Zehra Khan: «Wir müssen diesen Firmen Ausbeutung nicht erlauben – ob in Bezug auf Länder oder Individuen.» (Bild: Sergio Scagliola)

Ausbeutung zuhause – Arbeitskämpfe in Pakistan

Zehra Khan ist pakistanische Aktivistin, Gewerkschafterin und General­sekretärin der Home Based Women Workers Federation. Sie ist eine zentrale Figur im Arbeitskampf gegen Ausbeutung in der Textilindustrie in Südasien. Ende Oktober war sie auf Einladung des Solifonds in Zürich und am Unia-Kongress in Brig. Sergio Scagliola hat sie zum Gespräch getroffen.

Wie sieht Ihre politische Arbeit als Gewerkschafterin in Pakistan aus?

Zehra Khan: Als Generalsekretärin der Home Based Women Workers Federation kämpfen für die Rechte der Heimarbeiter:innen. Diese waren bislang gar nicht als Angestellte anerkannt, weil ihre Arbeit nicht als solche anerkannt wurde. Unser Arbeitskampf hat 2004/2005 begonnen. Seither setzen wir uns dafür ein, dass diese Arbeiter:innen anerkannt werden. Dieses Anliegen ist zu einer Bewegung geworden – in ganz Südasien, aber auch in anderen Ländern auf der Welt. Denn es betrifft alle Heimarbeiter:innen, die Teil der Produktionskette internationaler Unternehmen sind, die im globalen Süden produzieren. In Pakistan umfasst das 12 Millionen Arbeiter:innen – 70 bis 80 Prozent davon sind Frauen. Weil dieser Kampf verschiedene Aspekte umfasst, bin ich Teil verschiedener Kommissionen, die sich für Regulation bezüglich Mindestlohn, Sozialverischerung, Sozialleistungen und medizinischer Versorgung einsetzen.

Wie wurden Sie Gewerkschafterin?

Im Rahmen meines Studiums in Gender Studies habe ich den Heimarbeits-Sektor untersucht. Die Idee, diese Arbeiter:innen gewerkschaftlich zu organisieren entstand, nachdem wir diese Produktionsstätten besucht hatten, um uns die Bedingungen anzusehen, in denen gearbeitet wurde. Was ich nicht erwartet habe ist, dass diese Untersuchung das Potenzial hatte, eine Bewegung auszulösen. Als ich mein Studium abgeschlossen hatte, wusste ich: Ich muss etwas für die Heimarbeiter:innen tun. 

Ich glaube, in der Schweiz ist das Konzept der Heimarbeiter:innen schwer greifbar. Unter welchen Bedingungen arbeiten sie?

Die Heimarbeiter:innen sind jene Arbeiter:innen, die von zuhause arbeiten. Ein grosser Teil dieser Arbeit im Textilsektor umfasst die Produktveredelung: Fäden abschneiden, Knöpfe anbringen und Ähnliches. Diese Arbeit wird zuhause, grösstenteils von Frauen verrichtet. Die Struktur funktioniert folgendermassen: Die Fabriken verarbeiten die Rohmaterialien in einem ersten Schritt. Dann beauftragen sie Mittelsmänner mit der Belieferung von Rohlingen in die Kommunen bzw. Dörfer in der Nähe. Hier werden die Rohlinge auf die verschiedenen Häuser verteilt, in denen die Heimarbeiter:innen wohnen und die Produkte weiterverarbeiten. Danach werden sie wieder eingesammelt und werden wieder in die Lieferkette zurückgeführt. Weil Heimarbeiter:innen nicht als Angestellte anerkannt werden, sind sie auch nicht im Sozialversicherungssystem. Wenn sie krank werden aufgrund der Arbeit – sie sind oft gesundheitlichen Risiken und schädlichen Substanzen ausgesetzt – müssen sie für die Behandlung selber zahlen. Gleichzeitig bekommen sie weniger als den Mindestlohn. Wir sehen auch, dass dieser informelle Sektor aufgrund des Vertragssystems mit Dritten Tag für Tag grösser wird. Das resultiert darin, dass Fabriken oft nicht einmal wissen, wer die Arbeit für sie verrichtet. 

Wieso die Mittelsmänner?

Weil es für die Fabrik einen direkten Anstieg bezüglich Profit bedeutet. Und die Fabrik ist nicht haftbar für Verstösse gegen Gesetze. Weil: Wenn man nicht angestellt oder vertraglich beauftragt ist, ist man kein:e Arbeitnehmer:in. Man kann sich nicht gewerkschaftlich organisieren und den Arbeitgeber rechtlich nicht belangen.

