- Im Gespräch
«Beznau I und II würden heute von keiner europäischen Behörde mehr genehmigt»
Am Sonntag vor 40 Jahren, dem 26. April 1986, geriet ein Sicherheitstest im Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion ausser Kontrolle. Die Reaktordecke explodierte, eine radioaktive Wolke zog über halb Europa. Weil es damals weder Internet noch Smartphones gab und die Verantwortlichen hinter dem Eisernen Vorhang die Katastrophe am liebsten vertuscht hätten, dauerte es Tage, bis im Westen bekannt wurde, was geschehen war. Erst Meldungen aus Schweden, dass dort die Geigerzähler verrückt spielten, lösten Nachforschungen aus, und so kam das Ausmass dieses «grössten anzunehmenden Unfalls», kurz GAU, nach und nach ans Licht.
Frau Stegen, wo und wie haben Sie vom Reaktorunglück von Tschernobyl erfahren?
Eva Stegen: Das Reaktorunglück passierte in der Nacht von Samstag, 26. auf Sonntag, 27. April 1986. Ich studierte damals und wurde am Dienstag, 29.April vom Radiowecker geweckt. So erfuhr ich, dass in Schweden hohe Werte an Radioaktivität gemeldet würden, die wahrscheinlich aus der Sowjetunion stammten. Ich dachte, ich sei in einem Albtraum gefangen und würde gleich aufwachen. Denn das konnte ja nicht wahr sein, was ich da gehört hatte.
Was bereitete Ihnen damals die grössten Sorgen?
Die Menschen wussten nicht, wie sie sich verhalten sollten, aber wir alle hatten Angst um unsere Gesundheit. Spielplätze wurden gesperrt, und wir wurden gebeten, bei Regen drinnen zu bleiben, wegen des radioaktiven Wash-outs. Was bisher als gesund gegolten hatte, etwa frische Luft oder frisches Blattgemüse, war nun plötzlich schlecht. Es folgten der Run auf UHT-Milch und auf Dosenfutter, das vor Beginn der Katastrophe abgefüllt wurde. Auf der anderen Seite waren da diese Politiker – damals waren die meisten Menschen in der Politik Männer – die wie ein orientierungsloser Hühnerhaufen unterwegs waren.
Inwiefern?
Der damalige deutsche Innenminister Friedrich Zimmermann sagte, der Austritt von Radioaktivität betreffe einen Umkreis von 30 bis 50 Kilometern, wir sollten uns also keine Sorgen machen. Der bayerische Umweltminister Alfred Dick tauchte vor laufenden Fernsehkameras einen Finger in frisch produziertes Milchpulver, schleckte ihn ab und sagte, «des macht mir nix». Ich kann mich aber an Wagenladungen voller Milchpulver erinnern, die auf dem deutschen beziehungsweise europäischen Markt nicht mehr verkäuflich waren. Sie wurden schliesslich nach Afrika gebracht, von skrupellosen Geschäftemachern.
Dass sich Menschen nach einem schlimmen Ereignis zusammentun und versuchen, die Situation gemeinsam zu verbessern, ist nicht ungewöhnlich. Doch eine Bürgerinitiative, die den Schock von Tschernobyl in nachhaltige Kraftwerke, in Ökostrom für Wärmepumpe und Auto und in Biogas umwandelt und 40 Jahre später unbeirrt weitermacht: Wie haben die Menschen aus Schönau das geschafft?
Direkt nach Tschernobyl haben sich die Eltern und insbesondere die Mütter Sorgen um die körperliche Unversehrtheit der Kinder gemacht. Sie haben sogleich damit angefangen, sich schlau zu machen: Wie lauten die Grenzwerte? Wie kommen wir an unverstrahlte Lebensmittel? Es bildeten sich quer durch die Gesellschaft Elterninitiativen, die Aufklärung betrieben. Irgendwann traf sich ihr Engagement mit der Erkenntnis, raus aus der Atomenergie zu wollen.
Das war aber nicht nur in Schönau der Fall: Was machten die Menschen dort anders bzw. besser?
In Schönau entstand aus der klassischen Eltern- und Informationsinitiative die Idee, unser eigenes Energieunternehmen zu gründen, um überhaupt Veränderungen herbeiführen zu können. Wir wollten uns dabei an die Spielregeln des Energiemarktes halten, aber auch dessen Spielräume ausschöpfen. Das war genau das, was auf der Klaviatur der Möglichkeiten damals fehlte: Umweltverbände konnten auf die Strasse gehen, Infostände aufstellen, das alles war wahnsinnig wichtig, aber die Hürde hin zum eigenen Unternehmen hatte noch keiner genommen. Die absolute Trumpfkarte meiner damaligen Mitstreiter:innen war, dass sie völlig naiv an die Sache herangingen.
Das soll eine Trumpfkarte gewesen sein?
