufe der Säuglinge, andere, darunter auch Conrad, akzeptierten nur noch die Erwachsenentaufe, was ihnen den Namen «Wiedertäufer» gab. Dazu besassen die Frauen bei den Wiedertäufern eine deutlich gleichberechtigtere Stellung, waren dezidiert gegen Gewalt und lebten viel gemeinschaftlicher.

Auseinandersetzungen zu damaligen Zeiten endeten oft mit der Verbannung und dem Tod der Unterlegenen. Conrad entkam diesem Schicksal durch die Pest, viele seiner Mitbrüder wurden gehängt oder ersäuft. Zwingli liess auch Conrads Vater enthaupten, weil er in ihm einen Konkurrenten sah, was kaum zutraf.

Das Spannende und mit der Zeit immer besser Gelingende am Roman von Peter Kamber ist das Aufzeigen, wie sich der Konflikt langsam, aber sicher zuspitzt, wie aus Meinungsverschiedenheiten und auch geistigen Wettkämpfen tödliche Abläufe entstehen, zu der beide Seiten beitragen. Zwingli kommt nicht gut weg, aber seine Widersacher (auch Conrad) sind alles andere als Helden oder gar selbstlose Weisen. Der Streit wird mit sehr vielen Zitaten aus der Bibel und aus gelehrten Büchern illustriert, wobei die Frauen mithalten. Der Roman schildert das alte Zürich genau, auch die Handwerke und die Bauten. Der Roman wird immer faszinierend, wenn die Geschichte sich in Dialogen zuspitzte, wenn gegenseitig die besten Argumente aufeinanderprallen.

Peter Kamber: Die himmlischen Versuchungen des Conrad Grebel. Limmat Verlag, 2025, 318 Seiten, ca. 38 Franken.