Bis die App klingelt

Sie radeln täglich bis zu 100 Kilometer durch die Stadt. Liefern Essen, Laborproben und verlorene Schlüsselbunde. Und werden dabei oft von Algorithmen und Apps gesteuert. Unterwegs mit VelokurierInnen.

 

Florian Wüstholz

Jeden Tag um 11 beginnt die Primetime. Dann melden sich die Mägen in den Büros der Stadt. Und dann steigt Simon in Zürich Altstetten auf ein oranges E-Bike, auf dem Rücken ein grosser, oranger und würfelförmiger Rucksack. Er verbindet sein Smartphone mit der Powerbank in der Tasche seiner orangen Jacke und startet die Liefer-App Scoober.

Simon ist 29, Velokurier und heisst eigentlich anders. Bereits während dem Studium fuhr er als Velokurier. Jetzt arbeitet er für Eat.ch und versorgt in den nächsten zwei Stunden die Menschen in Zürich mit geliefertem Essen.

Nachdem er sich in der App als verfügbar markiert hat, wartet er ein paar Minuten auf den ersten Auftrag. Dann klingelt die App und ein Lieferauftrag flattert auf Simons Display. Er akzeptiert ihn und schaut, wo sich das fragliche Restaurant befindet. Die App zeigt ihm den Weg und die voraussichtliche Ankunftszeit an. Handschuhe anziehen, losfahren. «Wir Velokuriere sind wie kleine Drohnen, vom Algorithmus gesteuert», sagt Simon. Denn die App zeigt ihm genau, was er zu tun hat. Er liefert immer eine einzelne Bestellung vom Restaurant zur KundIn. Dann folgt die nächste.

 

«Ich fühle mich schon ziemlich überwacht»

Nach wenigen Minuten kommen wir beim richtigen Restaurant an der Langstrasse an. Absteigen, abschliessen, Maske auf. Doch das Essen ist noch nicht bereit – eine Verwechslung in der Küche. Also zückt Simon sein Handy. Neben ihm steht ein weiterer Velokurier und wartet ebenfalls auf eine Lieferung, das Handy in der Hand. «So sehen wir Velokuriere beim Warten aus», witzelt Simon. «Das Smartphone in der Hand, das Kabel geht zur Powerbank in der Jackentasche.»

Denn während seiner zwei Stunden dauernden Schicht ist Simon die ganze Zeit per GPS überwacht. Das zehrt am Akku. Die App – und damit Eat.ch – weiss jederzeit genau, wo er sich befindet. Ist er zur Kundin unterwegs, erhält diese eine SMS: «Ihre Bestellung wurde dem Kurier übergeben. Verfolgen Sie die Bestellung hier.» Kaum markiert er die Lieferung als abgeschlossen, bimmelt das Handy und der nächste Auftrag leuchtet auf dem Display. «Ich fühle mich schon ziemlich überwacht», meint Simon. «Doch gleichzeitig habe ich auch den Eindruck, dass es völlig egal ist, wenn ich mal zu spät komme oder nach erfolgter Lieferung noch ein paar Minuten Pause mache, bevor ich der App die Lieferung bestätige.»

 

«Der eigentliche Chef ist der Algorithmus»

Diese Intransparenz ist typisch für die per Algorithmus gesteuerten VelokurierInnen bei Eat.ch oder Uber Eats. Es gibt keine Kontaktperson. Wie Aufträge verteilt werden, ist völlig unklar. Und was für Auswirkungen effizientes oder schludriges Arbeiten hat, weiss niemand. «Der eigentliche Chef ist der Algorithmus», sagt Simon resigniert. Dabei hat Simon einigermassen Glück – bei Eat.ch hat er einen Monatsvertrag, erhält Fahrrad und Ausrüstung, ist versichert. «Aber wir Kuriere dürfen pro Woche höchstens 10 Stunden arbeiten.» Der genaue Grund dafür ist unklar. Weil aber die meisten Menschen über Mittag und am Abend Essen bestellen, käme man ohnehin nicht auf eine volle Arbeitswoche. «So verdiene ich 1000 Franken im Monat.»

Uber Eats will kein Arbeitgeber sein

Ganz anders geht es Keynan. Er sitzt auf einer Mauer an der Aarbergergasse in Bern, raucht und wartet auf den nächsten Auftrag. Der 32-Jährige kommt aus Somalia und arbeitet für Uber Eats. Wobei das nicht wirklich stimmt, denn Uber Eats will partout kein Arbeitgeber sein. Offiziell bietet Uber Eats nur eine digitale Plattform an. Wären die KurierInnen fest angestellt, würde das angeblich einen Flexibilitätsverlust bedeuten. Das Beispiel von Simon zeigt, dass das natürlich falsch ist. Aber es ist die typische Ausrede, um sich aus der Verantwortung zu stehlen.

«Das System ist willkürlich, intransparent und unvorhersehbar», erzählt Keynan, der seinen richtigen Namen nicht verraten will. Seit etwa einem Jahr fährt er für Uber Eats und trägt dabei das gesamte Risiko auf den eigenen Schultern. Er braucht ein eigenes Velo und eine Versicherung. Geht etwas schief, bleibt es an ihm hängen. «Bei Schnee fahre ich nicht, das ist mir zu gefährlich», sagt Keynan. Bezahlt wird er nur für den Weg vom Restaurant zur Kundin. Hin- und Rückweg werden nicht verrechnet. Kein Wunder, warten er und die anderen KurierInnen für Uber Eats an der Aarbergergasse, denn hier sind die meisten Restaurants.

