Bigotte braune Bagage

Weil satirische Angriffe auf die Scheinheiligkeit mit der Florettspitze so leicht gönnerhaft weggelächelt werden können, wählte Manfred Deix (1949 – 2016) den Zweihänder der derb grotesken Überhöhung für seine Karikaturen. Mit «Rotzbub», dem ersten österreichischen Animationsfilm überhaupt, erfährt er formal wie inhaltlich eine letzte Ehrung.

 

Schon im Mutterleib spielt er an seinem Pinsel rum. Weil er ihn noch immer in Händen hält, als der Geburtskanal geschafft ist, ereifert sich die Krankenschwester in frömmlerischer Empörung, ihn einen Rotzbub zu schelten. Der Name bleibt. Und das Interesse an Pinseln. Dem einen und den anderen. Die Nachkriegskindheit im ländlichen Böheimkirchen (hier Siegheilkirchen) als Schankwirtssohn quellt nicht eben über vor Ereignissen. Des Pfarrers Wort gilt in den 1960er-Jahren weit über den reinen Moralappell hinaus. Die Zustimmung aller Bewoh­nerInnen in trauter Einigkeit ähnelt der leider verlustig gegangen haben müssenden Begeisterung für das geeinte Strammstehen hinter dem Führer. Dem Frisör Kurz schnellt zwar immer noch überall unkontrolliert der rechte Arm in die Höhe, weil er aber neben dem Pfarrer und dem daueralkoholisierten Gendarmen zum ehrwürdigen Inventar der Stützen der Gesellschaft gehört und doch auch nur sein Maul nicht darüber halten kann, was alle anderen insgeheim denken, geschieht vorerst überhaupt nichts. Erst als der Bürgermeister die gross am Rathaus prangende  gemalte Naziverehrung überpinseln lassen will, weil es sich leider nicht mehr schickt, müsste auch Kurz seinen Reflex in den Griff bekommen. Damit das Bild wieder stimmt.

 

Lüsterne Prüderie

Die Buben, mitten im ärgsten Pinselnotalter, haben ihrerseits nur Augen für die Fleischhauerin, die mit ihrem ausladenden Busen und dem kolossalen Gesäss nicht nur die pubertierenden Gedanken von Wolllust beflügelt, sondern gegen ein kleines Zubrot auch dem Bürgermeister, ja überhaupt den Honoren der Stadt in der vermeintlichen Diskretion der Dunkelheit zu Diensten ist. Damit hat die frigide Sexualmoral des Dorfgefüges offiziell kein Problem. Weil ja niemand drüber spricht, es also auch niemand weiss. Ganz anders als der Rotzbub mit seinem Zeichentalent seine feuchten Träume der nackigen Fleischhauerin zu Papier bringt und seine Mitschüler Wimmerl und dessen dümmlicher Adlatus Grasberger die Zeichnungen vervielfältigen und mit Gewinn unter der Hand sämtlichen männlichen Dorfbewohnern vertickern. Die Petze von Bürgermeisterbub, der von den Mitschülern von allem, was Spass macht, ausgeschlossen wird und sich dafür in den Stolz der Mustergültigkeit vorbildlichen Verhaltens flieht, prangert diese skandalöse Verdorbenheit an. Der Eklat ist da. Je verlogener der eigene Lebenswandel, desto lauter die Skandal-Rufe. 

 

Der Rotzbub selber bleibt davon mehrheitlich unberührt. Denn sein Interesse hat sich von der Fleischhauerin auf die gleichaltrige Roma Mariolina verlegt, seine rein körperlichen Sexualphantasien in Richtung feinstofflicher Gefühle alias amouröse Verzückung verschoben. Liebestrunken malt er Portrait um Portrait. Derweil er tagsüber seinem hochgelobten Künstleronkel die Farben für das neue Wandgemälde mischen darf. Wimmerl sieht seine Gewinnfelle davonschwimmen und ergänzt die ursprünglichen Zeichnungen zu Collagen mit Mariolinas Konterfei und fährt mit seinem Bildchenhandel fort. Als dieser auffliegt, ist klar, wen der Bannstrahl trifft: die Zigeuner! Durchaus mit dem heute mitschwingenden, damals offenkundig auch gemeinten, beleidigenden Unterton. Die waren doch schon immer an allem schuld, auch dass die Arisierung nur so schleppend…

 

Der Bürgermeister spricht ein Machtwort. Schliesslich soll die Vergangenheit überpinselt werden und das neue Bild in altem Gedankengut erscheinen, als wäre alles in bester Ordnung. Damit ist nicht etwa der neuzugezogene Poldi, der langhaarige Wirt des Espresso Jessy gemeint, der mit Rockmusik und Alkoholausschank für jeden – also alle, man stelle sich das vor – eine Zukunft darstellt, die als Bedrohung durch Subversion alle mühsam als Attrappe aufrechterhaltene Ordnung in Gefahr bringt. Also seinerseits den Volkskörper, ähm die Dorfgemeinschaft verführen könnte, gelassen, freudig, experimentell vom rechten Weg abzufallen.

 

Es wird noch schlimmer kommen im Film von Marcus H. Rosenmüller und Santiago López Jover (Animation). Nicht alle Veränderungen geschehen absichtlich, bestimmt nicht freiwillig. Aber braune Bagage mit Scheisse zu bewerfen, scheint sie als Anfang schon mal erfolgreich mundtot zu machen. Und das schafft Raum und Luft für das Neue.

 

«Rotzbub – Willkommen in Siegheilkirchen» spielt in den Kinos Arena, RiffRaff, Stüssihof.

 

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