Auf ein Neues im Boy

Das Café Boy wechselt seine Wirte. Übernommen wird es von der Genossenschaft «Wirtschaft zum Guten Menschen», im September wird Neueröffnung gefeiert. Das Lokal spielte über Jahrzehnte eine wichtige Rolle für die politische Linke, das soll nun wiederbelebt werden, erklären die Präsidentin der Genossenschaft, Emy Lalli, und die Projektleiterin Vivien Jobé im Gespräch mit Zara Zatti.

2016 wurde die Genossenschaft «Wirtschaft zum Guten Menschen» gegründet mit der Idee, eine linke Stammbeiz zu eröffnen. Wie kam es dazu?
Vivien Jobé: Der Wunsch nach einem solchen Lokal entstand bereits im Jahr 2014. Wir waren damals eine kleine Gruppe, die Ideen für eine mögliche Stammbeiz sammelte, ich habe sogar eine erste Version eines Konzeptes ausgearbeitet. Mit der Zeit versandete die Idee aber wieder und rückte erst mit dem Legat, das Nationalrätin Ursula Leemann-Bosshard der SP hinterliess, wieder in die Nähe. Ursula Leemann-Bosshard vermachte einen grossen Teil ihres Erbes der SP, unter der Bedingung, dass das Geld für konkrete Projekte eingesetzt werde. Die Genossenschaft zum Guten Menschen, die 2016 gegründet wurde, erhielt einen Teil dieses Geldes für die Eröffnung einer Beiz. Das gab Aufwind, es war das Fundament, um das Projekt verwirklichen zu können. Danach haben wir angefangen, Genossenschaftsmitglieder zu suchen, und gleichzeitig nach einem geeigneten Lokal Ausschau zu halten. Als Emy Lalli Präsidentin der Genossenschaft wurde, hat sie die Suche intensiviert, man könnte fast sagen, sie hat das ganze Quartier rund um das Sekretariat umgegraben auf der Suche nach einem passenden Ort.

 

Und das hat sich als nicht so einfach herausgestellt, es dauerte drei Jahre, bis Sie fündig wurden…
Emy Lalli: Es war tatsächlich nicht einfach, wir hatten auch verschiedene Ansprüche an die Lokalität. Vor allem sollte sie im Umkreis des SP-Sekretariats sein, also im Kreis drei oder vier. Ich habe mir alle Lokale, die in Frage kamen, angeschaut, und dann die Verwaltung kontaktiert. Lange Zeit wurde aber nichts frei, bei einem konkreten Lokal, in das wir viel Zeit investiert hatten, entschied sich der Besitzer schlussendlich für ein anderes Konzept. Das war ein ziemlicher Dämpfer für uns. Anfang Jahr bekam ich dann das Buch «Proletarische Jugend Zürich» über das 100-jährige Jubiläum der Proletarischen Jugend, die das Café Boy 1934 eröffnete, von Thomas Kamber zugeschickt. Ich habe mich sehr über das schöne Buch gefreut und mich bedankt. Vor vier Wochen hat er mich dann angerufen, um mir zu sagen, dass das Café Boy frei werde.
V.J.: Und noch am gleichen Tag habe ich mich mit Emy Lalli und einem Vorstandsmitglied der Genossenschaft Bonlieu getroffen…
E.L.: …Und Vivien Jobé hat innerhalb weniger Tage ein super Konzept auf die Beine gestellt.

 

Das Konzept entstand dann also zugeschnitten auf das Café Boy?
V.J.: Genau, das Konzept ist speziell ausgerichtet auf das Boy, es sollte wieder als Quartierbeiz belebt werden. Um das Konzept zu erarbeiten, habe ich mich im Vorfeld stark mit der Geschichte des Lokals befasst. Angefangen habe ich mit dem besagten Jubiläumsbuch über die Proletarische Jugend und mich davon inspirieren lassen. Die Geschichte des Lokals, die Rolle, die es in der besagten Zeit übernommen hat, sollte in die Gegenwart transferiert werden.

