Bilanz eines Hoffnungsträgers

«A Promised Land», die 1000-seitige Biografie von Barack Obama (welche nur die Zeit bis Mai 2011 abhandelt, ein zweiter Band wird folgen), nimmt uns auf eine Reise mit, mit in die beinahe unschuldigen Vor-Trump-Zeiten, die mittlerweile gefühlsmässig schon weit zurückzuliegen scheinen.

 

Thomas Loosli

Obama hat mich persönlich fasziniert, inspiriert, ja gar politisiert. Ohne das Auftreten von Barack Obama wäre ich im Jahr 2009 nicht in die SP eingetreten, dank ihm bekam ich wieder Hoffnung auf eine gute Zukunft der linken Politik. Ich hatte sogar ein Obamania-T-Shirt mit seinem Konterfei und verfolgte seinen Wahlkampf vom Herbst 2007 bis zu seiner Wahl im November 2008 atemlos mit. Die Regierungszeit von George W. Bush und die damit verbundenen Erinnerungen an 9/11, den «War on terror» und den Krieg im Irak – all das sollte nun vorbei sein und einer grundsätzlich anderen Politik Platz machen. Obama war nicht nur Hoffnungsträger, er schien eine Art Heilsbringer zu sein. Die Wahlsprüche «Yes, we can» und «Change we can believe in», klangen nach Heilung einer tiefen Wunde, welche die neoliberale Globalisierung, der Terrorismus und der Irakkrieg in die Seelen vieler Menschen geschlagen hatten. Was ist aus dieser Hoffnung geworden? Wie sieht Obama selbst seine Regierungszeit? 

 

«Was für ein Mensch möchtest du sein?»

Der am 4. August 1961 geborene Barack Obama beginnt das erste Kapitel mit einer kurzen Zusammenfassung seiner Kindheit und Jugendzeit. Obama war ohne seinen kenyanischen Vater aufgewachsen und daher umso stärker von seiner aus dem Staat Kansas stammenden alleinerziehenden und unabhängigen Mutter geprägt und wuchs in Hawaii und Indonesien auf. Die Mutter sagte ihm eines Tages: «Weisst du Barry, es gibt auf der Welt Leute, die denken nur an sich selbst. Solange sie bekommen, was sie wollen, sind ihnen andere Menschen egal. Und sie machen andere schlecht, weil sie sich dann stark und besser fühlen. Und dann gibt es Menschen, die tun das Gegenteil, die können sich vorstellen, wie andere sich fühlen, und achten darauf, dass sie nichts machen, was anderen wehtut. Und? Was für ein Mensch möchtest du sein?» Diese Frage soll ihn lange nicht losgelassen haben. In seiner Zeit an der Columbia University in New York beschreibt er sich als Idealisten, der eher zurückgezogen und weltfremd lebte. 1985 begann Obama in Chicago als Community Organizer zu arbeiten. In Chicago musste er praktische Arbeiten erledigen und organisieren, einen Park aufräumen oder Asbest aus Sozialwohnungen entfernen. In dieser Zeit entdeckte er die Wichtigkeit des Gemeinwohls und lernte die Nöte, Ängste, aber auch die Hoffnungen der Armen von Chicago kennen. 

Obwohl er diese Arbeit liebte, blieb er nicht in seinem Job, sondern schrieb sich an der Harvard Law School ein. Für diese Entscheidung scheint er sich fast etwas zu entschuldigen, so als ringe er mit seinem Hang zu Ambitionen, übrigens ein Thema, das Obama später im Buch immer wieder aufnimmt. In Harvard entwickelte er sich zum ehrgeizigen und erfolgreichen Studenten und wurde als erster Afroamerikaner Chefredaktor der «Law Review». Die Liebesbeziehung zur charakterstarken und ebenfalls ehrgeizigen Anwältin Michelle Robinson brachte den jungen Obama definitiv auf die Erfolgsspur. Aber anstatt nach seinem Studium eines der vielen Jobangebote anzunehmen und beispielsweise eine Karriere als Richter anzustreben, entschied sich Obama dazu, als Anwalt für eine auf Bürgerrechte spezialisierte Kanzlei tätig zu werden, durchaus mit dem Gedanken im Hinterkopf, später ein öffentliches Amt zu übernehmen.

