Auf Stand-by

Auf die Gefahr hin, frivol zu wirken, muss ich gestehen, dass ich vom Lockdown bisher eher profitiert habe (Sie aber auch! Siehe unten). Selbstverständlich habe ich ein ordentlich schlechtes Gewissen dabei, kann es aber mit Selbstkasteiung gerade noch in Schach halten. 

Als Erstes fielen meine Ämtli dem Virus zum Opfer: Niemand wollte mehr meinen Znüni für die Lehrpersonen essen, den alle anderen auch anschnauben konnten. Da kein Werkmaterial verbraucht werden würde, musste ich auch keins einkaufen. Fein, umso mehr Zeit blieb für den Fernunterricht! Ich wirbelte einen furiosen Fernlern-Taifun auf, schrieb Heimaufgaben für Zeichnen, Werken und Projektunterricht, erwarb Skills in Videokonferenzen und Plattformen mit Schabi, Klapp, Zoom, Teams usw. usf. Dumm nur: Der Kontakt mit den SchülerInnen via E-Mail blieb den Klassenlehr­personen vorbehalten. Die anderen sollten telefonieren. Das ist sicher sinnvoll zum Schutz der Jugend­lichen vor dem Eindringen wildgewordener Fachlehrpersonen in ihre Privatsphäre. Ich konnte es mir trotzdem nicht recht vorstellen: «Hoi Flamure, hast du jeden Tag eine Zeichnung gemacht?» – «Ja.» –  «Und, was hast du gezeichnet?» –  «Mein Händy und meine Spielkonsole und meinen Computer.»  – «Aha, super … das sieht bestimmt toll aus, oder?»

 

Zum Glück ist die heutige Jugend nicht auf den Kopf gefallen und fand selber den Weg via E-Mail zu mir – jedenfalls ein paar von ihnen. Komisches Gefühl: Von 250 zwischenmenschlichen Begegnungen pro Woche hinunter auf praktisch Null. Immerhin hatte ich jetzt Musse, um aufzuräumen. Abzurechnen. Vorauszuplanen. Einzuordnen. Überstunden einzuziehen. Dann trudelte prompt noch eine verschollene Sendung mit Holz-Zuschnitten ein, die ich vor Wochen dringend gebraucht hätte. Punktgenau zu Ostern kam alles zum Stillstand. Und für einmal waren da, wo Ferien draufsteht, auch wirklich Ferien drin!

 

Mit dem Herumsitzen hatte ich eigentlich keine Mühe. Es ist schon lange mein Steckenpferd. Als Hobby-Intellektuelle und Last-Minute-Akrobatin bin ich es auch gewohnt, dass ich bei Sonnenschein Hausarrest habe. Ich ratschte also im üppigsten Frühling routiniert die Läden runter und beendete endlich einige Übersetzungen, die ich der feministischen Guten Sache schon länger schuldete – natürlich im Frondienst, aber das Herz lacht trotzdem, denn indirekt wird so doch vom staatlichen Brötchengeber via bezahlte Ferien der Feminismus quersubventioniert. Mein bescheidener Beitrag zur Völkerverständigung wird auch tatsächlich publiziert werden! Ich werde es Ihnen sicher nochmals unter die Nase reiben, wenn es dann so weit ist.

 

Nun aber ein wenig Stretching, auf die Zehenspitzen und Arme hoch – jawoll, da in der obersten Reihe des Büchergestells sind noch Comics, die ich noch nicht auswendig kenne. Ich gebe mir eine Überdosis «Les Nombrils» von Delaf und Dubuc, eine Art Coming-of-Age-Geschichte eines unglaublich prollen Mädchentrios. Da lach ich mich schief und muss mich nach der anderen Seite strecken: Zwei Bände «Dad» von Nob über einen alleinerziehenden Vater von vier Töchtern verschiedener Mütter, und ich bin wieder eingerenkt. Dann noch die neuen «NZZ-Geschichte» und «Widerspruch» (beide jüngst mit bemerkenswertem Drall in Richtung Feminismus-relevanter Themen). Unterdessen regnet es. Nun gut, dann muss ich jetzt auch nicht aus dem Haus …

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