 

Was ist das für eine Geschichte?
V.J.: Als die Proletarische Jugend das Lokal 1934 eröffnete, gab es darin ein Jugendheim, eine Werkstatt für Jugendliche und ein Restaurant. Zu dieser Zeit wurde linke Politik durch das Boy erlebbar, das heisst, durch das Ein- und Ausgehen im Boy hat man direkt miterlebt, was linke Politik im Alltag bedeutet. Das zu realisieren war ein Schlüsselmoment für mich, um das Konzept zu erarbeiten. Ich fand es sehr wichtig, den Aspekt der erlebbaren Politik auch heute wieder als Grundpfeiler einzubeziehen. Denn Politik findet im Alltag statt, Politik ist, wie wir einkaufen, wo wir essen und was wir essen. Mit dem Lokal haben wir die Möglichkeit, nicht nur über die Politik der SP zu sprechen, sondern diese den Menschen im Quartier auch vorzuleben.

 

Es soll also nicht in erster Linie eine Beiz werden, in der sich Parteimitglieder treffen, sondern eine Schnittstelle zwischen Bevölkerung und Politik?
V.J.: Genau, aus diesem Grund werden wir auch versuchen mit Quartiervereinen zusammenzuarbeiten, zu schauen, wo es Synergien gibt und wo man das Angebot der Vereine allenfalls noch ergänzen kann. Im August vor der offiziellen Eröffnung wollen wir ausserdem das Quartier für einen Austauschabend einladen, um so die Anliegen der Bevölkerung an eine neue Beiz in Erfahrung zu bringen.

 

Wie sieht das erarbeitete Konzept konkret aus?
V.J.: Das Konzept basiert auf den drei Grundpfeilern «links wirtschaften», «linke Politik erlebbar machen» und «zeitgemässer Restaurationsbetrieb.» Links wirtschaften beinhaltet, dass wir genossenschaftlich organisiert sind, dass wir faire und transparente Lohnpolitik betreiben und dass wir ein gemischtes Team anstreben. Um linke Politik erlebbar zu machen, sollen nebst dem Restaurantbetrieb auch Veranstaltungen stattfinden. Das Haus verfügt über drei Sitzungszimmer, die von der bonlieuGenossenschaft verwaltet werden. Dort wollen wir politische, aber auch kulturelle Anlässe durchführen und zusätzlich neue Mitglieder von linken Parteien oder Organisationen ins Haus holen. Die beiden ersten Pfeiler sind uns sehr wichtig, wir sind uns aber auch bewusst, dass wir allein mit diesen zwei Pfeilern nicht überleben können. Deshalb der dritte Pfeiler des zeitgemässen Restaurationsbetriebes. Dieser soll einerseits die Wirtschaftlichkeit sicherstellen, andererseits dem Quartier gastronomisch einen Mehrwert bieten.

 

Linke Politik erlebbar machen. Hat sich Politik von der Bevölkerung entfernt?
E.L.: Ich denke das ist teilweise schon so. Ich erlebe das beispielsweise bei den Stimm­auszählungen in den Wahllokalen. Dort sagen mir viele Leute, die Abstimmungen seien so kompliziert geworden, dass sie teilweise gar nicht mehr an die Urne gehen. Im Boy könnte man vor den Abstimmungen jeweils über die Inhalte diskutieren oder der Bevölkerung die Möglichkeit geben, die PolitikerInnen, die auf der Parteiliste stehen, persönlich kennenzulernen.

 

Haben Sie andere Ideen, wie man der Bevölkerung die Politik in die Beiz bringen kann?
V.J.: Eine Idee ist zum Beispiel, dass Nationalrätinnen und Nationalräte einen Rückblick auf die vergangene Session geben, oder dass bekannte Persönlichkeiten aus der Politik einmal im Service mitarbeiten, um für die Bevölkerung ansprechbar zu sein. Ausserdem könnte man regelmässig Themenstammtische durchführen, wo es Inputs und eine anschliessende Diskussion gibt. Daneben soll es auch indirekt politische Angebote geben, wie beispielsweise Workshops zum Thema Nachhaltigkeit im Alltag oder einen Bastelnachmittag für Kinder.

 

Wie werden die Öffnungszeiten aussehen?
V.J.: Neu ist das Boy die ganze Woche geöffnet. Unter der Woche jeweils am Mittag und am Abend, am Wochenende den ganzen Tag ab 10 Uhr mit einem Frühstücksangebot.

