«Aufgabe der SP ist es, das Leben der Menschen real zu verbessern»

Die beiden SP-NationalrätInnen Mattea Meyer (ZH) und Cédric Wermuth (AG) möchten die Nachfolge von Parteipräsident Christian Levrat antreten. Weshalb sie dieses Amt reizt und wohin sie die Partei führen wollen, erklären sie im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Vorbemerkung: Die Wahl des neuen SP-Präsidiums war ursprünglich für Mitte April vorgesehen. Dieses Interview wurde kurz vor dem Lockdown im März geführt und Anfang Oktober aktualisiert.

 

Wann sind Sie der SP beigetreten – und weshalb?

Mattea Meyer: Mit 16, 17 Jahren – und vor allem deshalb, weil ich mit Ungerechtigkeit schlecht umgehen kann. Ich ertrage es kaum, wenn sich Menschen über andere stellen, nur weil sie es können. Nur weil sie Geld, den richtigen Pass oder das richtige Geschlecht haben. Ich weigerte mich als Jugendliche, dies einfach auszuhalten. Also habe ich mich in einer Frauengruppe engagiert und an einer Jugendsession im Bundeshaus teilgenommen. Anschliessend bin ich relativ rasch bei den Juso und der SP gelandet, denn dort wurde mit Argumenten debattiert, die den Menschen ins Zentrum stellen. Die Wahl der Partei habe ich seither nie bereut, im Gegenteil: Die SP ist meine politische Familie.

Cédric Wehrmuth: Formell den Juso beigetreten bin ich anlässlich der Wahlen von 1999. Ich komme aus einer eher politischen Familie: Sowohl meine Mutter als auch mein Vater verfolgten das politische Leben im In- und Ausland aufmerksam, beide waren immer wieder in Bewegungen und teilweise auch in der SP aktiv. Deshalb kann ich mich noch gut an die Jugoslawienkriege der 1990er-Jahre oder an das EWR-Nein von 1992 erinnern. Die 18-Prozent-Initiative* des damaligen Aargauer FDP-Nationalrats Philipp Müller zur Begrenzung des AusländerInnenanteils in der Schweiz war die erste Initiative, gegen die ich ankämpfte: Sie richtete sich unter anderem gegen die Freundinnen und Freunde, mit denen ich zur Schule gegangen bin. 

 

Welche Ziele wollten Sie damals erreichen? Und ist es Ihnen gelungen?

M.M.: Mir ging und geht es darum, mich gemeinsam mit anderen Menschen zu engagieren  und etwas zu erreichen. Während des Irak-Kriegs ging ich mit einer Fahne zur Schule und anschliessend an die Demo, später waren Cédric und ich mit vielen jungen Menschen zusammen Teil der Bewegung «Occupy Paradeplatz»: Wir wollten nicht akzeptieren, dass die kleinen Leute, dass wir alle für die Bankenkrise zahlen sollten, nur die Verantwortlichen nicht. Heute müssen wir uns wieder dem Paradeplatz zuwenden, beziehungsweise dem, was die Banken dort treiben: Sie investieren in Kohleabbau oder die Zerstörung des Regenwaldes und verursachen damit die Klimakrise. Das muss aufhören. Die Geschichte wiederholt sich – aber gemeinsam und Schritt für Schritt können wir Veränderungen erreichen. Die 1:12-Initiative war ein prägendes Erlebnis für mich. Wir haben die Abstimmung zwar nicht gewonnen, aber wir haben eine Debatte über gerechte Löhne und unanständige Boni lanciert, die bis heute prägend ist. 

 

Sie beide sind im Nationalrat und damit in der institutionellen Politik angelangt: Weshalb wollen Sie politische Ämter ausüben? Sie könnten sich doch auch als einfache Mitglieder engagieren, Unterschriften sammeln, an Ständen stehen und so weiter.

Beide: In Ämter kommt man rein – schneller, als man denkt…

C.W.: Zum ersten Mal habe ich 2005 mit den Jusos für das Kantonsparlament im Aargau kandidiert. Da mussten halt alle auf die Liste und der Wahlkampf machte grossen Spass, es fühlte sich an wie ein verlängertes Pfadilager (lacht). Später habe ich dann nach und nach bewusster Wahlkämpfe betrieben und wurde bereits 2011 in den Nationalrat gewählt. Linke Politik muss klare Grundsätze haben, aber es hat keinen Sinn, in Schönheit zu sterben. Wir brauchen den Willen zur Macht, und zwar in positivem Sinne: Wer Macht hat, kann etwas machen, sprich, die Gesellschaft wirklich mitentwickeln. Und die Institutionen der bürgerlichen Demokratie sind dafür eben wichtig. 

