Baustart für Riesenrechen an der Sihl

Die Sihl und ihre Uferpartie oberhalb von Langnau werden über ein Jahr lang zur Grossbaustelle. Der Kanton hat diese Woche mit dem Bau des Schwemmholzrechens für 26 Millionen Franken begonnen.

 

Arthur Schäppi

 

Im Rütiboden auf halber Strecke zwischen Langnau und der Station Sihlwald steht ein Raupenbagger mitten in der Sihl. Unermüdlich taucht die mächtige Schaufel mit den Stahlzähnen in die Fluten und schürft Geröll und anderes Geschiebe von der Flusssole an die Oberfläche. Nun  schwenkt der Maschinist den Baggerarm und kippt das Gesteinsmaterial auf einen Haufen. An den Böschungen beidseits des Wasserlaufs, der hier die Ortsgrenze zwischen Langnau und Thalwil bildet, ziehen sich erdbraune Narbenbänder durch die frühlingshaft grüne Flusslandschaft. Auch dort sind die Bauleute seit letztem Montag nun mit schwerem Gerät am Werk. Sie haben bereits grossflächig Humus abgetragen, Wurzelstöcke geschreddert und von der Sihltalstrasse her eine Zufahrtspiste hinab ans Flussbett erstellt.

 

Bauarbeiten bis Mai 2017

Kein Zweifel: In und an der Sihl ob Langnau sind die Arbeiten für ein ungewöhnliches Hochwasserschutzprojekt des Kantons angelaufen: für den Bau des geplanten Schwemmholzrechens im Rütiboden. Er soll dereinst bis zu 12 000 Kubikmeter Holz fassen. Soviel wie rund 1200 Lastwagenladungen also. Angekündigt hatte sich der bauliche Eingriff in und am Gewässer schon im Januar am Langnauer Ufer. Dort wurden damals zwischen Sihltalstrasse und Flusslauf Bäume und Sträucher gerodet, um Platz für die Zufahrtsrampe zu schaffen. 26 Millionen Franken hatte der Kantonsrat im Juni 2015 für das Gesamtprojekt bewilligt. Bis im Mai nächsten Jahres soll der Rechen fertig werden. So verkünden es nun Informationstafeln der Zürcher Baudirektion an der nahen Sihltalstrasse.

 

Fanghand mit 67 Fingern

Der 230 auf 30 Meter grosse Riesenrechen soll zusammen mit weiteren Schutzmassnahmen des Kantons ein Schreckensszenario verhindern: nämlich, dass bei extremem Hochwasser Treibholz der hochgehenden Sihl die Durchlässe unter den Brücken im Sihltal sowie unter der Sihlhochstrasse und dem Hauptbahnhof in Zürich verstopft. Mit der höchst unliebsamen Folge, dass der Fluss dann über die Ufer treten und vorab in der Zürcher City sowie im Sihltal Schäden in Milliardenhöhe anrichten könnte.

Gebaut werden soll nun ob Langnau ein 400 Meter langer Damm, in dem 67 Stahlpfähle von dreieinhalb bis viereinhalb Meter Höhe stecken werden. Bei Normalwasser wird dieser Damm künftig das linke künstliche Ufer der Sihl bilden – und zwar in einer ausgeprägten Flussbiegung. Bei Hochwasser, wie es etwa alle 10 Jahre vorkommt,  wird der Damm zwangsläufig überflutet. Die Strömung drückt das Schwemmholz dann in der scharfen Rechtskurve an den linken Flussrand, wo es von den 67 Pfosten, wie von den Fingern einer riesigen Fanghand,  zurückgehalten wird. Später kann das angespülte Holz herausgefischt und auf einem nahen Unterhaltsplatz gehäckselt werden. Dass die Anlage an der vorgesehenen Stelle auch wirklich funktioniert, wurde mit Modellversuchen an der ETH ausgetestet. Um die Krümmung der Flusskurve und deren Wirkung  zu verstärken, wird die Sihl im Rütiboden auf einer Länge von 400 Metern etwas gegen die Thalwiler Seite verlegt und im Rechenbereich auf rund 90 Meter Breite ausgeweitet. Das macht auf Thalwiler Terrain die Abtragung der Uferpartie um rund eine Hektare Boden, der bislang landwirtschaftlich genutzt wurde, erforderlich. Weil sich dort früher eine Bauschuttdeponie befand, ist auch eine kostspielige Altlastensanierung erforderlich. Neu soll im Rütiboden auf bisherigem Agrarland eine feuchte Magerwiese mit einem Amphibiengewässer entstehen. Gegen den Schwemmholzrechen war im Auflageverfahren nur gerade eine einzige Einsprache eingegangen. Sie wurde später wieder zurückgezogen.

 

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