Arbeit und Glück

Vor einiger Zeit gab es reichlich Häme für Cédric Wermuth, weil er in einem Interview von jenen gesprochen hat, die keine Managerposition innehaben, sondern um acht Uhr aufstehen, um sich um ihre Familie zu kümmern. Prompt hiess es, die SP habe kein Sensorium für BüezerInnen, die ja in der Regel viel früher aufstehen würden als erst um acht Uhr. Nun hat ja Cédric Wermuth eigentlich von Care-Arbeit gesprochen, aber da hatte sich die Geschichte schon verselbstständigt. In den sozialen Medien versuchten sich die Wermuth-Kritiker (notabene keine Bäckerinnen oder Büezer) gegenseitig mit der eigenen Frühaufsteherei zu übertrumpfen. Aber im Vergleich zu Christoph Blocher, der angeblich nur vier Stunden Schlaf benötigt, ist jede Frühaufsteherei bloss Nasenwasser. 

 

Eine verwandte Diskussion war die in der letzten Wochen durch eine Dozentin aufgebrachte Diskussion über HistorikerInnen, die Teilzeit arbeiten, was nach Meinung ebendieser Dozentin eine Verschwendung der Ausbildung sei. Während vielleicht Kinderbetreuung noch als Grund gelten könnte für eine reduzierte Arbeitstätigkeit, scheint ganz frivol, wenn jemand tatsächlich Teilzeit arbeitet, um mehr freie Zeit zu haben. Auch passend dazu ist die Klage eines Gastronomen, der den Fachkräftemangel im ‹Tages-Anzeiger› so erklärt, dass die Jungen zu fokussiert seien auf die Work-Life-Balance: «Es dünkt mich, dass man sich dabei eher auf den Teil Life als auf den Teil Work fokussiert.» 

 

Bei solchen Diskussionen kommt mir immer eine von Kurt Martis (nicht verwandt) Leichenreden in den Sinn, die da ging: «Welche Wohltat (zum Beispiel), einmal auch sagen zu dürfen: Nein, er war nicht tüchtig und wechselte oft die Stelle. Nein, er war nicht fleissig und arbeitete nur, sofern es nicht anders ging. Sonst aber las er lieber Sport und Playboy, setzte sich nachmittags schon ins Kino (Eddie Constantine war sein Liebling), schlürfte Cognac in Strassencafés, meditierte über die Anmut der Frauen oder die Tauben am Turm. Welche Wohltat in einer Welt, die vor Tüchtigkeit aus den Fugen gerät: Ein Mann, der sich gute Tage zu machen wusste, ehe nach einigen bösen jetzt der letzte Tag über ihn kam.» 

 

Der britische Ökonom John Maynard Keynes prophezeite 1930, dass im Jahr 2030 die Menschen nur noch fünfzehn Stunden pro Woche arbeiten würden. Keynes ging davon aus, dass es weniger Arbeit braucht, um den Lebensstandard zu sichern, und dass die Menschen sich dann dafür entscheiden würden, mehr Freizeit zu haben. Warum lag Keynes so falsch? Dazu gibt es einige Erklärungsansätze. Beispielsweise, weil der technische Fortschritt auch die Konsumgüter verbesserte und damit auch neue Bedürfnisse schaffte: Um diese Güter zu konsumieren, müssen wir die entsprechenden Löhne generieren. Eine andere Erklärung besagt, dass Keynes Vorstellung auf dem englischen Adel beruhte, der von seinem Vermögen lebte (und lebt). Vermögensbildung in der modernen Welt aber beruht auch auf Humankapital, dessen Wert sich nicht steigert, wenn das Kapital nicht im Einsatz ist. Eine weitere Erklärung ist die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen, die dazu führt, dass etliche Menschen es sich gar nicht leisten können, weniger zu arbeiten. Und vielleicht liegt es auch ein bisschen daran, dass viele Menschen tatsächlich gerne arbeiten.

 

1933 verfassten Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel eine Studie über Arbeitslose in Marienthal, einer Arbeitersiedlung in der Nähe von Wien. Dort wurde 1929 eine Fabrik, die die Mehrzahl der EinwohnerInnen beschäftigte, geschlossen. Wegen der nachfolgenden Weltwirtschaftskrise fanden viele keine Beschäftigung mehr. Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel gingen den Auswirkungen dieser Langzeitarbeitslosigkeit nach und stellten fest, dass die Arbeitslosigkeit bei den Menschen zu Apathie, Resignation und Überforderung führte – in der Studie wurde von einer «müden Gemeinde» gesprochen. Während sich etliche Linke damals erhofften, die Arbeitslosigkeit würde zu Revolte führen, stellten die AutorInnen fest, dass die Verzweiflung eine Entpolitisierung zur Folge hatte. 

 

In Marienthal wird gegenwärtig eine neue Studie mit Arbeitslosen durchgeführt. Und zwar geht es um ein Experiment mit einer sogenannten Arbeitsplatzgarantie. Das Projekt bietet allen Personen, die seit mehr als neun Monaten als arbeitslos gemeldet werden, einen Arbeitsplatz. Die Teilnahme ist freiwillig, und die TeilnehmerInnen werden über den Projektzeitraum begleitet. Das Projekt sei das erste weltweit, das eine Arbeitsplatzgarantie unter wissenschaftlichen Bedingungen testet. Der Unterschied zwischen der Arbeitsplatzgarantie und Beschäftigungsprogrammen, wie wir sie aus der Arbeitsintegration kennen, ist, dass die Arbeitsplatzgarantie sowohl vollkommen freiwillig wie auch bedingungslos ist und sich an alle wendet. Die TeilnehmerInnen werden zwar begleitet, aber sie erhalten einen vollen Lohn, der demjenigen im freien Arbeitsmarkt entspricht. Erste Ergebnisse des noch bis 2024 laufenden Experiments stimmen positiv. Die psychische Gesundheit der Beteiligten habe sich verbessert und mehr als erwartet konnten noch während dem Programm eine Stelle im ‹regulären› Arbeitsmarkt finden. Die Arbeitslosigkeit ist im Testgebiet auch im Vergleich zu einer Modellgemeinde gesunken. Und viele Beteiligte schöpften Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die sie vorher nicht hatten. 

 

Am 25. September stimmt die Stadt Zürich über einen wissenschaftlichen Pilotversuch ab, der ein bedingungsloses Grundeinkommen testen will. Dieses wurde international schon getestet, beispielsweise in Finnland. Dort wurde festgestellt, dass das Grundeinkommen die psychische Gesundheit der Beteiligten verbessert hat, allerdings konnte kein Effekt für den Arbeitsmarkt festgestellt werden. Das Grundeinkommen richtete sich aber nur an Arbeitslose und nicht an alle. 

 

Ich bin dem Grundeinkommen gegenüber skeptisch eingestellt, weil ich glaube, dass in einer Gesellschaft, in der (bezahlter) Arbeit ein derart hoher Stellenwert eingeräumt wird, dies nicht rein mit Geld kompensiert werden kann. Dennoch halte ich es für sinnvoll, dass solche Studien und Experimente ermöglicht werden, denn nur so ist eine evidenzbasierte Arbeitsmarktpolitik möglich. Das bedingt aber auch, dass auch anderes getestet wird, wie eben eine Jobgarantie oder auch eine Arbeitszeitverkürzung. Denn zum guten Leben gehört wohl Arbeit dazu, aber sie ist nicht alles. Denn unsere Welt gerät noch immer vor Tüchtigkeit aus den Fugen. Und wir würden doch gerne am Ende des Lebens wissen, dass wir uns auch gute Tage zu machen wussten. 

 

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