Man erhält im «Winterthurer Jahrbuch» auch eine Antwort auf die Frage: «Warum um Himmelswillen baut Winterthur diese gigantische Brücke bei einem heruntergekommenen Quartierbahnhof…?» (Bild: zVg)

Blick in den Winterthurer Mikrokosmos

Die Winterthurer Seele ist manchmal schwer zu ergründen. Doch seit über 70 Jahren hilft das «Winterthurer Jahrbuch» sowohl den Winterthurer:Innen, aber auch Aussenstehenden etwas, diesen Mikrokosmos zu verstehen. Dieses Jahr mit spannenden Beiträgen zum Thema «Brücken bauen». Und – uups – widerspiegeln sich in den Beiträgen nicht nur Winterthurer Geschichten, sondern bei der Lektüre stösst man plötzlich auf ganz grundlegende Fragestellungen und Denkanstösse.

Suzana Čufer, Petra Sulzer-von der Assen, Simone Stolz, Renate Rohrer, Hulda Brüngger: Einfach zuerst mal Namen, die nichts sagen, Namen, die wenig gemeinsam haben – und plötzlich werden sie greifbar und haben etwas gemeinsam: Sie sind Protagonistinnen im neusten «Winterthurer Jahrbuch», das am Mittwochabend vorgestellt wurde. Seit 1954 erscheint dieses Jahrbuch, immer eine spannende Mischung aus Portraits, Reportagen, Rezensionen, Kurzdokumentationen. Winterthur feiert damit ein bisschen sich selbst. Aus verschiedenen Aspekten werden Architektur, Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft aus dem vergangenen Jahr betrachtet, und meist mit hervorragenden Bildern dokumentiert. Wie eben Suzana Čufer, Bauleiterin auf einer der grössten Baustellen Winterthurs, der Leonie-Moser-Brücke beim Bahnhof Grüze. «Ich plane rund ein Jahr praktisch minutengenau voraus, wann und wo welche Schraube verschraubt wird. Und ist es dann soweit, und es kommt etwas dazwischen, dann wird es richtig schwierig», sagt sie im Gespräch an der Buchvernissage. Der Journalist Massimo Diana hat sich Suzana Čufer und ihren Kolleg:innen auf auf der werdenden Brücke auf die Fersen geheftet und man erhält auch eine Antwort auf die Frage: «Warum um Himmelswillen baut Winterthur diese gigantische Brücke bei einem heruntergekommenen Quartierbahnhof…?»

Architektur und generell die Wandlung der Stadt und ihrer Bauten ist jeweils einer der Schwerpunkte einer Jahrbuchausgabe. Erstaunt stellt man fest, wie sich das Stadtbild innert eines Jahres verändert hat.

Starke Frauen 

Auffällig an der diesjährigen Ausgabe sind die vielen starken Frauen – von der erwähnten «Oberbauleiterin» über die hundertjährige Hulda Brüngger und ihre zwei gleichaltrigen Kolleg:innen im Altersheim St. Urban bis zur Illustratorin Simone Stolz, der bildenden Künstlerin Petra Sulzer-von der Assen, der Schlosserin Renate Rohrer oder Donka Schaffner und viele weiteren. Die drei Hundertjährigen packen bereits auf der Fotografie und ihre kurzen Lebengeschichten relativieren ein wenig die aktuellen Sorgen der Leser:in. Es gibt sie, die Hoffnung, auch in düsteren Zeiten und früher war es keinesfalls einfach besser. Dies zeigt auch der Beitrag über Donka Schaffner, die sich mit über 80 Jahren auf die Suche nach einem Jugendfreund aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs gemacht hat – und den damaligen Flüchtling tatsächlich wiedergefunden hat. Zum Denken regt auch das Portrait von Renate Rohrer und ihrem Mann Walter an, die mitten in Winterthur eine Schlosserei führen. Eine Schlosserei? 2025? In der Stadt? Genau. Sie stellen fast alles her, was aus Metall hergestellt werden kann. 

Blick zurück…

Das Winterthurer Jahrbuch lebt auch von den Jubiläen, dem Blick zurück. Man lernt das 30jährige Getränkehandels-Kollektiv «hako» kennen – sowohl von der klaren politischen Haltung her wie auch von dem Ladengeschäft einzigartig. Natürlich darf der Beitrag zu 50 Jahren Musikfestwochen nicht fehlen. Ein Beitrag beleuchtet eine Auseinandersetzung um 1920 über den Umgang mit Waisenkindern.  Sollen diese  in einem Heim betreut oder bei Familien platziert werden war damals die Frage – Winterhur entschied sich fürs Heim und damit im damaligen Umfeld für eine relativ professionelle Betreuung. Eine Diskussion von erschreckender Aktualität, wie der Beitrag zu Simone Stolz und ihr Buch zur Fremdplatzierung von Kindern zeigt.

Schliesslich wirft der Historiker Peter Niederhäusern einen Blick 500 Jahre zurück auf den Tössemer Bauernsturm, die Auseinandersetzung zwischen der Landbevölkerung und der dominierenden Stadt Zürich, welche heute noch in das politische Leben hineinspielt…

…und auf die Gegenwart

Schliesslich dokumentiert das Jahrbuch mit verschiedenen Beiträgen lebendig und eindrücklich Winterthurer Gegenwart. Etwa in der Person von Patrick Oberholzer, einem freischaffenden Illustrator, der einen eindrücklichen Comic über die Flucht aus Afghanistan geschaffen hat. Oder Nadia Pettannice ist auf eine Expedition in die Keller der ehemaligen Haldengut-Brauerei gestartet und bringt Maschinen und Geräte ans Tageslicht, wobei sie wohl schreiend davongerannt wäre, hätte sie gewusst, was sie erwartet….

Eine Chronologie ausgewählter Ereignisse, ein Roundup zu kulturellen Anlässen und zu neuen Publikationen aus Winterthur runden das Jahrbuch ab. Effektiv ein lohnender Blick in einen Mikrokosmos, der an sich vertraut scheint, und doch immer wieder anders ist als erwartet.

Das Winterthurer Jahrbuch 2025 ist in Winterthurer Buchläden oder über die Website des Herausgeber:innen-Vereins für 39 Franken erhältlich.