Anstelle eines Muttertags

«Mutter. Ich trage Dich wie eine Wunde auf meiner Stirn, die sich nicht schliesst. Sie schmerzt nicht immer. Und es fliesst das Herz sich nicht draus tot. Nur manchmal, plötzlich, bin ich blind und spüre Blut im Munde.» (Gottfried Benn). Das Muttersein ist eine schwärende Wunde der Gesellschaft und der wunde Punkt im Feminismus schlechthin. Alle Frauen entstammen einer Frau, deren lebensspendende und -erhaltende Tätigkeit von der Gesellschaft nur Geringschätzung erfährt. Vor allem die italienischen Feministinnen  (vgl.  «Mailänderinnen», «Diotima») thematisierten schon in den 1990er Jahren die schwierige und oftmals verunglückte Beziehung von Frauen zu ihrer Mutter als Ausdruck einer gesellschaftspolitischen Schieflage, in der «alles, was mit der Mutter zu tun hat, im wörtlichen Sinn un-angemessen ist» (Alessandra Bocchetti).  Lia Cigarini befand, dass wir Töchter in Tat und Wahrheit in unserer Beziehung zur Wirklichkeit vor einem Hindernis stünden, einem Hindernis, das so elementar sei, dass wir es auf die Beziehung zur Mutter bezögen.

Dieses Hindernis ist auch heute noch die Tatsache, dass es ein männliches, gestaltendes, ordnendes Prinzip gibt, von dem das weibliche als Abweichung gilt, etwas Unvollständiges, der Abhilfe Bedürftiges. Daran hat der Genderismus nichts geändert – im Gegenteil: Er hat nur die Verhältnisse verschleiert, indem er den Frauen Gleichberechtigung in Aussicht stellt, wenn sie im Gegenzug ihre Geschlechtlichkeit überwinden.

Symptomatisch ist etwa, dass man Feminismus und Mutterschaft kaum mehr zusammen thematisieren kann, ohne des Biologismus bezichtigt zu werden, gerade so, als ob ein Bekenntnis zur Mütterlichkeit einer Regression in einen quasi-natürlichen Zustand gleichkäme, in etwas Rohes, von der Kultur nicht Erfasstes.

Der Biologismus liegt aber eigentlich in dieser Unterstellung selber. Denn Kinderkriegen ist immer und überall kulturell überlieferten Techniken und gesellschaftlichen Zwängen unterworfen, von der Familienplanung über die gesunde Schwangerschaft zu den Gebärtechniken oder der Abtreibung bis zum Beruf der Hebamme.  Nicht einmal die mütterliche Hingabe – eine durchaus erforderliche Zutat – ist etwas Angeborenes. Die Geduld, sich dieser Nähe über Stunden, Tage und Jahre auszusetzen, ist eine eingeübte Fertigkeit, die Mädchen jahrelang subtil angedrillt wird. (Nur Babyklappen bedienen eigentlich das Natürliche: den Fluchtreflex vor dieser übergrossen Aufgabe). Bereits im archaischen Patriarchat, das mit einer natürlichen oder gottgewollten Ordnung argumentiert, muss doch der Wille des Mädchens gebrochen werden (s. etwa im Film «Mustang»). Es passt ins Bild, wie vehement der informierte Entscheid durchaus gebildeter Frauen, ‹nur› Mutter sein zu wollen, von allen Seiten bekämpft wird… Mit der Bewertung als rein biologisches Geschehen wird auch gerechtfertigt, dass die ganze Leistung der Mütter unbezahlt erfolgt.

Nach Luisa Muraro ist die Liebe einer Frau zur Mutter, die Dankbarkeit für jene Frau, die sie auf die Welt gebracht hat, «eine symbolische Notwendigkeit, von der es abhängt, ob eine Frau einen freien und fruchtbaren Bezug zu sich selbst, zu den anderen Frauen, zu den Männern finden kann.» Diese Liebe bezeichne kein vorhandenes oder fehlendes Gefühl aus der familiären Vergangenheit, sondern einen Übergang, eine notwendige Vermittlung, die eine Frau in ihrem Dasein als Mensch passieren müsse. Sie entsteht durch eine politische Praxis unter Frauen. Indem wir würdigen, was wir Gutes von Frauen erhalten haben, uns gegenseitig wertschätzen, uns weisen Frauen anvertrauen, «für unseren Geist eine Nahrung suchen, die dem Denken von Frauen entspringt», ermöglichen wir eine Gesellschaft, die der symbolischen Gestaltungskraft des Weiblichen Rechnung trägt.

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