Es war sogar ihre Kernkompetenz!, also natürlich nicht naiv zu sein im negativen Sinne, sondern in Form ihres unbändigen Willens, etwas zu verändern. Denn hätten sie zu Beginn gewusst, worauf sie sich einlassen, dann wären sie vielleicht den ersten Schritt gegangen, aber nicht mehr den zweiten, dritten, vierten, denn dann wurde es richtig schwierig.
Weshalb?
Es kamen immer weitere bürokratische Hürden hinzu auf dem Weg zum eigenen Stromunternehmen. Aber wenn man schon unterwegs ist, dann hat man immer schon etwas geschafft und nimmt sich die nächste und übernächste Hürde vor: Man hat bereits eine Selbstwirksamkeitserfahrung als treibende Kraft. Stellen Sie sich vor: Man hat diese riesige, behäbige Maschine namens Energiewirtschaft vor sich, diesen Dinosaurier, und ist selbst nur ein kleines Menschlein. Doch dann piekst man ihn mit einer Nadel in den Hintern, und plötzlich fängt das Vieh an zu jaulen und ändert die Richtung: Das ist ein geiles Gefühl! (lacht), davon will man gern noch mehr haben.
Der Rest war vor allem viel Arbeit, nehme ich an?
Ja, es hat zehn Jahre gedauert, bis das eigene Energieunternehmen implementiert war. Da waren Bürgerentscheide nötig und ganz viel Überzeugungsarbeit im Ort. Dann ist der Energiemarkt liberalisiert worden, was für uns zu Beginn eine Bedrohung war: Wenn uns alle weggelaufen wären, die anfangs gegen uns waren, hätten wir den Laden gleich wieder zumachen können.
Dazu kam es offensichtlich nicht.
Nein, wir sind einfach bundesweit aufgetreten und haben uns gesagt, all den vielen Atomkraftgegner:innen, die es gibt, können wir doch unseren sauberen Strom verkaufen. Das hat eine richtige Wechsel-Welle in Gang gesetzt: Es dauerte nicht lange, bis auf den Prospekten praktisch aller Stromunternehmen Bilder von Solarpaneelen und Wasserkraft prangten. Alle warben mit grünem Strom, und das in einer Grössenordnung, in der er noch gar nicht vorhanden war, wie man unschwer feststellen konnte, wenn man einen Blick ins Kleingedruckte warf. Die Kernbotschaft aber lautete, dass es sich niemand mehr leisten konnte, keinen sauberen Strom im Angebot zu haben.
Da waren Sie bestimmt schon wieder einen Schritt weiter…
Wir fügten unserem Strompreis von Beginn an einen Fördercent pro Kilowattstunde hinzu. Mit diesen Fördergeldern bezahlten wir den Menschen, die gern eine eigene Solaranlage installieren wollten, einen Zustupf daran, denn die waren damals noch sehr teuer. Später brauchten wir diesen Topf auch, um Studien (mit-) zu finanzieren, wie etwa jene zu den Sicherheitsdefiziten des AKW Leibstadt von 2021.
Und heute?
Es gibt immer neue Herausforderungen und politische Rahmenbedingungen, je nachdem, wer gerade mit welcher Vehemenz die Energiewende ausbremsen will. Aber wir bleiben dran und wollen nach wie vor etwas bewegen, zusammen mit unseren Mitstreiter:innen, unseren mittlerweile rund 200 000 Energiekund:innen und mehr als 15 000 Genossenschafts-Mitgliedern.
Sie sind Vorstandsmitglied des Trinationalen Atomschutzverbands (TRAS), der sich dafür engagiert, dass der Atomausstieg durchgesetzt wird, keine neuen AKW gebaut und die Atomrisiken transparent gemacht werden. Heute diskutiert die Schweizer Politik darüber, ob das Neubauverbot für AKW aus der Verfassung gestrichen werden soll. Wie kommt solche Geschichtsvergessenheit bei Ihnen an?
Als ich das erste Mal davon hörte, dachte ich, da spekuliert offensichtlich jemand damit, dass das Schweizer Stimmvolk sehr schlecht informiert ist: Hinter diesem Ansinnen stecken dieselben Menschen, die bei der Abstimmung 2017 gegen das Neubauverbot gekämpft haben, das ja Teil der Energiestrategie 2050 war. Die Initianten der Blackout-Initiative haben auch im Ausland damit Schlagzeilen gemacht, dass sie im grossen Stil Unterschriften gekauft haben. Die Initiative wird von einem Stiftungsgeflecht finanziert, hinter dem die Atomfamilie Aegerter steckt, allen voran der millionenschwere Investor Daniel Aegerter.
Es geht also nicht um Geschichtsvergessenheit, sondern um Knete?