 

Unter den vorherigen Betreibern gab es gehobene Küche im Boy zu entsprechenden Preisen. Wird sich das ändern?
V.J.: Wir wollen eine breitere Preisspanne anbieten, damit sich mehr Menschen einen Besuch leisten können. Die Küche wird sicherlich einfacher werden, man soll im Boy aber weiterhin gut essen können. Das ist schliesslich der Hauptgrund, wieso auch ich in eine Beiz gehe: Gut essen und trinken. Wir sind momentan aktiv auf der Suche nach einem geeigneten Küchenchef oder einer Chefin. Dieser oder diese soll unsere groben Ideen dann konkretisieren. Dann wird auch klar, was definitiv auf die Speisekarte kommt. Auch beim kulinarischen Angebot wollen wir uns an unsere eigenen Leitsätze halten, das heisst anbieten, was saisonal ist, und lokale Produkte verwenden. Diesbezüglich sind wir momentan ebenfalls auf der Suche nach Bauernhöfen, bei denen wir unsere Produkte direkt beziehen können. Dadurch könnte ein Zwischenhändler weggelassen werden, was auch der Landwirtschaft einen Mehrwert bieten würde.

 

Am 1. September wollen Sie eröffnen. Bis dahin gibt es noch einiges zu tun…
V.J.: Das stimmt. Im Boy werden über den Sommer zusätzlich Renovationen durchgeführt, das Lokal wird also auch optisch nochmals aufgefrischt.

 

Frau Jobé, Sie werden die Geschäftsleitung übernehmen?
V.J.: Ich bin momentan in der Projektleitung, ein Gastgeber oder eine Gastgeberin soll später die Führungsfunktion im Betreib übernehmen. Ich werde aber weiterhin an der Schnittstelle zwischen Vorstand, Genossenschaft und Restaurant tätig sein.

 

Sie haben die Hotelfachschule in Luzern besucht, kennen sich also in der Gastronomie aus…
V.J.: Ja genau, ich denke, das ist auch sehr wichtig für ein solches Projekt. Das Café Boy zu übernehmen ist eine grosse Verantwortung, es ist ein grosser Betrieb, der sieben Tage die Woche läuft und mindestens sieben Vollzeitstellen beinhaltet.

 

Ermöglicht wird die Beiz einerseits durch Genossenschaftsbeiträge, andererseits durch das erwähnte Legat. Momentan sind Sie noch auf der Suche nach Genossenschaftsmitgliedern und finanziellen Beiträgen. Braucht es noch Geld, damit der Betrieb starten kann oder wollen Sie sich darüber hinaus absichern?
V.J.: Wir verfügen momentan über genügend Geld, um den Betrieb starten zu können. Wie wir aber wissen, ist die Gastronomie ein schwieriges Geschäft. Damit wir den neuen Betrieb sicher aufziehen können, wollen wir unsere Liquidität erhöhen, damit wir nicht nur die Eröffnung, sondern auch die ersten paar Monate finanzieren können.
E.L.: Wir sind momentan auf der Suche nach Genossenschaftsmitgliedern, aber auch Spenden. Es ist uns sehr wichtig, dass wir über einen gewissen Grundstock verfügen, um in den ersten sechs Monaten den Lohn der MitarbeiterInnen zu garantieren.
V.J.: Man muss übrigens auch nicht SP-Mitglied sein, um Teil der Genossenschaft zu werden. Viele der momentanen Mitglieder sind zwar bei der SP, aber nicht alle. Es ist uns ein Anliegen eine linke Quartierbeiz zu schaffen, und wir freuen uns, wenn sich verschiedenste Menschen, die sich eine politische Heimat wünschen, beteiligen. Es ist kein geschlossener Verein.
E.L.: Aus diesem Grund haben wir damals auch die Genossenschaft gegründet. Es ist nicht die SP, die die Beiz besitzt, sondern in erster Linie die Genossenschaft. Diese ist zwar parteinah, aber offen für alle.

 

Wieso eigentlich Wirtschaft zum Guten Menschen als Genossenschaftsname?
V.J.: Es ist nur die Genossenschaft, die so heisst, das Café Boy behält seinen Namen. Der Name Café Boy hat durch seine Verankerung in der linken Geschichte des Lokals auch seine Berechtigung.
E.L.: Gott sei Dank (lacht).
V.J.: Bei der Namensgebung waren wir beide nicht involviert. Damit sollte wohl auf die Schippe genommen werden, dass die linken Parteien von der Gegenseite oft als Gutmenschen bezeichnet werden.

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