Bärenkacke

 

Und so stellt sich G. (5) seinen ersten Theaterbesuch vor: «Wärdet det dänn Kassette gschpillt?» Nein, sagt Papi (30), da hat es eine Bühne und eine Frau drauf, die spielt Theater, und mehr weiss ich auch nicht, ich hab’s ja auch noch nicht gesehen. «Wooo?», fragt L. (3), und Papi sagt, wart’s ab und schtürm nicht, du wirst schon sehen.

 

Wir stehen an. Dann bezahlen wir vier Schtutz pro Kind und für Papi die Hälfte mehr, und dann trägt Papi L. im Wägeli in den Theatersaal im zweiten Stock. Oben ein Riesengedränge. Ein paar Buben balgen sich herum und knallen sich gegenseitig auf die Bretter. Auch eine Sirupbar ist da. Und lauter Mütter, denkt Papi grad – aber da kommt auch schon Hausmann B und grinst in die Runde. Sein Sohn lutscht am Finger und staunt. G. staunt auch und L. auch. So viele Kinder! So ein Krach! Und da: Noch ein Mann! Alle staunen.

 

Dann mosten wir uns in den Saal. Der ist rammelvoll, aber wir erkämpfen uns einen guten Platz. L. will ins Theater und Papi sagt, wir sind doch schon da, wart jetzt noch ein bitzeli, es geht gleich los. Das Kind vor uns tobt. Papi ist furchtbar stolz auf seine Kinder, denn die toben nicht, und dann fängt es endlich an.

 

Das Stück ist nicht gerade umwerfend, aber den Kindern ist das egal. Es geht so: Eine Frau will ins Bett gehen und erlebt mit ihrem Freund, dem Teddybären, manch lustiges Abenteuer. Dazwischen einige Liedlein und etwas Akrobatik. Nicht übel. Und die Gofen grölen konsequent das Gegenteil von dem, was von ihnen erwartet wird. Dann macht der Bär einen Haufen und stinkt enorm. Der Saal tobt. Endlich ein Thema, das alle fasziniert! Der Nachmittag ist gerettet.

 

G. arbeitet sich zwischen Langeweile und Faszination durch das Stück, so scheint es. Erst spät taut er auf und grölt mit. L. kapiert alle Pointen mit fünf Minuten Verspätung und hat viel zu lachen. Manchmal ist sie im falschen Stück, aber das stört nicht. Wo die Kacke dampft, sind alle zufrieden. Und was macht Papi? Er sitzt da, stopft L. alle drei Minuten einen Chätschgi ins Maul und zählt die Männer im Saal. Hausmann B’s Sohn sitzt immer noch mit dem Finger im Mund da und staunt. Er ist erst 19 Monate alt, scheint aber der ideale Zuschauer zu sein.

 

Jetzt sind die Frau und der Bär auf den Mond geflogen. Aber dann stürzen sie ab und der Bär bricht sich einen Arm. Ein Kind aus dem Publikum spielt den Doktor und verbindet ihn. «Meint ihr, das wird wieder heil?», fragt die Frau. Die Meinung ist einhellig. 100 zarte Kinderkehlen johlen ein klares «Näi»! Wieso soll’s dem Bären besser gehen? G. hat Hunger. Papi vertröstet auf später. L. isst Chätschgi wie andere Leute Spinat.

 

Dann ist das Stück fertig, alle ausser L. und G. klatschen, und dann dürfen alle Kinder nachsehen gehen, ob vielleicht doch einige Löwen unter dem Bett seien. Wir verziehen uns ins Foyer und saufen die Sirupbar leer. Hausmann B hat nasse Hosen dort, wo sein Sohn gesessen hat. Papi hat warm und fragt G. und L., ob’s gefallen hat. Es hat, und Papi trägt Wägeli samt L. wieder ins Parterre. Es regnet, und die Sonne scheint zugleich. Hausmann B flucht, weil er mit dem Velo da ist. Papi war clever und hat die Regenjacken eingepackt. Dann gehen wir zum Bus. L. schläft ein und G. hat seine philosophischen Minuten: «Papi, du wirst immer kleiner.» Logisch, er wird ja immer grösser. Alles ist relativ.

 

P.S. Diesen braven Aufsatz schrieb ich ungefähr 1990, nach dem Besuch eines Theaternachmittags in der Roten Fabrik mit meinen beiden Kindern – für beide der erste Theaterbesuch ihres Lebens. Ich widme den Text meinem Sohn Gion zum 30. Geburtstag. Er ist jetzt zwei Meter gross. Ach ja: Und Hausmänner waren 1990 imfall noch ziemlich Mangelware. Sind sie allerdings auch heute noch. Nicht alles ist relativ.

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