Sie versuchen, dieses Problem über die Gesetzgebung anzugehen. Sind Sie erfolgreich darin?

Einerseits hat die Mindestlohnkommmission 2019 einzelne Heimarbeiter:innen anerkannt – jene, die Armreife aus Glas produzieren. Das hatte positive Folgen: Jedes Jahr, wenn die Löhne neu ausgehandelt werden, wird auch der Lohn dieser Heimarbeiter:innen überprüft. Aber in der Realität sind es nur die anerkannten Heimarbeiter:innen, die jene Lohnerhöhungen bekommen, die ihnen zustehen. Für die informellen Heimarbeiter:innen geschieht das nicht – sie wissen gar nicht, dass ihre Löhne auch steigen müssten.

Aufgrund von Isolation?

Ja. Diese Heimarbeiter:innen sind räumlich verstreute Frauen und Männer, die von ihrem Zuhause aus arbeiten – was für uns als Gewerkschafter:innen heisst, dass wir diese Gemeinschaften besuchen müssen und die gewerkschaftliche Organisation koordinieren müssen. Anders können keine wir Einheit und Solidarität zwischen diesen Arbeiter:innen schaffen – was heisst, dass wir keinen Druck machen können. 

Das heisst: Die Struktur der Lieferkette ist ein Produkt der Auslagerung – und deren Resultat ist Isolation?

Genau. Der Arbeitsplatz ist das räumlich isolierte Zuhause. Das ist die Realität. Zudem hat das nicht nur einen Einfluss auf den Arbeitskampf, sondern auch auf die Gesundheit. Risiken in der Fabrik sind problematisch – aber immerhin lässt man diese zurück, wenn man die Fabrik verlässt und heimgeht. Wenn die Schadstoffe aber zuhause sind, wird das Zuhause eine Stätte der Krankheit. Deshalb fordern wir neben der Anerkennung der Heimarbeiter:innen auch, dass sie gesundheitlich versichert sind.

Wenn der Produktionsprozess nicht an einem Ort zentralisiert wird, ist gewerkschaftliche Organisation am Arbeitsplatz schwierig zu bewerkstelligen. In Ihrem Beispiel überschreitet die Zerstreuung und Isolation das Fabrikareal. Wie kann man unter diesen Bedingungen Arbeiter:innen zusammenbringen?

Es muss basisgewerkschaftlich, von unten, geschehen. Das grosse Problem bei Forderungen nach besserer Gesetzgebung ist, dass die Arbeiter:innen verstreut sind. In einer Fabrik kann man sich relativ einfach vernetzen, über die eigene Situation am Arbeitsplatz sprechen  und wie man Verbesserungen erreichen kann. Unter den Bedingungen, in denen die Heimarbeiter:innen arbeiten, ist das nicht möglich. Unser Ansatz ist deshalb, die Gemeinschaften zu besuchen und von Tür zu Tür zu gehen, um diese Probleme zu besprechen. Das ist nicht zuletzt deshalb schwierig, weil in unserer Gesellschaft patriarchale Systeme dominieren. Frauen arbeiten hinter verschlossenen Türen. Sie zusammenzubringen, war unser primärer Fokus.

…und schaffen Sie das?

Ja und es war ein Wendepunkt in der Bewegung. Unser Fokus lag zunächst auf den Geschlechtern. Obwohl wir beobachten konnten, wie Geschlecht als Kategorie in unserer Gesellschaft eine spaltende Kraft war, wie es Frauen unterdrückte, begegneten uns die Männer immer mit viel Widerstand, auch wenn sie ebenfalls von diesen kapitalistischen Kräften ausgebeutet wurden, die ihre Produktionskette zu diesen Gemeinschaften ausgelagert hatten. Die Männer haben uns beschuldigt, die Frauen zu beeinflussen, sie von ihnen wegzutreiben, sie mit westlichen Werten zu beeinflussen. Vielen Frauen wurde befohlen, nicht mit uns zu sprechen. Aber Unterdrückung führt auch zu Widerstand.

Worin hat der Wendepunkt resultiert?

