(Bild: Philipp Frowein)

Beschleichend

Nur leise Veränderungen in der kreisartigen Wiederholung führen in «Stille» die einen beschleichenden Ahnungen in Richtung einer Gewissheit.

Juliette Grécos typischer Sprechgesang ist das Einzige, was bereits im ersten Anlauf von Paula Lynn Breuers Inszenierung als solcher erkennbar wird. Welches Chanson sie allerdings haucht, bleibt geraume Zeit genauso bloss angedeutete Ahnung, wie die handelnden Akteur:innen in der Choreographie von Diane Gemsch mit jedem Anlauf klarer ersichtlich vor jeder Narration die Herstellung einer Gefühlslage im Sinn führen. Jeder Loop unterscheidet sich minim vom letzten und verstärkt sich dadurch in der Deutlichkeit, nicht nur des Lieblingsliedes von Irina (Hanna Eichel), «Deshabillez-moi». Sie weint leise in sich hinein und macht ganz allein mit sich selber aus, wie sie mit der erneuten Krebsdiagnose umgeht. Das Bühnensetting zeigt eine Art Strandentspanntheit, worin David (Martin Butzke) und Lydia (Rachel Braunschweig) ein Paar darstellen, das zwar augenscheinlich miteinander sehr vertraut, aber zugleich auch voneinander sehr distanziert ist. «Das Ereignis», das sie belastet, hemmt Irina, ihren Bruder und ihre Schwägerin mit ihrem eigenen existenziellen Problem zu belasten. Eine namenlose Figur (Till Schaffnit) filmt alles und gibt als inhaltliche Rechtfertigung dafür im weiteren Verlauf an, emotional von einem dichten Nebel belegt zu sein, der ihm eigene Empfindungen verunmögliche, weshalb er sich darauf verlegt habe, sublimierend dafür eine Voyeurslust zu entwickeln und mit der Beobachtung fremder Leben selbst ein Gefühl für Lebendigkeit zu empfinden. Ein Dancetrack mit der Songline «wait by your love» widerspiegelt das Ventil. Tanzend wollen alle die Last von sich abfallen lassen und/oder die emotionale Empfindung eines sie bis in die Schockstarre ergreifenden Schmerzes mit einer spürbar körperlichen Regung verdrängen. Bis sich Lydia festtritt und der Ablauf in Variationen wieder von vorne beginnt. «Die Stille» von Guillaume Poix (Deutsch von Marina Galli) zeigt vier in ihrem individuellen Schmerz isolierte Personen, die einander entgegengesetzt, einander ergänzend, komplett fremd voneinander und dann doch genau gleich wie alle anderen leiden. Die Choreographie schafft es, das letzte Aufbäumen Irinas mit dem in sich Zusammensinken von David als Äquivalent zu zeichnen, was nur der Gipfel einer sorgsamen, beinahe wortlosen Stimmungsherstellung des gesamten Abends meint. Wäre nicht der Epilog, der wie ein US-amerikanischer Film alles, was bereits nonverbal komplett klar geworden ist, auch noch ausformuliert, es wäre ein grandios poetischer Saisonauftakt.

«Die Stille», bis 16.1.26, Theater Neumarkt, Zürich.

(P.) S. O. S. !

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