M.M.: Ganz grundsätzlich: Die Arbeit vor Ort, welche die Mitglieder leisten, ist die grösste Stärke der SP. Ich engagiere mich für das, was ich richtig finde, und zwar mit Herzblut und in meiner politischen Heimat, der SP. Es ist mir wichtig, mich gemeinsam mit Gleichgesinnten für eine freiere, gerechtere und solidarischere Welt einzusetzen. Würde ich nicht daran glauben, dass wir eine solche Welt erreichen können, hätte ich wohl weder Lust noch Energie dazu. Aber mit Leidenschaft – und ab und zu einem Erfolgserlebnis – lässt sich viel erreichen.

C.W.: Politische Ämter auf dieser Ebene sind auch deshalb spannend, weil sie so umfassend sind: Man bekommt es mit allen gesellschaftlichen Schichten zu tun, mit allen politischen Anliegen, anstatt sein Leben lang zu einer bestimmten Gruppe zu gehören und nie über den Hag des eigenen Gärtchens zu schauen. Man befasst sich damit, wie unsere Gesellschaft funktioniert und was sie zusammenhält. Gerade auch in Führungsfunktionen in der Partei und Fraktion muss man oft innert Minuten thematisch von Bildung zu Sozialpolitik, über Klima, Wirtschaft und zurück springen. Das ist zwar herausfordernd, aber eben auch sehr spannend und abwechslungsreich. 

M.M.: Wie wir mit Flüchtlingen umgehen, wie mit der Natur, wie mit Frauen, die täglich unbezahlte Arbeit leisten – all diese Fragen führen uns zurück zu ihrem gemeinsamen Nenner: Unser Wirtschaftssystem basiert auf Ausbeutung und darauf, ob man zufälligerweise mit dem ‹richtigen› oder dem ‹falschen› Pass geboren wurde. Demgegenüber fordert die SP Solidarität und Freiheit für alle. Und nicht nur das: Wir waren im 20. Jahrhundert die gestaltende Kraft mit der Einführung der AHV, der Befreiung der Frau oder dem Kampf gegen Atomkraft. Diese prägende Kraft wollen wir auch im 21. Jahrhundert sein. 

 

Dann werden wir mal persönlich: Welchen Beruf haben Sie erlernt, und was machen/machten Ihre Eltern beruflich? Oder anders gefragt: Welcher sozialen Klasse entstammen Sie?

C.W.: Mein Vater ist der Sohn einer italienischen Einwandererin und eines Emmentalers und hat Innenausbauzeichner gelernt – er hat unter anderem den Kreisssaal gezeichnet, in dem ich zur Welt gekommen bin. Auf dem zweiten Bildungsweg hat er sich zum heilpädagogischen Früherzieher ausgebildet und fortan auf diesem Beruf gearbeitet, zuletzt als Berater für soziale Institutionen. Meine Mutter stammte aus Lausanne, ich bin zweisprachig aufgewachsen. Meine welsche Grossmutter ist als Tochter eines Schweizer Ingenieurs in der holländischen Kolonie in Indonesien aufgewachsen, mein Grossvater kommt aus dem graphischen Gewerbe und war auch aktiver Gewerkschafter. Meine Mutter machte die Handelsmittelschule und arbeitete bis zu ihrem Tod vor fünf Jahren ebenfalls als heilpädagogische Früherzieherin. Dazu war sie auch mehrere Jahre als reformierte Katechetin tätig, gerade als mein Bruder und ich noch Kinder waren.

M.M.: Meine Mutter ist in Basel aufgewachsen. Ihre Eltern waren beide HochbauzeichnerIn und haben auch beide gearbeitet, als sie Kinder bekamen, sonst hätte es finanziell nicht gereicht. Meine Mutter lernte Kindergärtnerin, machte eine Familienpause, als wir Kinder klein waren, und arbeitet heute als Bibliothekarin. Die Mutter meines Vaters war eine Bauerntochter aus dem Aargau, mein Grossvater lernte Schreiner und eröffnete später ein Schmuckgeschäft. Mein Vater arbeitet seit Studiumende in der landwirtschaftlichen Beratung. Weil er eine neue Stelle antrat, zogen wir vor vielen Jahren vom Kanton Baselland nach Winterthur, wo ich heute noch lebe. Meine Eltern sind nicht politisch aktiv im engeren Sinne, aber sozial und ökologisch eingestellt, und diese Werte haben sie mir weitergegeben.

 

Stellen Sie sich bitte vor – oder, falls selbst erlebt: denken Sie daran zurück –, wie Sie sich zum Monatsende hin Sorgen machen, ob das Geld dieses Mal bis zum letzten Tag des Monats reicht oder nicht: Welche Politik brauchen die Menschen, denen es ständig so geht – insbesondere jetzt, in Zeiten von Corona?

