Aussen rot, innen scharf

Elsbeth und Jürg Keller teilen sich ein besonderes Engagement – die beiden pensionierten LehrerInnen hegen und pflegen mit grosser Freude die SP-Parteizeitung ‹radiisli› im Zürcher Weinland. 

 

Julian Büchler

 

Ganze 130 Ausgaben gebe es bereits von der Zeitung, die jeweils viermal pro Jahr erscheint, berichten mir die beiden ehemaligen StadtzürcherInnen aus Oerlingen stolz. Begonnen wurde vor weit mehr als 30 Jahren. «Damals sind wir mit etwa 100 Exemplaren für unsere Mitglieder gestartet», erinnern sich Elsbeth und Jürg Keller. «Heute sind es fast 470, aber das sind nicht alles Mitglieder, wir wollen ja nicht bluffen (lachen beide).» Zur Gründung kam es, als in den 1980er-Jahren die ‹Jüngeren› der damaligen SP im Weinland etwas mehr Leben in die Partei bringen wollten. Käthi Furrer und Fabi Boeniger produzierten das ‹radiisli› bis zur 56. Ausgabe im Frühling 1999. Seitdem führen Elsbeth und Jürg Keller die Zeitung gemeinsam fort. «Für uns war das ein ideales Engagement im Hintergrund, das uns grosse Freude bereitet», kommentiert Jürg Keller seinen Entscheid. Seine Frau Elsbeth ist nebenbei gerne auch öffentlich aktiv. Neben zahlreichen Ämtern, unter anderem in der Bildungskommission, engagiert sie sich in der ‹Widerstandsgruppe Kernfrauen› gegen das geplante Atomendlager Zürich Nord-Ost. Eine regelmässige Mahnwache am geplanten Standort soll den Widerstand dagegen lebendig erhalten.

 

Zusammenhalt stärken

 

Das ‹radiisli› ist für die AnhängerInnen der SP Weinland mehr als nur eine Parteizeitung. In einer Region, wo die SVP als stärkste Kraft dominiert, ist Zusammenhalt besonders wichtig. Die Zeitung schafft es, ein Zusammengehörigkeitsgefühl aufzubauen und bietet grosses Vernetzungspotenzial – Veranstaltungen, die im ‹radiisli› angekündigt werden, erreichen ein grösseres Publikum. Bis vor zwei Jahren gab es in der Region ein «publizistisches Wunder», wie es Jürg Keller beschreibt. Eine links-grüne Gratiszeitung namens «die andere Seite des Bezirks Andelfingen», die ebenfalls viermal jährlich erschien und in sämtliche Haushalte im Bezirk, was notabene rund 11 000 Haushalte sind, verteilt wurde. Die Notwendigkeit einer linksorientierten Zeitung sei lange Zeit auch gegeben gewesen, da das Regionalblatt, die ‹Andelfinger-Zeitung›, unter dem vergangenen Chefredaktor keine linksgefärbten Artikel und Leserbriefe duldete. «Böse Zungen behaupten, dieser hätte einen Herzinfarkt erlitten, hätte die SVP reklamiert», witzelt Elsbeth Keller.

 

Die erste Ausgabe des ‹radiisli› vom September 1983 wurde sowohl mit der Schreibmaschine als auch von Hand geschrieben und mit dem ‹Schnapsdrucker› produziert. ‹radiisli – aussen rot, innen scharf› heisst die Zeitung seit Anbeginn. Dies passe perfekt, wie die beiden finden. Neben der Redaktion schreiben sie auch gerne selber für die Zeitung. «Mit dem Computereinsatz konnten wir zudem layoutmässig viel herausholen», so Jürg Keller, der sich selber als Computer-Fritz bezeichnet. Das ‹radiisli› als Markenzeichen der Zeitung strahlt seit einiger Zeit knallrot von der Titelseite. Auch die eingestreuten Karikaturen lockern den politischen Inhalt auf und werden von der Leserschaft geschätzt.

 

Gedanken Luft machen

 

Der Hauptteil der Artikel wird von lokalen AutorInnen geschrieben. Im politischen Teil finden sich oftmals auch Artikel von kantonalen bis nationalen VertreterInnen der SP. Auch die Abstimmungen prägen die Zeitung stark. Leider habe es dieses Mal nicht viel gebracht, fast alle Resultate seien gegen ihre Abstimmungsparolen ausgefallen. «Ich habe selber in der letzten Ausgabe gegen die Anti-Stau-Initiative geschrieben», so Jürg Keller. Dass sich nicht einmal die linke Stadt Zürich klar dagegen aussprach, trifft ihn sehr. Neben den Abstimmungen ist es den beiden wichtig, mit ihrer Zeitung eine Plattform für Schreibende zu sein, die sich für ein bestimmtes Anliegen engagieren wollen. Einer, der dies regelmässig tut, ist Alfred Vogel, der stets scharfe und kritische Kommentare und Glossen schreibt. «Unsere Zeitung ist die richtige Adresse nicht nur für Informationen, sondern auch für kritische Stimmen», sagt Jürg Keller.

 

Ausgabe zum Thema Asyl

 

Das kommende ‹radiisli‹ werde «e spezielli Nummere». Alle Beiträge drehen sich um das Thema Asyl. «Wir haben das Gefühl, dass auch in unseren Kreisen sehr viel unklar ist. Viele wissen nicht oder nur vage, wie diese Menschen betreut werden, wie sie wohnen, welchen Status beziehungsweise welche Rechte sie haben und welche eben nicht. All diese Informationen sollten bekannter werden». Martin Farner, Kantonsrat der FDP, wird das Bezirksmodell des Asylwesens des Weinlands beschreiben und mit SP-Regierungsrat Mario Fehr wird es ein Interview zur Umsetzung des neuen Asylrechtes geben, die sehr umstritten ist. Aber da müsse sie noch einiges vorantreiben, dass bis Redaktionsschluss alles beisammen ist, lacht Elsbeth Keller.

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