Asylentscheid negativ – wie weiter?

In einer vom Eritreischen Medienbund organisierten Veranstaltung haben junge EritreerInnen aus ihrem Leben mit einem negativen Asylentscheid erzählt und auf Folter, Zwangsarbeit und politische Gefangenschaft in Eritrea aufmerksam gemacht.

 

Thomas Loosli

 

Der Saal im Zentrum Karl der Grosse war so gut besetzt, dass einige BesucherInnen der Veranstaltung «Asylentscheid negativ! Perspektive Eritrea?» sich mit Stehplätzen abfinden mussten. Die unterhaltsame und herzerwärmende Moderation von Abdulhadi Abdallah, Montageelektriker im ersten Lehrjahr und Christian Fischer, Co-Geschäftsleiter des Eritreischen Medienbunds trugen trotz ernstem Thema zu einer guten und lockeren Stimmung im Saal bei. Der Abend startete mit einer Reihe von eindringlichen Vorträgen.

Die 20jährige Fiory Birhane kam vor fünf Jahren in die Schweiz. Sie machte ein Praktikum im Bereich Kinderbetreuung und begann später eine Lehre als Fachfrau Betreuung, bis sie der negative Asylentscheid ereilte. Die Lehre musste sie abbrechen. Seit zwei Jahren wartet sie auf den Entscheid ihres Rekurses. Es falle ihr schwer, im Kopf gesund zu bleiben, berichtete sie, langsam redend, ihren Vortrag fast wie ein Gedicht rezitierend. Während ihre Kolleginnen Schritte in die Zukunft machten, bleibe sie stehen. Fiory Birhane beendete ihren Vortrag auf Greta Thunberg Bezug nehmend: «Ich sollte nicht hier vor Ihnen einen Vortrag halten, sondern meine Lehre machen. Man hat mir meine Freiheit weggenommen». Yonas Gebrehewit, der 23jährige Mediensprecher des Eritreischen Medienbunds, sprach in seinem Vortrag über den Militärdienst in Eritrea (Sawa), der mehr als ein Militärdienst sei, die Menschen viel mehr zum Werkzeug des Staats machten. Offiziell gehe der Militärdienst 18 Monate, in Wirklichkeit würden die Menschen jahrelang gezwungen, für den eritreischen Staat unentgeltlich Dienst zu leisten. Folter und unmenschliche Bestrafungen bei «Verfehlungen» gehörten in Eritrea zur Tagesordnung. Der Frieden mit Äthiopien habe für Eritrea nichts verändert, meinte Yonas Gebrehewit. Im Gegenteil die Situation werde von Tag zu Tag schlechter. Wer könne, versuche zu fliehen. Das UNHCR
(Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge) spricht von täglich 300 Flüchtlingen aus Eritrea, die sich nach Äthiopien absetzen.

 

14 EritreerInnen müssen ausreisen

Daniel Bach, Informationschef des Staatssekretariats für Migration (SEM) hielt eine Präsentation über die momentane Situation der EritreerInnen in der Schweiz. Er wurde überraschend wohlwollend vom Publikum aufgenommen, was auch an der witzig vorgetragenen Präsentation lag. Über 41 000 EritreerInnen sind seit 1986 in die Schweiz geflohen. Unter ihnen sind etwa 13 000 Personen, die nur eine vorläufige Aufnahmebewilligung haben. Über 12 000 Asylgesuche aus Eritrea wurden seit 1986 abgelehnt. DienstverweigererInnen (Frauen müssen in Eritrea auch Dienst leisten) bekommen auch heute in der Regel Asyl. Wer hingegen nicht mit den Behörden in Kontakt gekommen ist, erhält kein Asyl mehr. Der Bundesverwaltungsgerichtsentscheid vom August 2017, welcher besagt, dass eine Rückkehr nach Eritrea grundsätzlich zumutbar sei, hat in der eritreischen Gemeinschaft für Unruhe gesorgt. Daniel Bach räumte ein, dass das SEM die Überprüfung der Gesuche der vorläufig Aufgenommenen schlecht kommuniziert habe und dass es zu Missverständnissen gekommen sei. «Die periodische Überprüfung von Asylgesuchen ist gesetzlich vorgeschrieben», meinte der SEM-Informationschef. Bis jetzt wurden 14 EritreerInnen die vorläufige Aufenthaltsbewilligung entzogen. Da es weiterhin kein Rückführungsabkommen mit Eritrea gibt, bleiben die Abgewiesenen faktisch in der Schweiz oder setzen sich in andere europäische Länder ab. Sie bekommen in der Schweiz nur noch Nothilfegelder, etwa acht bis zehn Franken pro Tag.

 

Kampf für Demokratie

«Meet the experts» hiess der zweite Teil des Abends. Die BesucherInnen der Veranstaltung konnten sich mit ExpertInnen (zu einem vorbestimmten Thema) unterhalten und Fragen stellen. Vorgestellt wurde beispielsweise die «One Day Seyoum-Kampagne». Das Ziel der Kampagne ist die Befreiung von allen politischen Gefangenen in Eritrea. Der Journalist Seyhoum Tsehaye setzte sich nach dem Krieg gegen Äthiopien im jungen eritreischen Staat für die Demokratie ein und bezahlte dafür einen hohen Preis. Er sitzt auch heute noch im Gefängnis. Andere Themen der Expertenrunde waren die Schliessung von katholischen Schulen und Spitälern oder die Oppositionsbewegung «Yakil». Es zeigte sich an diesem Abend, wie hart im Einzelfall ein negativer Asylentscheid ist. Eindrücklich ist der Durchhaltewille und die Entschlossenheit, die die Abgewiesenen am vergangenen Montag im Karl der Grosse bei ihren Präsentationen bewiesen. Sie wollen die Schweiz auf keinen Fall verlassen. Solange sich die politische Lage in Eritrea nicht ändert, werden die EritreerInnen weiterhin versuchen, mit allen möglichen Mitteln nach Europa zu gelangen. Daran ändert auch die verschärfte Asylpolitik der Schweiz nichts. Der eritreische Medienbund hat eine informative und ergreifende Veranstaltung auf die Beine gestellt, welche Menschen in einer verzweifelten Lage zeigte und dennoch Zuversicht weckte.

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