 

Atemberaubender Aufstieg

Im Sommer 1995 ergab sich für Barack Obama die Chance, in die Politik einzusteigen. Ein demokratischer Abgeordneter des Staates Illinois stolperte über einen Sex-Skandal. Der 34jährige Obama startete seine erste politische Kampagne, die den Anfang seiner sagenhaften Erfolgsgeschichte markierte. Die verschiedenen Kampagnen, die Obama führte, nehmen in «A Promised Land» einen wichtigen Stellenwert ein. Auch Misserfolge gehörten dazu, so scheiterte er 1999 krachend beim Versuch als Abgeordneter ins Repräsentantenhaus zu kommen. Nach diesem klaren Misserfolg war er aufgrund der teuren Kampagne mit 40 Jahren fast pleite und seine Ehe stand nicht zum Besten. 

Nach vielen Gesprächen mit seiner Frau Michelle entschied er sich im Jahr 2003, trotzdem für den Senat zu kandidieren, mit dem hohen Risiko, sich finanziell endgültig zu ruinieren. Sein aufsehenerregender Wahlkampf und sein erdrutschartiger Sieg machten ihn zu einem landesweiten Politstar. Kaum im Senat angekommen, wurde er bereits als Präsidentschaftskandidat gehandelt.

Eine wichtige Rolle spielte dabei die berühmte Rede, die Obama auf dem Kongress zur Ernennung von John Kerry zum US-Präsidentschaftskandidaten im Juli 2004 hielt. «There is not a black America and a white America, a Latino or Asian America, there’s the United States of America», rief ein sehr jugendlich aussehender Obama, der bislang nicht als guter Redner aufgefallen war, einem von ihm euphorisierten Publikum zu. Im Februar 2007 entschied sich Obama dafür als Präsident der USA zu kandidieren, gewann die Vorwahlen nach einem langen, zähen Ringen gegen die weitaus favorisierte Hillary Clinton und besiegte dann seinen republikanischen Gegenkandidaten, den langjährigen Senator John McCain, der allerdings darunter litt, dass George W. Bush in einem krassen Popularitätstief steckte.

 

Das Phänomen Barack Obama

Das Phänomen dieser schier unglaublichen Wahlerfolge ist mit dem Charisma von Barack Obama zu erklären über das er selber im Buch kaum spricht. Tatsächlich ist es etwas anderes, Obama zu lesen oder Obama zu sehen und zu hören. 

Die Erwartungen an den Präsidenten Barack Obama waren enorm, was am Beispiel seiner Berliner Rede im Sommer 2008 zu sehen ist, als er, noch gar nicht Präsident, bereits eine Euphorie in Deutschland, aber eigentlich überall auf der Welt auslöste. Auch seine Kairoer Rede, gehalten im Juni 2009, löste nicht nur in der arabischen Welt Begeisterungsstürme aus und trug wohl auch mit zum Ausbruch des Arabischen Frühling bei. Die Stärke seines Charismas und seiner Rhetorikkünste erwies sich zusehends aber auch als Falle, denn seine hoffnungsvollen Reden schufen Erwartungen, die kaum der Realität entsprechen konnten. Obama beschreibt diesen Konflikt in einer Begegnung mit dem tschechischen  Widerstandskämpfer und ehemaligem Staatspräsidenten Vaclav Havel. Dieser sagte ihm wenige Wochen nach der Wahl, dass die hohen Erwartungen, die er schüre, zwangsläufig enttäuscht werden müssten. 

 

Erneuerer oder Konservativer?

Die erste Ernüchterung  für viele seiner Fans folgte mit seiner Auswahl der Kabinettsmitglieder. Obama zog Erfahrung vor und installierte viele PolitikerInnen des Parteiestablishments. Es zeigen sich in dieser Entscheidung die beiden Seiten von Obama. Er ist Idealist, gleichzeitig genauso Pragmatiker. In welche politische Richtung wollte Obama gehen? Sollte er angesichts der Weltwirtschaftskrise die Banken fallen lassen und die Wirtschaft komplett erneuern? In mancher Stunde, so schreibt Obama, bereute er seine Entscheide hinsichtlich der Rettung der Banken, kommt aber zum Schluss, dass er wieder genauso handeln würde, wenn er in derselben Lage wieder entscheiden müsste. Zu gross sei das Risiko gewesen, dass durch einschneidende Veränderungen des Systems noch viel mehr Menschen in die Armut gerutscht wären. Auch mit seiner Aussenpolitik überraschte er manche, als er die Truppen in Afghanistan fast verdoppelte. Diese Entscheidung fiel etwa gleichzeitig mit seiner Auszeichnung für den Friedensnobelpreis.

Die Umsetzung der Gesundheitsreform wurde zu einem wichtigen Gradmesser und hätte seine ersten vier Jahre ruinieren können. Obama musste angesichts der obstruktiven Politik der Republikaner einen Mittelweg finden zwischen Mut (viele seiner Berater rieten ihm von der Gesundheitsreform ab) und Pragmatismus. Die Gesundheitsreform war eines seiner Kernanliegen, und es bedurfte einer enormen Ausdauer und Kompromissbereitschaft, um ihr zum Durchbruch zu verhelfen. Die DemokratInnen erreichten im März 2010 die Durchsetzung des Affordable Care Act.

