#aufschrei

 

Vor ein paar Jahren noch wurde man, wenn man sich als Feministin zu erkennen gab, angeschaut, als habe man so etwas wie eine nässende Hautkrankheit. So etwas unsagbar Peinliches eben, das man doch eigentlich verschweigen sollte. Es war die Zeit, als alle Frauen sagten: Ich bin keine Feministin, aber es braucht schon mehr Kinderbetreuungsangebote. Oder: Ich bin keine Feministin, aber die Ungleichheit bei den Löhnen ist ein Problem. Ein bisschen in der ähnlichen Währung wie: Ich bin kein Rassist, aber… Der Witz bei beiden ist, dass sie in der Regel genau das sind, was sie zu verneinen versuchen. Heute ist das nicht mehr so. Popstars wie Beyoncé Knowles, Schauspielerinnen wie Emma Watson, Wirtschaftsfrauen wie Sheryl Sandberg bekennen sich offen zum Feminismus.

 

Vergangene Woche war ich auf einem Podium im Karl der Grosse, zusammen mit der deutschen Netzaktivistin und Autorin Anne Wizorek und dem Journalisten Christof Moser unter der Moderation von Stella Jegher. Anne Wizorek ist Initiantin der Twitter-Kampagne #aufschrei. Der Auslöser: Die Journalistin Laura Himmelreich beschrieb FDP-Politiker Rainer Brüderle in einem Porträt im ‹Stern› als lüsternen alten Mann, dem ständig ein Herrenwitz auf der Zunge liege. Nachdem eine Twitter-Aktivistin als Kommentar zur Brüderle-Geschichte über eine sexistische Alltagserfahrung berichtete, lancierte Wizorek den Hashtag (Hashtag oder # ist ein Mittel zur Verschlagwortung bei sozialen Medien wie Twitter und Facebook) #aufschrei. Sie rief Frauen auf, unter ebendiesem Hashtag über sexistische Erfahrungen zu berichten. Die Aktion löste eine Welle aus: Über 57’000-Twitternachrichten wurden zum Thema versendet (auch solche, die mit der Autorin nicht einverstanden sind). In Deutschland wurde monatelang über Sexismus debattiert. Die #aufschrei-Aktion wurde mit dem Grimme-Online-Preis ausgezeichnet. Wizorek schrieb nun ein Buch «Warum ein #aufschrei nicht reicht – für einen Feminismus von heute», in dem sie witzig, aber auch konkret definiert, wie sie Feminismus heute sieht und wo die Aufgaben sind. Sie  tourte vergangene Woche durch die Schweiz und las in Basel, Bern und Zürich vor ausverkauften Sälen.

 

Die muntere Gesprächsrunde war erfreulich und ermutigend. Weil sich offenbar ganz viele vor allem junge Frauen und Männer (wieder?) für Gleichstellung interessieren. Und am Schluss kaum aufhören wollten mit der Diskussion. Dabei wurde einiges angesprochen, aber natürlich nicht alles ausdiskutiert.

 

Für mich ungelöst bleibt die Diskrepanz zwischen feministischem Diskurs und Alltagsrealität. Während Feministinnen und Feministen (seit Jahren) die Vielfalt der Geschlechteridentitäten propagieren, sind Geschlechterrollen für den Rest der Welt scheinbar einfacher und klarer. Woche für Woche kommen naturwissenschaftliche Studien in die Zeitung, die in irgendeinem Teilaspekt beweisen, wie verschieden Männer und Frauen doch sind. Mars und Venus sind Galaxien voneinander entfernt.

 

Wer es nicht glaubt, der spaziere doch einfach mal durch den Franz Carl Weber. Dort die rosa Mädchenwelt mit Prinzessinnen und Pferden, dort die blaue-schwarze Bubenwelt mit Abenteuern und Star Wars. Studien haben gezeigt, dass Spielzeuge in den 1970er-Jahren viel geschlechtsneutraler waren. Doch dann habe die Spielzeugindustrie das Geschlechtermarketing entdeckt – auch unter dem Druck der sinkenden Kinderzahlen. So werden die Kinder nun massiv geschlechtsspezifisch beworben – und weil die Mehrheit der Kinder aus verschiedenen Gründen das will, was ihnen die Werbung vorsetzt, hat es Erfolg. Gruppendruck und Konformitätswunsch tun das Ihre dazu. Mädchen und Buben, die aus der Norm tanzen, haben halt Pech. Und passend dazu gibt es natürlich verschiedene Studien, die zeigen, dass Hirne von Mädchen bei Rosa anders reagieren. Oder dass auch kleine Affenbabys eine genderspezifische Spielzeugauswahl treffen würden, wenn kleine Affen denn auch in den Franz Carl Weber gehen könnten und nicht nur miteinander und mit Stecklein spielen dürften.

