(Bild: Christian Strickler)

Anstand

Wenn Blagen ihre Probleme eigenhändig lösen, bringen sie die Eltern in die Bredouille.

Bald ist es zwanzig Jahre her, seit Jürgen Gosch Yasmina Rezas «Der Gott des Gemetzels» auf der Pfauenbühne zur deutschsprachigen Uraufführung brachte. Die Verschiebung der gesellschaftlichen und sozialen Gemengelage während der seither veränderten Zeitläufte ermöglicht es, einen stets gewinnbringend neu nuancierten Blick drauf zu werfen. Der neuste stammt von Annina Dullin («tschernobyl/my love»). Sidonia Helfenstein baut ihr ein Hamsterrad auf die Bühne, worin sich die Paare bildhaft zwischen komfortabel und turbulent changierend im Kreis drehen können. Annette (Nadja Rui) und Alain (Christoph Rath) sind der Besprechungseinladung von Veronique (Anna-Katharina Müller) und Michel (Sebastian Krähenbühl) gefolgt, worin die hemdsärmlich geführte Auseinandersetzung zwischen ihren beiden elfjährigen Söhnen im gesitteten Rahmen von Anstand und Vernunft in ein Einvernehmen in Minne überführt werden soll. In Erwartung eines Streitgesprächs wäre anzunehmen, dass sich der Grenzverlauf zwischen den beiden Paaren manifestiert, aber mit zunehmender Dauer der Zerredung eines an sich unbestreitbaren Fakts – also dem Finale, nicht zwingend der Ursache – verschieben sich die Lager. Und dies nicht bloss semantisch. Jede der vier Figuren ist von Yasmina Reza als Prototyp nach einer real glaubwürdigen Typenvorlage entwickelt und dem entsprechend von Annina Dullin besetzt worden. Rasch stehen Klassendünkel und Weltanschauungen als Diskrepanz weit über jeder Einschätzung, ob es sich hier um eine Lappalie oder eine Gewalttat gehandelt habe, als Zankapfel im Zentrum. Je nachdem, woher die Kritik gerade weht und vor allem vorauf sie abzielt, entspannt sich ein reges Bäumchen-wechsel-dich, während dem sich sämtliche Figuren höchstselbst als halt doch bloss allzumenschlich fehlbar, selbstsüchtig und rachlüstig desavouieren. An Frieden im engeren wie im übertragenen Sinn ist bald schlicht nicht mehr zu denken.

«Der Gott des Gemetzels», bis 8.3., Turbine Theater, Langnau a.A.