Urs Habegger: «Surprise hat mir so viel gegeben, Freude, Unabhängigkeit – und schliesslich bin ich auch dank Suprise zum Schreiben gekommen.» (Bild: Tim Haag)

«Begegnungen sind das Salz des Lebens»

Nach einer missglückten Augenoperation entschied sich Urs Habegger gegen eine IV-Rente und für die Unabhängigkeit. Jetzt ist er seit nunmehr 16 Jahren Surprise-Verkäufer und hat ein Buch über seine Erlebnisse und Erfahrungen in der Rapperswiler Bahnhofsunterführung geschrieben. Im Gespräch mit Tim Haag erzählt er von Fügungen, Bindungen, Abschied und der Freude am Schreiben.

In Ihrem Buch haben Sie ein Kapitel den «häufig gestellten Fragen» inklusive Ihrer scherzhaft-schlagfertigen Standardantworten gewidmet – zum Beispiel, ob es nicht kalt sei in der Unterführung, oder warum Sie sich keinen «richtigen Beruf» suchen. Welche Frage hat Ihnen noch nie jemand gestellt?

Urs Habegger: Warum die Blätter an den Bäumen grün sind. Und wieso sie dann rot-braun werden und herunterfallen. 

Ansonsten scheint es, wenn man einen Blick in Ihr Buch wirft, für die Passant:innen in der Rapperswiler Unterführung aber keine Tabuthemen zu geben.

Viele Leute sind froh, wenn sie jemanden zum Reden haben. So bin ich an manchen Tagen nonstop im Gespräch. Ich bin Therapeut, Infoschalter, Gepäckaufbewahrung, Aufheiterer, Motivator, Ratgeber, Zuhörer, Gesprächspartner…

Alles, was halt so zum Stellenbeschrieb eines Surprise-Verkäufers gehört.

Ja, für mich gehört das dazu. 

Sie haben schon über 100 000 Magazine verkauft. Was macht eine:n gute:n Surprise-Verkäufer:in aus?

Konzentration, Wachsamkeit, Körperhaltung. Wie stehe ich da, wie gebe ich mich zu den Menschen. Präsenz ist enorm wichtig.

Bei einem langen Tag in der unwirtlichen Unterführung tönt das anstrengend.

Ist es auch. Aber daran stirbt man ja nicht. Zumindest solange die Kleidung stimmt. 

Im Zug nach Rapperswil habe ich zufällig eine alte Bekannte von Ihnen kennengelernt, die mir erzählt hat, dass sie damals mit ihren Kindern – die mittlerweile über 50 sind – Ihre Alleinunterhaltungsprogramme besucht habe. Sind Sie auch in der Rapperswiler Unterführung eine Rampensau?

Im Gegenteil. Wer mich auf der Bühne sehen will, kann das bei meiner letzten Lesung vor den Sommerferien des Buchs am Montag (Anm. d. Red.: 1.7.24, 19:30 im Pfauen Rapperswil) machen. Aber beim Surprise-Verkaufen bin ich dezent, unaufdringlich, und ich spreche nie von mir aus die Menschen an – es stört mich ja selbst auch, von Menschen, die mir etwas andrehen wollen, angequatscht zu werden. Gleichzeitig ist es in meinem Naturell, auf der Strasse zu stehen, mit Menschen in Kontakt zu sein, exponiert zu sein.

In Ihrem Buch schreiben Sie «Begegnungen sind das Salz des Lebens».

Genau. Es ist doch wahnsinnig interessant, Menschen zu begegnen – Menschen sind so vielfältig, es gibt Milliarden von uns, und jeden erkennt man an seiner Art. Ich geniesse es, in meinem Beruf so viele Begegnungen zu haben. 

Sie haben viele Begegnungen – aber in meiner Vorstellung sind viele davon am Ende nur flüchtig, oberflächlich. Fühlen Sie sich manchmal einsam unter Leuten?

Nein. Vielleicht fangen die Begegnungen flüchtig an, aber sie bleiben es nicht. Wenn man sich über 16 Jahre verteilt 500 Mal begegnet, wenn auch nur für ein paar Sekunden, dann baut man trotzdem eine Bindung auf. Und die Rush Hour hält ja nicht den ganzen Tag an. Viele Leute kommen beim Spazieren und Flanieren bei der Unterführung vorbei, und dann bietet sich die Möglichkeit für längere, tiefere Gespräche. 

Und gleichzeitig passiert es auch, dass sich diese entstandenen Bindungen wieder verflüchtigen, zum Beispiel, wenn ein:e Stammkund:in wegzieht… Wie gehen Sie damit um?

Verflüchtigt finde ich das falsche Wort. Es gibt Leute, die mir seit 16 Jahren meine Hefte abkaufen – aber es stimmt, dass der Weg vieler alter Bekanntschaften mittlerweile nicht mehr durch diese Unterführung geht. Sei es, weil sie weggezogen sind, oder krank, oder bettlägerig, oder nicht mehr unter uns. Manchmal frage ich mich dann schon, wie viel Abschied ein Mensch erträgt.

Ein wiederkehrendes Element in Ihrem Buch sind kurze Geschichten, Gedankenspiele etc. à la «Mein Name sei Gantenbein» von Max Frisch, die jeweils mit «Ich stelle mir vor:» beginnen. Zum Beispiel die Geschichte einer Stammkundin, die Ihnen im Vorbeigehen sagt, sie nehme Sie in Gedanken auf die Langlaufloipe mit – und Sie stellen sich vor, wie es wäre, quasi huckepack in Ihrem Kopf mitzukommen, wie Sie ihre Anstrengung spüren, sich gemeinsam in der Sonne räkeln. Die Szene wirkt intim –  Sind aus den Begegnungen in der Unterführung auch schon Freundschaften oder vielleicht noch mehr entstanden?

