Andreas Hauri: «Der Wahlkampf hat erst gerade so richtig begonnen.» (Bild: Gian Hedinger)

Auf dem Monte mit dem Start-up-Fan

Andreas Hauri leitet als Stadtrat von Zürich das Gesundheits- und Umweltdepartement. Der GLP-Politiker steht für eine pragmatische Politik und setzt beim Klimaschutz auf liberale Lösungen.

Ein Dienstagnachmittag kurz vor Weihnachten auf dem Monte Diggelmann: Es ist kalt, der Wind zieht, der Nebel hängt über der Stadt. Zwischen Sitzbänken und Bäumen steht der GLP-Stadtrat Andreas Hauri. «Ich komme gerne hier hoch, um Sitzungen oder Entscheidungen zu reflektieren», sagt er. Wenn das Wetter besser sei, sei der Monte Diggelmann belebter. «Im Sommer kommen die Menschen zum Joggen oder zum Spazieren, wenn es schneit, ist das der Schlittelhang des Quartiers», sagt Andreas Hauri, der im Kreis 6 wohnt, wo auch der Monte Diggelmann liegt.

Entstanden ist der Aussichtspunkt im Irchelpark neben der Universität Zürich in den 1970er-Jahren. Mit dem Aushub der Bauarbeiten des Campus Irchel wurde der Monte Diggelmann aufgeschüttet und nach dem ehemaligen Präsidenten des Quartiervereins Oberstrass, Walter Diggelmann, benannt. «Bei schönem Wetter sieht man von hier über die ganze Stadt und im Norden bis nach Kloten.» Dort ist Andreas Hauri aufgewachsen. «Ein Flughafenkind» sei er. Hauris Vater arbeitete bei der Swissair, seine Mutter als Pflegefachfrau. «Tiptop» sei das Aufwachsen in Kloten gewesen, aber er habe auch gespürt, dass es ihm in der Kleinstadt zu eng wurde. Hauris Vater war in Kloten Gemeinderat für die EVP. Seine Eltern hätten oft über Politik diskutiert und er habe gelernt, zu argumentieren und seine Meinung zu vertreten, sagt Hauri. Für ihn seien die christlichen Mitte-Parteien aber nie eine Option gewesen. «So war ich zwar immer politisch inte­ressiert, aber nicht in einer Partei», sagt Hauri. In dieser Zeit habe er mal die Grünen, mal die SP und mal die FDP gewählt. Bis dann die GLP kam.

Ein Werber als Politiker?

Als die Grünliberale Partei 2004 gegründet wurde, war Hauri noch nicht von Anfang an Teil der Partei. Doch die Idee, Umweltthemen mit Wirtschaftsfreundlichkeit zu verbinden, habe ihm zugesagt. «Deshalb habe ich mich dann zu engagieren begonnen. Zu Beginn war ich eher am Rand dabei und habe geholfen, wo es gerade jemanden gebraucht hat. Es war eine gute Zeit, in der wir früh erste Erfolge erzielten.» Bei den Gemeinderats- und später auch bei den Kantonsratswahlen kandidierte Hauri für die GLP, wurde nicht gewählt und rückte jeweils nach. «Diese Schritte habe ich nie als Karriereschritte verstanden, sondern als Verantwortung, die sich ergeben hat», sagt Hauri. Als die Grünliberalen nach einer Kandidatur für die Stadtratswahlen 2018 suchten, meldete sich Hauri und wurde nominiert. «Mir war bewusst, dass es als GLP-Kandidat schwierig ist, die Wahl in den Stadtrat zu schaffen. Schliesslich werden wir jeweils nicht von anderen Parteien unterstützt. Wir setzten deshalb auf einen unkonventionellen Wahlkampf, ich kandidierte zusätzlich für das Stadtpräsidium und wurde in den Stadtrat gewählt.» Einen Karriereplan zum Stadtratsamt habe er aber nie verfolgt.

Den Grossteil seiner beruflichen Karriere arbeitete Andreas Hauri im Marketing. Bei einer Firma für Küchen- und Kühltechnik und für den Schweizer Zweig des Versandunternehmens DHL war er als Head of Marketing tätig. Egal mit wem man über Hauri spricht, immer wieder wird dieser Hintergrund im Marketing erwähnt. «Irgendwie hat sich das über mich festgesetzt, ich weiss auch nicht ganz warum», sagt Hauri dazu. Seine berufliche Erfahrung helfe ihm aber durchaus auch in der Politik. «Im Marketing habe ich gelernt, genau hinzuhören, mich in andere Menschen hineinzuversetzen und mir zu überlegen, wie Botschaften ankommen. Das sind auch in der Politik wichtige Fähigkeiten, gerade wenn Lösungen mehrheitsfähig sein sollen.»

Wie Andreas Hauri Botschaften platziert, zeigt sich auf dem Spaziergang durch das Quartier. Wenn er etwas Wichtiges sagen will, hält er kurz an, sucht den Augenkontakt und erzählt dann von der von ihm initiierten Altersstrategie, die ein gutes und selbstbestimmtes Leben im Alter zum Ziel habe, unabhängig von der finanziellen Situation. Oder wie er mit dem Programm «Stärkung Pflege» früh Schwerpunkte für verbesserte Arbeitsbedingungen des Pflegefachpersonals am Stadtspital Zürich setzte. Dabei schiebt er seine Arme nach vorne, wenn er zeigen will, wie es gerade vorwärtsgeht, oder nimmt die Hände zusammen, wenn er davon spricht, wie die beiden Stadtspitäler zu einem wurden. Aktuell muss Hauri vor allem Werbung in eigener Sache betreiben. Auf seinem Instagram-Profil teilt er regelmässig ein politisches Ziel und dessen Umsetzung. Eines seiner Ziele sei «Zusammenarbeit auf Augenhöhe – über alle Stufen hinweg», heisst es dort. Der Erfolg? «Als erstes Departement in der Stadt haben wir im Gesundheits- und Umweltdepartement die Du-Kultur eingeführt.» Dazu steht jeweils Hauris Wahlslogan «Liefere, nöd lafere».

