- Post Scriptum
Beschämtes Besserwissen
Seit dem frühen Morgen des 1. Januars lese ich obsessiv alles, was zum Brand in Crans-Montana überhaupt zu lesen ist. Manchmal sogar zweimal hintereinander, oft lese ich es für mich untypisch langsam, Wort für Wort, ich will verstehen, nachvollziehen können, manchmal ist es mir auch so, als ob ich durch die ganz besonders sorgfältige Lektüre dieser Tragödie erst den richtigen Respekt entgegenbringen könnte. Manchmal lese ich und dann muss ich unvermittelt aufstehen, eines meiner Kinder fest in die Arme nehmen, mich versichern, dass sie da sind, und gleichzeitig überkommt mich, ganz tief in mir und gleichzeitig sehr weit weg, eine Ahnung von Schmerz, die millionenfach schwächer ist als das, was die Eltern der Toten und Verletzten fühlen müssen – und trotzdem zerreisst mich nur schon diese kleine Vermutung dessen, was wäre, wenn das eigene Kind in dieser Silvesternacht gestorben ist oder nun in einem der Spitäler liegt.
Wir haben hier natürlich die typischen Nachrichtenfaktoren, die aufeinanderprallen, die Nähe des Ereignisses, das Unerwartete. Fröhlichstes Feiern, bei dem niemand je gedacht hätte, dass es in einer Katastrophe endet. Und es ist nicht nur geographisch in der unmittelbaren Nachbarschaft, sondern auch in der eigenen Vorstellungskraft. Während ich die Hoffnungslosigkeit der Angehörigen der Opfer, wenn auch nur annähernd, zu spüren glaube, weil ich selbst Mutter bin, sind mir auch die Tausenden von Hingerichteten im Iran – worüber genau in diesen Tagen zu lesen ist – nicht gleichgültig. Es erschüttert mich. Nur nicht ganz so urgewaltig, stelle ich fest, wohl weil die Möglichkeit einer Hinrichtung durch ein diktatorisches Regime in meiner Realität weit weg ist. Man soll das keinesfalls gegeneinander ausspielen, man soll es einfach festhalten. Aber darum geht es mir gar nicht.
Mir geht es mehr so um Mitmenschen und Schreibende, die ganz genau wissen, wie es anders hätte sein können, was man hätte machen müssen. Die besserwisserischen Artikel. Die «wie-konnte-man-nur»-Aussagen. Diese schweizerische Klugscheisserei, die man im Alltag ertragen kann, nur nicht hier, wo sie pietätlos wirkt und arrogant. Und damit meine ich jetzt noch nicht einmal Eric Guyer in der NZZ, der es fertigbringt, den Brand in Crans-Montana als Sinnbild des Bürgers in der sozialen Hängematte, der jede Verantwortung an den Staat abgegeben hat, zu interpretieren. Wobei, doch, den Guyer meine ich eigentlich auch, denn er schreibt wie viele andere über etwas, was mich von Anfang an störte. Er macht den Vorwurf, dass die Gäste im Keller die Flammen an der Decke noch filmten, anstatt sofort zu flüchten.
Jetzt weiss ich nicht, wie anderen das so geht, aber ich hatte bis vor Kurzem keine Ahnung, was ein «Flashover» ist. Ich wusste schlicht nicht, dass ein kleines Feuer schlagartig zu einem Vollbrand werden kann. Deshalb weiss ich, dass ich um einiges nach Mitternacht, nach einigem Anstossen aufs neue Jahr, in der Unbeschwertheit des Moments, beim Anblick dieser Flammen an der Decke nicht automatisch rausgerannt wäre.
Die Eigenschaft, die richtigen Worte zu finden, ist eine sehr seltene Gabe. Der Gemeindepräsident Nicolas Féraud hat sie nicht. Allerdings: auf ein Ereignis wie das in Crans-Montana kann man sich kommunikativ vermutlich nicht vorbereiten – schon gar nicht als Lokalpolitiker. Ich mag ihn auch nicht besonders, diesen Féraud, aber man muss sich fragen, ob man es selbst denn besser gekonnt hätte.
Und es sind auch nicht alle wie meine Grossmutter selig, die regelmässig bei der Verwaltung angerufen hat, um zu fragen, wenn denn jetzt die Steuererklärung komme, es dünke sie doch schon sehr spät dafür. Die ehrliche Aussage des Gastronomen Michel Péclard verdeutlicht das: «Beschämt denke ich an meine Reaktionen, wenn die Feuerpolizei in unseren Betrieben etwas auszusetzen hatte.» Natürlich hätte er nicht beim Amt nachgefragt, wenn die jährliche Kontrolle mal ausgeblieben wäre. Genauso wenig wie die Barbetreiber in Crans Montana.
Und so glaube ich halt, dass all der Besserwisserei hier vor allem eines zugrunde liegt: Die Scham, dass man es keinen Deut besser gemacht hätte als alle Beteiligten zusammen. Wir hätten Opfer sein können, ja, aber genauso auch Täter:innen.