Ambivalenz

Laura Coppens erzählt von der Schwierigkeit innerfamiliärer Geschichtsaufbereitung.

Dankend lehnt Günther Gerber die erste Anfrage seiner Enkelin über eine filmische Begleitung seiner Lebenserzählung ab. Er fürchtet sich vor einem generellen Unvermögen «einer Erzählung über die DDR ohne Häme und bösartige Zwischentöne». Laura Coppens bleibt hartnäckig und gegen zehn Jahre später, als die Grossmutter Renate bereits verschieden ist und Günther den Verlust seines Gedächtnisses befürchtet, willigt er schliesslich ein, von seinem Leben in zwei Diktaturen zu erzählen. Zitate aus Christa Wolfs «Kindheitsmuster» und Zeugnisse aus dem Stasi-Unterlagenarchiv ergänzen die Annäherung, die unvollständig bleiben muss. Günther wird das Resultat nicht mehr zu sehen bekommen und Laura Coppens wirft sich vor, ob sie nicht vielleicht doch eindringlicher hätte nachhaken sollen. Item. 1935 geboren, eiferte er seinem grossen Bruder nach, der für Nazideutschland an der Front fiel, und hält es heute für die «Gunst der späten Geburt», dass er sich in diesen «unseligen Zeiten der deutschen Schande» selbst keines Verbrechens schuldig gemacht hatte. Als angehender Arzt und von der Idee des Sozialismus als der menschlicheren Organisationsform für das gesellschaftliche Leben überzeugt, lernte er seine Frau bei der Arbeit kennen. Sie war zudem eine engagierte Kämpferin für den Kommunismus und behielt es sich noch in der Ehe vor, nach Gutdünken Liebeleien einzugehen. Als ihnen das Ministerium für Staatssicherheit angeboten hatte, die gynäkologische Abteilung der Charité in Berlin leiten, lehren und forschen zu können, ergriff das Ärztepaar die Gelegenheit am Schopf. Günther wurde sehr wohl ein sogenannt Informeller Mitarbeiter, aber, wie schon die Aktennotizen und deren handschriftlichen Korrekturen nahelegen, kein ausgesprochen engagierter. Ohne zeit- und situationskritisch in den Schuhen eines anderen zu stecken, lässt sich dessen ganze Ambivalenz zwar einigermassen erfragen, aber nicht vollends ergründen.

«Sedimente» spielt am So, 23.11., 11h im Kino RiffRaff in Anwesenheit der Filmemacherin.