Am Wegrand des Kulturkampfs

Letztens bin ich per Zufall über einen Beitrag gestolpert zu den Berner Wahlen. Per Zufall meine ich, weil ich diesen Artikel auf Facebook gesehen habe und ich Facebook eigentlich nur noch selten anschaue. Zur Veränderung von Facebook gäbe es viel zu sagen und zu meiner zunehmenden Entfremdung von Social Media auch, aber das ist etwas für eine andere Kolumne. In diesem Artikel, der auf ‹Infosperber› erschienen ist, hadert der Autor (Marco Diener) mit der Entscheidung zur Wahl. Er habe immer SP gewählt, aber das falle ihm jetzt schwer. Die SP fixiere sich zu fest auf das Geschlecht oder auf unnötige Dinge wie die Angabe von Pronomen bei den Biographien, findet er und kümmere sich um die falschen Themen. Die SP setze also die falschen Prioritäten. «Dabei müsste sich die SP nicht in solche Floskeln flüchten. Sie hätte genug anderes zu tun. Sie könnte sich mit gewerkschaftlichen Anliegen beschäftigen, sie könnte sich um die Sorgen von Mietern kümmern, sie könnte sich mit Umweltanliegen befassen. Und auch darüber sprechen. Aber was ist uns vom letzten SP-Parteitag in Biel/BE geblieben? Das Kopftuch. Kolumnistin Kaltërina Latifi schrieb im ‹Magazin› kürzlich treffend, dass uns die SP das Kopftuch ‹neuerdings als emanzipatorische Errungenschaft verkaufen will›».

Nun hat die SP im Kanton Bern bei den letzten Wahlen zugelegt, aber Marco Diener beschreibt eine Gefühlslage und Kritik, die durchaus immer wieder geäussert wird. Zum einen ist die Kritik an der zu ‹woken› Linken und der Identitätspolitik ein Dauergenre in der Presse. Aber die Kritik ist nicht ein reines Medienphänomen. Der Kulturkampf wird zwar mit Leidenschaft ausgefochten, fordert aber auch seine Opfer. 

Ich kann einen Teil der Kritik sogar nachvollziehen. Das kann mit meinem mittlerweile auch nicht mehr ganz taufrischen Alter zusammenhängen. Dabei geht es mir weniger um Pronomen oder Kopftücher, aber es gibt schon eine gewisse Form von Aktivismus, der mir auf die Nerven geht. Der sich vor allem darauf kapriziert, die eigenen Verbündeten anzugreifen oder Menschen für ein nicht Hundertprozent korrektes Verhalten zu tadeln. Es nervt mich vor allem, weil ich glaube, dass das dem Anliegen nicht einen wahnsinnigen Gefallen tut. 

Vor ein paar Wochen kam ich am Bahnhof an einer Aktion von Veganer:innen vorbei, die das Prinzip sehr treffend illustrierten. Die Veganer:innen standen nämlich so da, ganz schwarz gekleidet, mit düsterer Musik und Schildern. Auf den Schildern stand: «Vegetarier töten.» Nun kann ich nachvollziehen, dass für Veganer:innen Vegetarier:innen nicht konsequent genug sind. Nur sind sie deswegen schlimmer als Fleischessende? Wäre es aus dieser Perspektive nicht schon ganz pragmatisch sinnvoll, alle Menschen würden weniger Fleisch essen und weniger Tierleid verursachen? Warum schiesst man sich ausgerechnet auf jene ein, die vermutlich der eigenen Sache noch am nächsten stehen? Die Aktion – vielleicht war es auch eine Kunstaktion, man weiss es ja nie – hatte auf jeden Fall kaum das Ziel, irgendjemanden zu überzeugen. 