Wir konnten eine Gewerkschaft gründen, indem wir die Bewegung aufgemacht haben. Wir haben realisiert, wie Kapitalinteressen Ausbeutung förderten, wie die Mittelsmänner Profit auf dem Rücken von Gemeinschaften machten. Es waren auch nicht nur Probleme bei den Arbeitsbedingungen, sondern generelle politische Probleme in der Versorgung, Infrastruktur, etc. Natürlich war Geschlecht eine wichtige analytische Linse, um diese Probleme anzugehen – aber nicht die einzige. Deshalb haben wir uns gewerkschaftlich organisiert. Nur so kann man sich Verhandlungsmacht erkämpfen, ob gegenüber dem Arbeitgeber oder dem Staat. NGOs haben diese Macht nicht. Die Firmen und der Staat mussten beginnen, uns zu respektieren, weil wir Druck aufbauen konnten. Was uns sehr gefreut hat, war zu sehen, wieviel Unterstützung wir dadurch bekommen haben, besonders von Frauen. Wenn wir Kundgebungen oder Proteste organisieren, tauchen viele Frauen auf, obwohl sie unter immensem Druck von ihrer Familie oder Gemeinschaft stehen. 

In einem internationalen Kontext wird Ihre Rolle in diesem Arbeitskampf meist in Bezug auf Konzernverantwortung thematisiert. Wenn Sie sich anschauen, was sich im Westen diesbezüglich tut: Was muss geschehen, dass Konzernverantwortung kein leeres Schlagwort ist?

Ich erwarte sinnvolle, ernsthafte Beteiligung. Wenn man die Arbeiter:innen nicht miteinbezieht, nicht mit ihnen spricht, wird man nicht glaubwürdig sein. Das muss die gesamte Produktionskette beinhalten und nicht nur einige Ebenen. Der zweite wichtige Aspekt ist ein funktionierender Beschwerdemechanismus. In Pakistan haben wir ein sehr schlecht funktionierendes Rechtssystem. Wenn man vors Arbeitsgericht geht, dauert es Jahre, bis sich etwas tut. Ein funktionierender Beschwerdemechanismus gibt den Arbeiter:innen das Vertrauen, überhaupt Beschwerden einzureichen. 

Sehen Sie den Diskurs im Westen als positiv?

Ja, es stimmt mich hoffnungsvoll, weil ich Veränderungen in der Mentalität sehe. Die Menschen in Europa unterstützen Vorstösse, die das Kapital in Bezug auf ihre Handlungen in den Produktionsländern in die Verantwortung nimmt. 2012 gab es einen Brand in der Fabrik eines deutschen Textildiscounters. 260 Leute starben. Das resultierte in einem Skandal, der auch dort diskutiert wurde, wo die Firma ihren Sitz hat. Wir haben ähnliches beobachtet in Bezug auf Umweltschäden von internationalen Konzernen. Aber es bleibt viel zu tun: Noch immer werden Arbeiter:innen, Gemeinschaften und die Umwelt ausgebeutet. Die Konzerne sehen die Leute, die für sie Arbeit verrichten, weiterhin selten als Partner:innen auf Augenhöhe, sondern als Sklav:innen – indem sie sie mit Löhnen bezahlen, die nicht zum Überleben reichen, während der Profit maximiert wird. 

Dieser Kampf ist nicht auf Pakistan begrenzt. Länderspezifische Gesetze in den Produktionsländern werden Konzerne nicht daran hindern, die Produktion zu verlagern, wenn lokale Gesetze zu streng werden. Wie kann man Konzernverantwortung international durchsetzen?

Man muss das Kapital erfassen. Das ist der einzige Weg. Sonst können die Konzerne einfach umziehen. Aber das bedingt internationale Solidarität. Wir müssen diesen Firmen Ausbeutung nicht erlauben – ob in Bezug auf Länder oder Individuen. Solidarität ist das Rezept, um der Isolation entgegenzuwirken, der alle Arbeiter:innen im globalen Süden mit ähnlichen Konditionen ausgesetzt sind. Wenn wir das nicht schaffen, hat das politische Konsequenzen. Wir sehen bereits an vielen Orten, wie rechte Kräfte diese Leute, die Arbeiter:innen abholen – ob in Europa, ob in Indien oder in Afghanistan. Sie polarisieren über Slogans und über Sündenböcke Menschen, die aufgrund von Ausbeutung isoliert wurden – und nicht verstehen, dass es dieselbe Kraft ist, die sie ausbeutet. Als Linke müssen wir diese Probleme angehen. Aber es fehlt uns an Einheit. Wir brauchen globale Solidarität.