 

Gegenwind und Tea Party

Bereits im Sommer 2009 spürte Obama heftigen Gegenwind. Die Medienberichterstattung wurde zunehmend negativ, die Gesundheitsreform kam nicht zum Durchbruch und die Wirtschaft erholte sich nur schleppend. Für die Parteilinke war Obama ein Freund der Wall Street, für die Republikaner war er ein Sozialist. Der Traum von den Vereinigten Staaten von Amerika, wie ihn Obama in seiner Rede von 2004 formulierte, zerplatzte früh. Die Midterm-Wahlen im Herbst 2010 brachten nicht überraschend eine verheerende Niederlage für die Demokratische Partei. 

Das Vorhaben Obamacare rief die sogenannte Tea-Party-Bewegung vom Sommer 2009 auf den Plan. In nur acht Jahren Regierungszeit von Obama wandelte sich die stolze Grand Old Party von einer konservativ-liberalen Regierungspartei zu einer Partei, die am rechten Rand politisierte.

Was war in diesen wenigen Jahren passiert? War Obamas Wahl ein Grund für den Aufstieg von Donald Trump? Wäre eine solche Gegenreaktion ausgeblieben, wenn Hillary Clinton 2008 die Wahl gewonnen hätte? Der enge Berater und Redenschreiber von Barack Obama, Ben Rhodes, schrieb in seinem Buch «Im Weissen Haus» (2018): «Ich konnte das Gefühl nicht loswerden, dass ich es hätte kommen sehen müssen. Denn wenn man es herunterbrach, den Rassismus und die Misogynie abzog, waren wir vor acht Jahren mit der gleichen Botschaft gegen Hillary angetreten, die auch Trump benutzt hatte: Sie ist Teil eines korrupten Establishments, dem man nicht zutrauen kann, Veränderungen zu bewirken». Obama entwickelte sich bei vielen Republikanern immer mehr zu einem Feindbild und wurde von der Tea Party gar mit Hitler verglichen. Die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Fakten, wie sie Ben Rhodes beschreibt, führte auch zum absurden Phänomen des Birthe­rism. Eine deutliche Mehrheit der republikanischen WählerInnen begann zu glauben, Obama sei nicht in den USA geboren. 

 

Obamas Bilanz

Hat Obama als Präsident enttäuscht? Wenn man seine politische Bilanz anschaut, kann man feststellen, dass er die meisten Ziele seiner politischen Agenda erreichen konnte. Er selber zieht in diesem ersten Band noch keine Bilanz. Eine Umwälzung der Politik hat er nicht erreicht. Was aber wichtig ist: Obama konnte als vorbildlicher Mensch und Präsident überzeugen. Obamas Ehrlichkeit und sein Taktgefühl sind inspirierend. Es ist die Art und Weise, wie er mit seinen MitarbeiterInnen umgeht, die beeindruckt, schön zu sehen beispielsweise, als er Joe Biden mit der Presidential Medal of Freedom auszeichnete. In Erinnerung bleibt auch die Pressekonferenz nach der verlorenen Wahl 2016, als Obama in sicherlich einer seiner bittersten Stunden die Wahl von Donald Trump anerkennt, den Wert der Demokratie unterstreicht und den Menschen Mut macht. So viel Grazie, Würde und Grossmut sieht man selten in der Politlandschaft. Auch sein herzlicher, bisweilen trockener Humor blieb ihm erhalten.

Berührend sind die Momente, in denen Obama von Bürgerbriefen erzählt, von Menschen, die während der Wirtschaftskrise alles verloren hatten. Da habe er auch eine Hilflosigkeit verspürt. Es gab aber auch diejenigen, die ihm dankten, Menschen, die von den Wirtschaftshilfen des Recovery Act profitiert hatten. Solche persönlichen Briefe hätten ihm die Kraft gegeben, um diesen harten Beruf auszuüben. Obama beschreibt sich in «A Promised Land» als ganz gewöhnlichen Menschen, und oft macht es den Eindruck, dass bei aller Macht, die er als Präsident hatte, auch er nur ein Blatt im Sturm des Lebens und der Geschichte war. Es ist Obamas Menschlichkeit, die ihn für so viele Menschen einnahm, für Menschen, die bereit waren und sind, für ihn durchs Feuer zu gehen. 

 

Barack Obama: Ein verheissenes Land. Penguin Verlag 2020, 1024 Seiten, 55.50 Franken.

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