M.M.: Die Corona-Krise wirkt wie ein Brennglas auf unsere Verwundbarkeit und Ungleichheit. Viel zu viele Menschen sind armutsbetroffen, armutsgefährdet oder haben kaum Polster. Hunderttausende sind quasi über Nacht vor dem Nichts gestanden. Und in diesem Moment waren es starke öffentliche Leistungen, welche die Betroffenen vor dem Sturz bewahrt haben. Was die Krise klar gezeigt hat: Es braucht eine wirtschaftliche Existenzsicherung für alle – vom prekär Beschäftigten auf Abruf bis hin zur Geschäftsinhaberin einer kleinen GmbH. Deshalb habe ich mich in den letzten Monaten auch so für die Weiterführung der Corona-Entschädigung für Selbstständige und TemporärmitarbeiterInnen engagiert. Und es braucht höhere Prämienverbilligungen und vor allem auch mehr bezahlbaren Wohnraum, sonst frisst die Miete den Lohn gleich wieder weg. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass gewisse Ausgabeposten heutzutage sogar für Menschen mit ‹normalen› Löhnen ein Problem sind: Eine Zahnspange beispielsweise kostet schnell mal 15 000 Franken – pro Kind, versteht sich. 

C.W.: Nach der Finanzkrise von 2008 gab es einen Moment, in dem praktisch alle Männer in meiner Familie, inklusive Onkel und Cousins, ohne Arbeit dastanden. Hautnah mitzuerleben, was das mit Menschen macht, hat mich nochmals stark geprägt. Wenn sie 40, fast 45 Jahre gearbeitet haben, und plötzlich sagt ihnen die Gesellschaft: «Danke, aber für dich haben wir keinen Platz mehr», dann ist das extrem entwürdigend. Das muss sich ändern: Wir müssen Schluss machen mit der Gängelung der Menschen auf den Arbeitsvermittlungen und den Sozialämtern. Es ist menschenunwürdig und es bringt auch nichts. Druck verschafft keine Perspektiven.  

 

Können Sie mit Ihrer Vergangenheit als streitbare JungsozialistInnen wirklich die ganze Partei repräsentieren?

Beide: Wir waren stolze JungsozialistInnen, und die SP ist stolz auf ihre starke Jungpartei!

M.M.: Ich fühle mich sehr verankert und abgestützt. Medial wird uns die Juso-Vergangenheit immer wieder als Manko ausgelegt. Das ist doch absurd. Beim Fussball würde man den Mitgliedern des U-21-Teams auch nie vorwerfen, dass sie früher in der U-19 gespielt haben. Wir sind überzeugt: Die Zeit der EinzelkämpferInnen ist vorbei. Wir sind ein eingespieltes Team, wir vertrauen einander und wir ziehen am gleichen Strick. Das strahlen wir auch über das Co-Team hinaus aus. 

C.W.: Indem wir uns die Führungsverantwortung für die Partei und mit unseren PartnerInnen die Kinderbetreuung teilen, sind wir auch Vorbilder – nicht zuletzt für Parteimitglieder, die jünger sind als wir: Noch viel zu oft heisst es in der Schweiz, Chefposten liessen sich nur mit einem 100-Prozent-Pensum bewältigen. Wir zeigen, dass es auch anders geht, und setzen so ein wichtiges Zeichen.

 

Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit mit Juso, Jungen Grünen, Grünen, der Klimabewegung etc. vor – und wie wollen Sie neue WählerInnen gewinnen?

C.W.: Wir haben beide einen längeren Lernprozess durchgemacht, denn wir haben dank der Juso-Mitgliedschaft früher mit Politik angefangen als andere. Heute können wir ebensogut mit der Klimajugend zusammenarbeiten wie mit Juso, jungen Grünen, alten FDPlern und allen dazwischen. Was neue WählerInnen betrifft, müssen wir zum Beispiel auf Menschen aus unserer Generation zugehen, die keiner Partei angehören, aber beim Frauenstreik oder bei der Klimajugend mitmachen: Sie teilen unsere Werte und wären in der SP gut aufgehoben. 

M.M. Viele Menschen haben das Gefühl, die da oben in Bern machen eh nichts für sie. Das stimmt ja leider auch. Die bürgerlichen Parteien machen vor allem eine Politik für die Mächtigen, denen eh schon alle Türen offen stehen. Aufgabe der SP ist es, das Leben der Menschen real zu verbessern. Und wieder Hoffnung zu geben, dass wir gemeinsam unsere Zukunft gestalten können. Die zahlreichen sozialen Bewegungen oder auch der Abstimmungssonntag stimmen uns zuversichtlich. 

* Die Initiative «für eine Regelung der Zuwanderung (18 Prozent-Initiative)» wurde vom damaligen Aargauer Grossrat und späteren FDP-Präsidenten Philipp Müller lanciert und wollte den Anteil von AusländerInnen an der dauernden Wohnbevölkerung in der Schweiz auf maximal 18 Prozent festschreiben. Die Initiative wurde am 24. September 2000 mit 63 Prozent der Stimmen von der Bevölkerung abgelehnt.

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