Bereit zum Sprung

Wie Katzen um den heissen Brei schleichen die drei Figuren in Lucy Kirkwoods «Die Kinder» um jede Deutlichkeit herum. Nur scheibchenweise treten ihre wahren Absichten und Langzeitfolgen früherer Kränkungen in den Vordergrund.

 

Die letzte Eigenproduktion der Winkelwiese, bevor Manuel Bürgin die Leitung im Sommer abgibt, vereint das Beste, was klug ausgewählte und virtuos inszenierte Gegenwartsdramatik, also letztlich den Hausgeist der Winkelwiese ausmacht:  Raffiniertes Schauspiel, Spannung im Zwischenmenschlichen und aktuelle Fragen, die sich jeder Existenz stellen – poetisch-politisches Theater. Völlig überraschend steht nach dreissig Jahren Rose (Silke Geertz) vor der Tür. Nicht im Haus des Frührentnerpaars Hazel (Chantal Le Moign) und Robin (Ingo Ospelt), sondern in deren Notverschlag ohne Frischwasser und durchgehenden Strom, in den sie sich gerade noch retten konnten. Ihr früherer Lebensinhalt, der Atomreaktor, ist geborsten. Mit sattsam bekannten Konsequenzen. Zeit, sich bezüglich einer allfälligen Mitverantwortung während des Baus und des Betriebes als WissenschaftlerInnen zu stellen, haben sie keine. Eben weil Rose, ein Gespenst aus früher Vorzeit, auf der Matte steht und die Konsterniertheit emotional erstmal noch viel tiefer geht. Konversation mit leicht verklemmt-stockender Themensuche nach irgend etwas Unverfänglichem eröffnet den Reigen, der sich mit jeder weiteren Wendung, dem späteren Eintreffen Robins und der nahezu ultimativen Bitte zu Teilhabe, weswegen Rose überhaupt die weite Reise zurück unternommen hatte. «Die Kinder» ist ein dialogischer Eiertanz darum, das Gegenüber nicht künstlich zu brüskieren, keine alten Wunden aufzureissen oder gleichsam im Gegenteil ein jovial-lockeres vom Tisch wischen von realen Bedrohungen, die mit Lächerlichkeit überzogen eine nur scheinbare Souveränität beweisen soll. Dabei sind alle drei alles andere als das. Der Stücktitel ist ebenso mehrdeutig und vielschichtig wie die Themen und Gesprächskonstellationen, die in kurzweiligen zwei Stunden entstehen und verhandelt zu werden scheinen. Jede der drei Personen dient direkt als Identifikationsfigur und gibt exakt darin ein denkbar schlechtes Beispiel dafür ab. HeldInnen im Sinne einer durchgehend positiven Lesbarkeit geben sie alle nicht ab. «Die Kinder» behandelt die Verweigerung in mannigfaltiger Weise: Klare Kante zeigen, Verantwortung übernehmen, Schlussstriche ziehen und Neuanfänge wagen, Fünfe gerade stehen lassen. Und dies in einer äusserlich existenzbedrohlichen Notsituation, die per se bereits aller Gewissheit den Boden unter den Füssen weggezogen hat. Insofern ein Überlebenskampf aus drei verschiedenen Perspektiven, mit drei verschieden verorteten blinden Flecken und dreimal mehr oder weniger geschickt verborgen zu halten versuchten Grundabsichten. Die Situation ist nun mal die Situation. Daraus gibt es kein Entrinnen, da können sich die SchauspielerInnen noch so in sämtliche möglichen Richtungen verbiegen – und das sind bei diesem Schauspieltrio eine Menge. Nur aus ihrer Haut können die Figuren nicht. Geheimnisse, von denen nie alle drei wissen, wer von ihnen drei sie überhaupt kennt, geraten an den Rand ihrer Enthüllung. Freiwillig oder zufällig. Als grosser Hemmschuh im Raum steht die allseitige Bemühung, vernunftbegabt, sogenannt erwachsen, also besonnen, grosszügig und weitsichtig ein möglichst gutes Bild von sich selbst abzugeben. Und dabei jegliche Blösse, selbst wenn diese bereits offensichtlich breitbeinig mitten im Raum steht, auf die bestmöglich denkbare Weise so zu umschiffen, dass ihre Anwesenheit ignorierfähig bleibt. Roses Gretchenfrage sitzt. Aber auch ohne diese eine zusätzliche Dringlichkeit, die Zeit eilt, dreht sich die Dialogspirale immer tiefer in die Sinnfrage hinein und droht sich derweil in Petitessen zu verkeilen. Dabei wird viel gelacht. Soll ja jedeR eine Gattung machen…

 

«Die Kinder», bis 12.2., Theater Winkelwiese, Zürich.

 

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