Das amerikanische Unternehmen Transatomic Power, in das Aegerter einst investiert hat, ist unterdessen pleite gegangen, weil es, wie andere Startups in der Atombranche auch, das Blaue vom Himmel herunter versprochen hat. Mit den angekündigten Flüssigsalzreaktoren ging es aber nicht vorwärts, und die Investoren sprangen ab. Jetzt ist die Situation ähnlich.
Inwiefern?
Für einen Atom-Investor ist es doof, wenn er seine Reaktoren nicht im eigenen Land bauen darf, das stört beim Einwerben von Kapital für Atom-Luftschlösser. Aegerter investiert in mehrere ausländische Atom-Startups. Mit dem Heilsversprechen, Import-unabhängig zu werden. Doch selbst wenn eines dieser Startups irgendwann einen neuen Wunderreaktor hervorbringen würde, was unwahrscheinlich ist, bliebe die Import-Abhängigkeit über die gesamte Brennstoff-Vorkette bestehen, genau so, wie sie jetzt bei den Altmeilern besteht. Ob die Atomdrogen-Junkies an der Fixe von Russland oder den USA hängen, macht unterdessen demokratiepolitisch gesehen keinen grossen Unterschied mehr. Bleibt Frankreich, das auch militärisch eine Atommacht ist: Was, wenn dort 2027 eine rechtsextreme Regierung übernimmt? Es ist ein Selbstmordkommando ohne Ende, wenn man in Atomkraft investiert.
Die vier AKW in der Schweiz sind alle über 40 Jahre alt, Beznau I wurde 1969 in Betrieb genommen und ist heute das älteste noch laufende Kernkraftwerk der Welt. Wie beurteilen Sie dieses Festhalten an der Atomtechnologie?
Ich halte es für hochriskant, aber es gibt durchaus Menschen, die davon profitieren. Sonst würde man doch dieses Risiko nicht eingehen. Beim Reaktordruckbehälter von Beznau I hat man längst Materialunregelmässigkeiten festgestellt. Das AKW stand deswegen drei Jahre still. Die Unregelmässigkeiten sind im Zusammenhang mit jenen von AKW wie Fessenheim, Doel, Tihange und anderer zu sehen, bei denen Wasserstoffeinschlüsse festgestellt wurden. Viele dieser Reaktoren sind unterdessen stillgelegt. Die Schweizer Reaktion hingegen war die: Lassen wir einfach den Ring des Reaktors aus den 1960er-Jahren nachbauen und schauen dann, was dort eingeschlossen wird. So kam man zum Schluss, dass es Aluminium- und nicht Wasserstoffeinschlüsse seien. Nur: Schon der Auftrag, den Ring nachzubauen, impliziert ja geradezu, dass man etwas anderes finden möchte. Trotzdem verweigern sich bestimmte Kreise standhaft den besseren Lösungen.
Haben Sie dazu eine Theorie?
Ich habe den Eindruck, dass es für Aegerters Blackout-Initiative und die Atombegeisterten nicht nur ein monetäres Thema ist, sondern auch ein ideologisches. Ich kann nicht nachvollziehen, wie man sich derart ideologisch verrennen kann. Zudem hat die Schweiz die völkerrechtlich bindenden Konventionen von Espoo- und Århus unterschrieben. Indem Leibstadt nach 40 Jahren stillschweigend in den Überzeitbetrieb versetzt wurde, hält sie diese Konventionen nicht ein: Sie sehen unter anderem vor, dass ein Land, in diesem Fall die Nachbarländer vorab informiert und an grenzüberschreitenden Umweltverträglichkeitsprüfungen beteiligt.
Wie schätzen Sie die Sicherheit heutiger AKW ein?
Im vergangenen Juni war der ehemalige Abteilungsleiter für Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium, Wolfgang Renneberg, an einer TRAS-Veranstaltung zu Gast. Er erklärte, dass die beiden Blöcke von Beznau heute von keiner europäischen Behörde mehr genehmigt würden. Das in Kombination mit der Verweigerung, den Verpflichtungen aus den genannten Konventionen nachzukommem, finde ich unterirdisch.
Zur Person
Eva Stegen ist seit über 20 Jahren Energiereferentin bei den Elektrizitätswerken Schönau und Unterstützerin diverser NGO. Zuletzt übersetzte sie das Buch «Die Gewerkschafterin. Im Räderwerk der Atommafia» von Caroline Michel-Aguirre aus dem Französischen (edition einwurf 2025, 221 Seiten, ca. 31.90 Franken). Es ist der verstörende Bericht über die Gewerkschafterin Maureen Kearney, die in Frankreich in Konflikt mit den Interessen der Atommafia geriet. Ihre Geschichte wurde wurde mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle verfilmt (Die Gewerkschafterin, Originaltitel: La Syndicaliste, Regie Jean-Paul Salomé). Der Film wird im Sommer in Basel gezeigt.