 

Wieviel Geschlecht sozial konstruiert wird, zeigt die Rosa-Frage exemplarisch. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts war rosa nämlich für Buben vorgesehen – und hellbau für Mädchen. Die belgische Prinzessin Astrid dekorierte beispielsweise 1927 die Wiege ihres Sohnes noch ganz in Rosa. Dabei gibt es nichts gegen Rosa oder Hellblau einzuwenden, weder für Buben noch Mädchen noch für Erwachsene. Aber der berühmte Satz von Simone de Beauvoir gilt unverändert: «Man ist nicht als Frau geboren, man wird es.»

 

Dass die Diskussionen der akademischen Welt mitunter in der realen Welt wenig oder gar keinen Einschlag finden, ist kein neues Phänomen. Es ist vielleicht auch zu hoffen, dass es auch einfach nur Zeit braucht und dass eben vieles auch in Wellenbewegungen stattfindet. So auch beim Feminismus.

 

Anne Wizorek wendet sich in ihrem Buch prominent gegen etwas, dass sie «BWL-Feminismus» nennt. Sie zielt dabei auf Sheryl Sandberg, Managerin von Facebook, die vor kurzem ebenfalls ein feministisches Buch («Lean in – Women, Work, and the Will to Lead», zu deutsch sinngemäss: «Hängt euch rein – Frauen, Arbeit und der Wille zur Führung») publiziert hat. Das war auch im Publikumsgespräch einer der Hauptdiskussionspunkte – kann man Feminismus ohne Systemkritik (und gemeint ist damit Kapitalismuskritik) denken oder praktizieren? Viele fanden: Nein.

 

Der Journalist Christof Moser setzte wenige Hoffnungen in die (etablierte) Politik oder in die Medien, schon gar nicht in die Wirtschaft. Für ihn sei es eine offene Frage, ob man überhaupt im System mitmachen soll. Hier fiel mir die etwas eigenartige Rolle zu, eine Lanze für den BWL-Feminismus zu brechen. Aus den eigentlich gleichen Gründen, mit denen Moser den linken Machismo kritisierte. Damit sind jene gemeint, die finden, Feminismus sei ein Nebenwiderspruch. Sprich, wenn der Kapitalismus überwunden ist, dann kommt die Gleichstellung sowieso automatisch. Etwas, was mindestens im real existierenden Sozialismus nicht eingetroffen ist. Oder wie die Britin Laurie Penny in einem Interview mit der ‹TagesWoche› spottete: «Viele linke Männer denken, es reiche, ein paar Fotos von Rosa Luxemburg oder Eleanor Marx an die Wand zu hängen.»

 

Machoismus ist keine links-rechts-Frage. Es gibt linke Macker und progressive Bürgerliche. Wir fordern schon lange, dass Gleichstellung kein reines Frauenthema sein soll. Und so soll es auch nicht nur ein Thema für Universitäten, Gleichstellungsbüros und Linke sein. Weil sich sonst nun mal ein grosser Teil der Welt nicht ändert. Feminismus stellt die Machtfrage – und sie muss dort gestellt werden, wo es Macht gibt. In der Wirtschaft und der Politik. Und sie muss von denen gestellt werden, die sich in diesen Systemen bewegen. Kapitalismuskritik ist berechtigt. Aber nicht nur eine kapitalismuskritische Feministin ist eine gute Feministin. Es braucht einfach mehr Menschen, die sich für Gleichstellung (von allen) einsetzen. Das dürfen auch Managerinnen sein. Oder freisinnige Regierungsratskandidatinnen. Das heisst nicht, dass ich sie wählen muss.

 

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