Es gibt auch eine Reihe von Themen, in denen ich durchaus ambivalent bin. Das Kopftuch beispielsweise. Ich kann nur beschränkt nachvollziehen, warum man eines tragen möchte, weil unter dem Strich ist es ein patriarchales Symbol, das von der Frau ein Opfer verlangt, aber vom Mann nicht. Aber ich kann auch nicht nachvollziehen, warum Frauen ihren Namen aufgeben bei der Hochzeit. Als liberaler Mensch habe ich aber auch Mühe, den Leuten staatlich vorschreiben zu wollen, was sie zu tragen haben und was nicht. Und es ist mir bewusst, dass es in einer pluralistischen Gesellschaft nicht nur darum gehen kann, was ich persönlich gut finde und was nicht. Und: Auch wenn mein Bauchgefühl eher Richtung Laizismus geht, finde ich schon auch, dass in der Politik eine Rolle spielt, was – wie Helmut Kohl so schön gesagt hat – hinten rauskommt. Ob der strenge Laizismus Frankreichs wirklich so erfolgreich ist in der Integration von Menschen, kann man durchaus kritisch ansehen. Ich bin zum Beispiel auch eher der Meinung, dass man problematische Inhalte und Darstellungen kontextualisieren und nicht weglassen soll. Das alles sind Fragen, die man durchaus diskutieren kann.

Wenn man aber die Konsequenzen einer Anti-Woke und Anti-Diversitäts-Politik anschaut, wie sie beispielsweise Ungarn oder die USA betreiben, dann landet man eben nicht in einer universalistischen Gesellschaft, in der alle ‹farbenblind› sind und das Geschlecht oder sexuelle Orientierung keine Rolle mehr spielt. Sondern in einer, bei der noch klar ist, wo Gott hockt und welchen Platz diejenigen haben, die nicht dazugehören. Kriegsminister Pete Hegseth beispielsweise verhindert eigenhändig die Beförderungen von Offizieren, die rein zufällig alle weiblich oder alle schwarz sind. In Kansas haben trans Personen den Bescheid erhalten, dass ihre Führerausweise nicht mehr gültig sind. Einen neuen können sie nicht erhalten, weil ihr Geschlecht nicht mehr mit dem Geschlecht ihrer Geburt übereinstimmt. In verschiedenen US-Bundesstaaten wird die Geschichte der Sklaverei nicht mehr unterrichtet und Bücher von Maya Angelou oder Toni Morrison aus dem Curriculum und den Bibliotheken entfernt. In Ungarn ist es gemäss Verfassung verboten, sich an einer Versammlung für die Rechte von Schwulen und Lesben einzusetzen. Es scheint mir einigermassen absurd, über linke Cancel Culture zu sprechen, wenn Bücher verboten oder Websites von gewissen Worten gesäubert werden. 

Vor allem geht es im Kern um etwas anderes, was manchmal durch gewisse nervende Elemente oder Debatten übertüncht wird. Pluralismus will mehr Sichtbarkeit ermöglichen, soll bisher untervertretenen Menschen mehr Rechte geben. Konservativismus, rechte Ideologie basiert auf einer hierarchischen Ordnung. Es geht nicht darum, allen Menschen die gleichen Rechte zu geben, sondern eine göttliche Ordnung herzustellen, bei der (weisse) Männer an der Spitze sind. Die emanzipatorischen Bewegungen wollen mehr Menschen Freiheit geben, die Rechte will sie gewissen Gruppen wegnehmen. Das ist keine Nebensache, kein Nebenwiderspruch. 

Das heisst nicht, dass man nicht finden kann, die Linke solle sich in erster Linie um die soziale Frage kümmern. Es heisst auch nicht, dass jeder seine Pronomen in die Mail-Signatur schreiben muss. Aber man soll sich in der heutigen Zeit, bei der Zensur, Willkür und Cancel Culture von rechts so viel klarer und folgenreicher sind, wo sich Rechtsnationalismus, Neofaschismus und das Recht des Stärkeren auf der Welt ausbreiten, fragen, ob man selber die richtigen Prioritäten setzt, wenn die Pronomen der Grund sind, dass man nicht mehr links wählen will. 

(P.) S. O. S. !

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