- Kultur
Bekenntnisse
Elizabeth Archiniega Haag inszeniert die Erzählungen in «Biografia de Mujer» (spanisch mit dt. Übertiteln) formal bewusst unspektakulär und bewirkt damit eine unmittelbar intime Stimmung, wie wenn jede Frauenfigur allen einzeln im Publikum direkt ins Gewissen reden könnte. So werden aus literarischen Vorlagen regelrecht physische Verkörperungen von Personen und Schicksalen mit hoher Authentizität. Die inhaltliche Dringlichkeit wächst von Erzählung zu Erzählung und befeuert so die eigene emotionale Teilhabe. Obschon keine der Geschichten von einer sogenannt baren Unbeschwertheit oder Freudigkeit erzählt, erwächst aus jedem weiteren beherzt vorgetragenem Zeugnis sofort ein Mut. Der Abend stärkt sowohl den Solidargedanken als auch die Empathie und durch das öffentliche (Mit-)Teilen entsteht im vollen Kellergewölbe eine positive Aufgekratztheit, allfälligen Wiederholungen nach Möglichkeit entgegenzuwirken, einer schleichenden Ignoranz entgegenzutreten und Schicksale fortan nicht mehr als vermeintliche Privatsache anzuerkennen. Gerade in der Auswahl von teils zuerst befremdlich wirkenden Figuren und Schicksalen aus diversen Welten und Zeiten der hispanischen Kultur verschärft sich der Blick auf den Gemeinsinn zusehends. Der Abend verwandelt sich von einem Schauspiel in eine Reihe von Zeugenaussagen einer gelebten Realität. Die Wirkung ist eine kolossal aufrichtige, die einem Publikum sowohl ans Herz geht, als sie den Intellekt anregt, insbesondere den Kampfgeist darin. Nochmals verstärkt dieser Eindruck durch die Diversität der Zusammensetzung des Ensembles in Herkunft, Alter, Klasse und letztlich sogar Geschlecht. Fast so, als stünde meine Mutter, meine Schwester (…) auf der Bühne und spräche Tachles mit mir. Weder weinerlich noch überfordernd, sondern stolz, ernsthaft, aufklärend und eindringlich. Es wird überaus deutlich gemacht, wie und dass mich jede der Geschichten also jede der Personen direkt etwas angehen. Eine ungemein treffliche Übersetzung für die Forderungen am internationalen Weltfrauentag.
«Biografia de Mujer», 8.3., Theater Stok, Zürich.