- Kultur
«Am meisten danke ich mir selbst»
Ganz spitzfindig betrachtet, hinkt der Vergleich, den das feministische Kollektiv ‹Der grosse Tyrann› mit «Wandatheater» anstrengt, um die Schwierigkeiten der Selbstdurchsetzung von Frauen im Theater als seit dem 18. Jahrhundert gleichbleibend erschwert darzustellen. Denn Theater hatte primär eine kommerzielle Hauptausrichtung im Sinn, was als aktuelle Referenzgrössen vielleicht passender auf Pascal Ullis Independent Produktionen, Dominik Flaschkas Shake Company oder Erich Vocks Spockproducions zugeschnitten wäre. Bezeichnend allerdings in dieser überhaupt nicht vollständigen Auflistung ist die integrale Abwesenheit von Frauen. Die essen selbst im breitenwirksamen Unterhaltungsfach als Unternehmerinnen das harte Brot der Kleinkunst wie Patty Basler, Uta Köbernick oder die Exfreundinnen oder aber erweitern ihre bereits beruflich erlangte mediale Prominenz zu Bühnenshows wie Gülsha Adilji. Insofern zelebriert der grosse Tyrann mit der Würdigung Theaterunternehmerin, Schauspielerin und Schriftstellerin Friederike Caroline Neuber (1697-1760) vielmehr die Ausnahme als die Regel. Die Regel, die noch immer eine Abhängigkeit meint.
Goodwill und Fremdbestimmung
Eine, die alle Spielerinnen während des szenischen Spaziergangs durch das Zürcher Seefeld und die rechtsseitige Uferpromenade mittels realer Beispiele aus ihrem Erfahrungsschatz vorführen. Ausgebildet als Kostümbildnerin (Maude Hélène Vuilleumier), Dramaturgin (Liliane Koch), Komponistin (Rosanna Zünd) und Schauspielerin (Wanda Wylowa) – immer ergänzt von zahllosen Zusatzqualifikationen, versteht sich – sind alle auf Stipendien, Förderung, Engagements bis teilweise in die Werbung, Fernsehen hinein oder als helfende Hand während des weltweit grössten Musikspektakels angewiesen, um überhaupt auf einen grünen Zweig zu kommen. Wobei diese Relativierung auf dem Fusse folgt und als durchschnittlich erwartbares Einkommen von zweitausend Franken im Monat beziffert wird, dem eine immer aussichtsloser werdende Möglichkeit für eine adäquate Unterkunft gegenübersteht, die dann gleich auch noch als Probenraum, Familienunterkunft, Denk- und Freiraum mehrfachgenutzt werden soll. Prekär war schon das Leben der Neuberin und ihre Abhängigkeit von Mäzen:innen – beispielsweise der russischen Zarin in St. Petersburg – war ebenso legendär wie problematisch. Stirbt diese unvermittelt, hat die Künstlerin eigenständig zu schauen, wo sie bleibt. Wer leistet sich schon – seit dem Hinschied von Annette Ringier lokal noch verschärft – die freimütige Unterstützung von Künstler:innenpersönlichkeiten aus Überzeugung und Interesse und Freude, ohne derweil das eigene Denkmal zuvorderst im Sinn zu führen?
Eigensinn und Publikumsgunst
Schon der Neuberin war die damalige Dominanz beispielsweise der derb-vulgär-geschmacklosen Figuren des Hans-Wurst insbesondere hinsichtlich der Publikumsgunst ein Gräuel, weshalb sie versuchte, ihn von der Bühne zu verbannen. Nicht nur mit dieser Neuerung stiess sie an Grenzen. Mehrfach hielt sie aus lauter Zorn ihrem Publikum dessen grenzenlose Kulturlosigkeit vor, während ihr eigener Kunstsinn vor Einfällen für Neuerungen und Verbesserungen nur so sprühte, die dann aber erst recht niemand mehr sehen wollte, weshalb sie die Stadt wechseln musste. Die eifersüchtigen Intrigen ihrer männlichen Kollegen mal aussen vor gelassen. In dieser Hinsicht ist der grosse Tyrann durchaus mit der Neuberin ebenbürtig. Nur spielen, was garantiert alle sehen wollen und derweil unter den eigenen Möglichkeiten bleiben und dabei kreativ verkümmern, will keine aus dem Kollektiv aus freien Stücken. Dafür halten sie sich aber stoisch an eine der wenigen überlieferten Maximen der Neuberin: «Sie bleibet beyden, der guten und der bösen Welt verpflichtet: Der guten, weil sie es würdig ist, der bösen, weil sie an ihrer Besserung nicht zweifelt.» Gemeint ist das Publikum, das sich nicht nur intellektuell auf seinem vermeintlich unzweifelhaften Kunstsinn auszuruhen beliebt, während es ihm niemals auch nur einfiele, über diese bescheidene Sichtschranke der Komfortzone hinausblicken zu wollen und darum jede Neuerung kategorisch ablehnt. Um dem entgegenzuwirken, wurde der Schubs erfunden. Physisch und sinnbildlich. Spass und Tiefenwirkung, Selbstironie und Gesellschaftssatire, Klamauk und Grazie untereinander virtuos zu einem Grösseren zu verbinden und in genussfertigen Häppchen zu servieren, darin besteht die eigentliche Kunst, die der grosse Tyrann bis hin zur Meisterschaft zu betreiben antritt. Und nicht etwa weniger.
«Wandatheater», 31.5., Schlüsselbund/Beijz, Zürich. Nächstmals: 30.8. bis 4.9., Stadionbrache Hardturm, Zürich. www.dergrossetyrann.com