Altersklug

 

«Was ist schon normal?», fragt ein Protagonist in Thomas Wallners Dokumentarfilm «Gardenia» über die alternden Travestiekünstler*Innen aus Alain Platels gleichnamiger Bühnenproduktion. Nichts und alles.

 

Der Untertitel «bis der letzte Vorhang fällt» bezieht sich nicht nur auf das Ende der erfolgreichen zweieinhalbjährigen Welttournée dieses Stücks, sondern auch auf das Stadium im Leben, das die homosexuellen und transidenten Protagonist*Innen erreicht haben. Das wohltuende an diesem Film ist die Aufrichtigkeit oder vielmehr die schonungslose Direktheit, mit der die darin begleiteten Menschen über ihre Ängste, Sorgen, Nöte, Wünsche und schönen wie schrecklichen Erinnerungen sprechen. Die Personen blicken auf ein reiches Leben zurück, das primär ein Kampf war. So sein zu können, wie sie sind. So leben zu können, wie sie wollen. Dabei respektiert zu sein und den Mut trotz herber Rückschläge nicht zu verlieren. Einige sind darüber leicht verbittert geworden, was sich in einer leicht melancholischen Erwartungslosigkeit für das Weitere äussert. Andere legen es noch heute drauf an und kandidieren für den Stadtrat ihrer Gemeinde und putzen im Zeitalter von Social Media Klinke für Klinke für Klinke.

 

Zum grossen Glück sind die Aussagen der portraitierten Personen sehr verschieden, sodass sich im Gesamten eine bare philosophische Betrachtung über ein Leben als solches ergibt. Da es sich ausschliesslich um Leben an den äussersten Rändern der sogenannten Gesellschaft handelt, sind auch viele der Weisheiten im Film zwar primär unorthodox anmutend, indes genau den Nagel auf den Kopf treffend universell. Eigentlich ist «Gardenia» ein humanistisches Pamphlet als Film, das ein schnell herbeigesagtes Wort wie Toleranz mit Sinn und Leben füllt, ihm mehr als ein Gesicht gibt, das mittlerweile nicht mehr ganz so frisch anzusehen ist und gerade deshalb tief berührt. Selbst wenn der Tonfall hier und da nachdenklich bis schwermütig wird, bleibt ein Gefühl zurück, angespornt geworden zu sein, (s)ein Leben nach der eigenen Façon zu leben und diese Freiheit bis aufs Letzte zu verteidigen und dabei stets den Stolz und die Würde zu behalten. Eine philosophische Brandrede wider jeglicher Tendenz einer Uniformität.

 

«Gardenia», 3. – 15.5., Filmpodium, Zürich.

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