Ich habe mich in Bezug auf den Schreibstil ­tatsächlich von Max Frisch inspirieren lassen. Zu den Freundschaften: Ich wohne in Affoltern am Albis, und diese Freundschaften sind hier, und das ist gut so.

Sind Sie verheiratet?

Nein – ich war immer ledig, und zwar aus demselben Grund, wieso ich keine IV-Rente beziehen wollte: Freiheit, Unabhängigkeit, niemandem Rechenschaft schuldig sein. Ich hätte gerne eine Familie gegründet – aber es hätte vermutlich alle Beteiligten geplagt. 

Zum Verkäufer-Beruf haben Sie gefunden, weil Sie nach einem medizinischen Fehler Ihren ursprünglichen Beruf nicht mehr ausüben konnten. 

Genau. Ich habe die Lehre als Schriftsetzer gemacht. Damals gab es noch keine Schnupperlehren oder Praktika. Ich habe einfach aus dem Bauch heraus entschieden, ohne gross Ahnung vom Beruf zu haben. Meine Mutter hat dann den Lehrer gefragt, ob der Urs das könne, der Lehrer hat gesagt: «Der Urs kann das.» Ein Telefon und ein Gespräch in der Buchdruckerei in der Nachbarstadt später war der Lehrvertrag unterschrieben. Für mich war die Berufswahl aber ein Glücksgriff: Die Arbeit hat mir einfach saumässig gut gefallen.

Und dann, nach einer missglückten Augenoperation mussten Sie Ihren Traumberuf im Jahre 2005 aufgeben. Wie haben Sie sich damals gefühlt?

Traurig. Vielleicht auch wütend auf das Unispital. In der Branche muss man halt einfach ein gutes Auge haben, und das hatte ich nicht mehr.

Seither hätten Sie Anrecht auf eine IV-Rente, die Sie aber nie bezogen haben. Warum?

Das kam für mich nie infrage. Ich bin ja eigentlich gesund und fit, und blind bin ich auch nicht. 

Viele Menschen, die Anrecht auf Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen  hätten, beantragen diese aus Scham nicht, oder aus Angst, einen Stempel aufgedrückt zu bekommen.

Es ging mir darum, niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Freiheit und Unabhängigkeit, das ist für mich das Wichtigste. Aus diesem Grund habe ich mich in den ersten zwei Jahren nach der Operation auch als Strassenmusiker versucht. Aber Strassenmusiker sein, das ist ein hartes Pflaster. Die Spesen sind hoch, die wetterbedingten Ausfälle sind häufig. Zu dieser Zeit sind mir immer wieder die Surprise-Verkäufer:innen aufgefallen – also habe ich zuhause gegoogelt, gesehen, dass das Surprise-Magazin damals eine Auflage von rund 20 000 hatte und ich habe mir gedacht: Irgendjemand muss diese 20 000 Hefte ja an den Mann und die Frau bringen, warum soll nicht ich ein paar davon verkaufen können?

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie mitunter von Stammkund:innen hören, es sei Ihre Berufung der Surpriseverkäufer von Rapperswil zu sein. Glauben Sie an das Schicksal?

Ich spreche nie von Schicksal. Das hat mir einen zu negativen Unterton. «Fügung» gefällt mir besser. Manch ein Leben wäre anders gelaufen, wenn dieses und jenes nicht passiert wäre, und so auch meines. Ich persönlich stelle mir die Frage: Dieses andere Leben, das ich nicht weiter leben konnte, wäre das partout besser gewesen, als das, das ich jetzt habe?

Und?

Nein. Surprise hat mir so viel gegeben, Freude, Unabhängigkeit – und schliesslich bin ich auch dank Surprise zum Schreiben gekommen. Das war im Herbst 2019, als die Surprise-Redaktion uns Verkäufer:innen angefragt hat, wer von uns an einer Verkäufer:innen-Kolumne mitschreiben möchte. Ich habe mich gemeldet. So hat das bei mir mit dem Schreiben begonnen…. mit 64 Jahren.

So richtig reich wird man mit dem Verkaufen von Surprise-Heften nicht. Geht es Ihnen beim Verkauf der Bücher auch um das Finanzielle?

Ich bin nicht der richtige Mensch, um über Armut zu sprechen. Ich habe stets bescheiden gelebt, aber ich habe mich nie arm gefühlt. Ich habe alles, was ein Mensch zum Leben braucht. 

Gibt es vom Spätzünder-Jungautor Habegger bald noch mehr zu lesen?

Ich werde sicher versuchen, ein zweites Buch zu schreiben. Und wenn es passiert, dann passiert es – und wenn nicht, dann nicht. Da lasse ich mich nicht stressen. Viel wichtiger ist mir, dass jede meiner Geschichten ein Unikat ist, dass ich niemanden imitiere, und dass die Thematik noch nicht behandelt wurde – so wie die Erlebnisse des Surprise-Verkäufers von Rapperswil.

25 Jahre sind nicht genug …

P.S. feiert eigentlich seinen 25. Geburtstag. Aber es könnte der letzte sein. Wir brauchen Ihre Hilfe.