Immer wieder Führungskraft

Doch nicht nur sein Hintergrund im Marketing fällt im Lebenslauf von Andreas Hauri auf, sondern auch seine vielen Führungspositionen. Mit 25 Jahren tritt er bei einem Verlag seine erste Leitungsfunktion an, später folgen weitere Führungsaufgaben. «Das hat sich eher zufällig ergeben», sagt Hauri dazu. «Es macht mir aber viel Freude, Verantwortung zu übernehmen.»

Pascal Lamprecht, der für die SP im Gemeinderat und dort in der Sachkommission von Hauris Departement sitzt, lobt Hauris Führungsstil. «Seine Mitarbeiter:innen sind die Fachleute und er lässt diese Leute arbeiten. Trotzdem ist immer klar, dass Hauri die Verantwortung trägt.» Auch innerhalb des Stadtrates sieht Lamprecht Andreas Hauri positiv. «Er wirkt auf mich wie ein ruhender Pol in der Mitte des Gremiums, was mit seiner Position in der Parteienlandschaft nachvollziehbar ist.» Inhaltlich sei Hauri im Gesundheitswesen und im Klimabereich sehr liberal. «Insgesamt ist Hauri aber nicht weit von linken Positionen entfernt.»

Der Grüne Gemeinderat Yves Henz, der ebenfalls in der Gesundheits- und Umweltkommission sitzt, sieht Andreas Hauri kritischer. «Es sind zwar in der Gesundheits- und in der Klimapolitik durchaus Fortschritte erzielt worden, meistens kamen diese Ideen aber eher vom Gemeinderat als von Andreas Hauri selbst.» Im Umgang sei Andreas Hauri aber angenehm und die Zusammenarbeit nach überwiesenen Vorstössen funktioniere gut. In der Klimapolitik sei er marktgläubig. «Andreas Hauri unterstützt gerne Start-ups und glaubt daran, dass die Klimakrise vor allem über den Markt bekämpft werden soll. Ihm fehlt letztlich der Mut, die Wurzel des Problems anzugehen: den fossilen Kapitalismus.»

Damit konfrontiert betont Hauri die Komplexität und den langen Schnauf der Aufgaben zum Klimaschutz. Nicht jeder Entscheid sei einfach oder populär, sagt er. «Es sind verschiedene Faktoren, wie etwa das Bevölkerungswachstum und veränderte Konsummuster, die zum Klimawandel beitragen. Gerade beim aktuellen Klimabericht der Stadt hat sich wieder gezeigt, dass die indirekten Emissionen, etwa durch Flugreisen, weiterhin hoch sind.» Umso wichtiger sei es, dort anzusetzen, wo die Stadt konkret Einfluss nehmen könne. Auch innovative Wege im Klimaschutz gemeinsam mit der Bevölkerung und Unternehmen hält Hauri für wichtig, etwa mit dem Pilotquartier Netto-Null oder dem Förderprogramm KlimUp. Rückschritte bei der klimafreundlichen Mobilität, etwa wenn Nachtzugverbindungen eingestellt werden, hält Hauri für das falsche Signal. Zum Vorwurf des Start-up-Fanatismus sagt Hauri «Ich finde es super, zu sehen, wenn junge Menschen gute Ideen für umweltfreundliche Lösungen haben, und ich bin auch dafür, dass sich gute Ideen lohnen dürfen. Wenn jemand zum Beispiel ein Start-up gründet, das die Abfälle beim Bauen reduziert, soll diese Person damit auch Geld verdienen.» 

Schafft Hauri die Wiederwahl?

Als unser Spaziergang sich dem Ende zuneigt und wir langsam wieder zurück zum Monte Diggelmann laufen, sprechen wir über die Zukunft von Andreas Hauri. Finanzvorsteher Daniel Leupi, der ein Jahr älter ist, hat bereits bekannt gegeben, bei diesen Wahlen zum letzten Mal anzutreten. Hauri will sich nicht auf ein solches Datum festlegen. «Solange ich gerne arbeite und Freude daran habe, möchte ich gerne weitermachen. Aktuell gefällt mir die Arbeit sehr und ich sehe, dass wir in unseren Bereichen vorankommen. Wie es in vier Jahren aussieht, kann ich noch nicht sagen.»

Ob Hauri wirklich weitermachen kann, entscheidet im nächsten März die Stimmbevölkerung. Bei den letzten Wahlen landete er auf dem siebten Platz, mit nur zweitausend Stimmen mehr als der FDP-Stadtrat Michael Baumer, der mit den wenigsten Stimmen gewählt wurde. Nun tritt die FDP wieder mit Baumer an und mit Përparim Avdili stellt sie einen Kandidaten für das Stadtpräsidium, der einen sehr aktiven Wahlkampf führt. Zittert Hauri unter diesen Vorzeichen um seine Wiederwahl? Andreas Hauri erzählt lieber, was er in der nächsten Legislatur erreichen will: «Wir brauchen insgesamt mehr bezahlbaren Wohnraum in der Stadt. In der Alterspolitik sind wir gut unterwegs, weil wir konkret zusätzliche Alterswohnungen schaffen. Entscheidend ist für mich, dass wir anpacken und umsetzen und Politik nicht über Schlagworte machen, sondern über konkrete Arbeit.»