Diese Scheinselbstständigkeit und die prekären Arbeitsbedingungen sind auch der Gewerkschaft Syndicom ein Dorn im Auge. Das Geschäftsmodell von Uber fördere die Prekarisierung in der gesamten Branche. Und weil Kurierleistungen ein riesiges Wachstum verzeichnen, betrifft das immer mehr Menschen. Wenigstens im Kanton Genf gilt Uber Eats mittlerweile gesetzlich als Arbeitgeber und muss damit Sozialleistungen bezahlen und Arbeitsverträge ausstellen.

In Bern ist das noch nicht so. So verdient Keynan pro Stunde etwa zehn Franken. Wer nicht jeden Auftrag annimmt und in den Stosszeiten arbeitet, kommt kaum über die Runden. Trotzdem fährt Keynan jeden Tag fast 100 Kilometer. Immer aus der Innenstadt in die Quartiere und wieder zurück. Alles wird von der Uber Eats App gesteuert, die ihn den ganzen Tag herumkommandiert. Bei einem Problem – wenn etwa die Hausnummer fehlt oder das falsche Essen zubereitet wurde – könnte er sich an eine Supportnummer wenden. Doch die sitzt irgendwo im Ausland, minutenlange Warteschleife am Telefon inbegriffen. «Am Ende können die sowieso nichts machen», sagt Keynan. «Manchmal werfe ich dann das Essen einfach weg. Eine Verschwendung, aber was will ich machen. Warten kostet Geld.»

Eine Viertelstunde plaudern wir so, immer wieder fahren andere KurierInnen an uns vorbei. Irgendwann ist die Zigarette ausgeraucht. Und dann endlich vibriert Keynans Smartphone. Eine neue Lieferung. Er zieht den Lieferrucksack an und tritt in die Pedale.

 

«Radio Velokurier Bern»

«Velo drei», sagt Tyler Mangold ins Funkgerät an seinem Rucksack. «Ja, Tyler», kommt prompt die Bestätigung aus der Zentrale des Velokurier Bern. «Ich bin jetzt wieder leer an der Könizstrasse», meldet Tyler zurück. «Ok, gib mir einen Moment», rauscht es zurück.

Der 33-jährige Tyler fährt seit acht Jahren für den Velokurier Bern – eine Genossenschaft, bei der alle 70 KurierInnen gleich viel verdienen: rund 22 Franken netto in der Stunde. Nicht viel, aber anständig. Und vor allem arbeiten hier alle als Team zusammen: Die DisponentIn verteilt die Aufträge, lotst die FahrerInnen durch die Stadt und durch den Tag. Über einen offenen Funk sind alle miteinander verbunden. «Radio Velokurier Bern», scherzt ein Kurier am Esstisch, wo sich die KurierInnen zwischen und nach ihren Schichten für den sozialen Austausch treffen. Geht etwas schief, kann schnell Unterstützung angefordert werden. Irgendjemand ist meist in der Nähe und kann zum Beispiel ein dringendes Päckchen mit Laborproben übernehmen.

«Ich bin gerne den ganzen Tag auf dem Velo», sagt Tyler. «Manchmal komme ich in einen Flow, wenn die Aufträge gut verteilt sind und ich von einem Ort zum anderen düsen kann.» Tyler ist, wie viele andere der Truppe, Velokurier mit Herzblut und ein Überzeugungstäter. Sein Lastenvelo hat er selbst zusammengebaut, er kennt jedes Gässchen, jede geheime Abkürzung und hängt mich jeweils locker ab.

«Zeit ist unser Kapital», erklärt Tyler. Wenn eine Lieferung innert 30 Minuten bei der Kundin sein muss, müsse man teilweise an die eigenen körperlichen Grenzen gehen, insbesondere bei schlechtem Wetter. «Wir versuchen effizient zu arbeiten und unterstützen uns gegenseitig im Team, damit alles reibungslos funktioniert. Zu lange warten bringt dabei niemandem etwas.»

Muss eine KurierIn zu lange auf ein Päckchen warten, wird das entsprechend der KundIn verrechnet. Denn der Velokurier Bern muss schnell und zuverlässig sein. Natürlich gibt es trotzdem Wartezeiten. Zum Beispiel am Bahnhof, wenn Tyler auf eine Lieferung wartet, die mit dem Zug kommt. Dann dreht er sich eine Zigarette, füllt ein paar Frachtenscheine aus und schaut vielleicht aufs Handy. «Im Winter ist es hier manchmal verdammt kalt und windig», meint Tyler. «Da schauen wir, dass wir irgendwie warm bleiben können.»

Mit den Jahren haben die KurierInnen des Velokurier Bern ein Netz mit PartnerInnen aufgebaut und wissen, wo sie schnell einen Kaffee trinken können oder sich auf einer Heizung den Hintern wärmen können. «Mit Corona wird das wohl leider etwas schwieriger werden», bedauert Tyler. Da bleibe nur übrig, immer in Bewegung zu bleiben. 

Während wir über die Lorrainebrücke fahren, entdecke ich zwei Vogelfedern, die an der Sattelstange befestigt sind. Ein Glücksbringer, frage ich? «Ach, die», lacht Tyler. «Die hat mir mein Sohn da angemacht.» Und saust davon.

 

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